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#Linkeinsbesondere

Jeja nervt: Sind sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch unter Linken stärker verbreitet oder nur sichtbarer, weil wir eben besonders feministisch sind?

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 3 Min.
Demonstrantinnen protestieren gegen Gewalt gegen Frauen.
Demonstrantinnen protestieren gegen Gewalt gegen Frauen.

Vor Jahren unterhielt ich mich mit einer Nachwuchspolitikerin der Jungen Union über Männer in unseren politischen Umfeldern. Sie lauschte meinen Erzählungen über ständige Sexismuskonflikte mit und Übergriffigkeiten durch Genossen. Schließlich erwiderte sie: In konservativen Kreisen gebe es das nicht. Die Männer seien alle in Ordnung. Ich tat es als den klassischen »Confirmation Bias« ab: Wer davon ausgeht, dass Sexismus und sexuelle Gewalt keine großen Probleme sind, insbesondere aber nicht des eigenen, positiv bewerteten Milieus, wird sie auch nicht finden - selbst wenn sie da sind. Andersherum führt ein erhöhtes Interesse an einem Phänomen auch zu einer stärkeren Wahrnehmung - denken Sie an skandinavische Staaten in der Hellfeld-Statistik zu Straftaten gegen sexuelle Selbstbestimmung.

Früher habe ich daher immer gesagt: Außerhalb der politischen Linken passiert dieselbe sexuelle Gewalt wie hier. Nur prangern die Betroffenen diese dort kaum an, weshalb wir weniger davon mitbekommen. Das war eine klassische »Spiegel der Gesellschaft«-Theorie, mit der man sich zum Beispiel auch in Bundeswehr und Polizei dagegen verteidigt, ein besonderes Problem mit Rechtsradikalismus zu haben. Inzwischen glaube ich aber, dass linke Männer tatsächlich häufiger und massiver zu Gewalt neigen, wenn es um ihre sexuellen und Beziehungswünsche geht. Das heißt nicht, das Argument der größeren Bereitschaft zu Aufmerksamkeit und öffentlicher Anprangerung ganz zu verwerfen.

Linke Männer leben in einem Umfeld, das besondere moralische Ansprüche formuliert - auch sexualmoralische. Sie sind mit einer großen Stärke und einem hohen Organisierungsgrad von Frauen und des Feminismus konfrontiert - mit Gegenwehr gegen und Anprangerung von Tätern. Die Männer kriegen mit, wie es für Freunde und Bekannte Konsequenzen setzt. Gleichzeitig ist Männlichkeit per se fundamental krisenhaft und prekär angelegt. Da verwundert es nicht, wenn sie kaum fähig ist, mit einer so massiven Veränderung in den Geschlechterbeziehungen umzugehen, wie sie in linken Milieus vorherrscht. Was wir hier erleben, stellt eine Verschärfung des im Patriarchat angelegten Männlichkeitsdilemmas dar. Es ist die Unfähigkeit, weibliche Macht und Subjektivität anzuerkennen - gerade dort, wo diese umso selbstsicherer verkörpert und eingefordert werden.

Geschlechtscharaktere sind nichts, aus dem sich mal eben einfach aussteigen ließe. Eine Definition als feministische Partei, wie sie Die Linke völlig zu Recht beansprucht, ändert an all den subtilen und zwielichtigen Prägungen in uns wenig. Es sind von klein auf eingeübte Beziehungs-, Begehrens-, Gefühls- und Befriedigungsmuster. Sie sind da, lange bevor die linkspolitische Biografie eines Menschen beginnt. Und sie sind Männern besonders unverfügbar, weil bei ihnen Verbalisierung und Bearbeitung, ja sogar die schlichte Bewusstwerdung von allen irgendwie mit Schwäche, Passivität, Abhängigkeit und Weiblichkeit assoziierten Regungen besonderen internalisierten Konformitätsdruck verursachen.

Linke Frauen aber lösen in Männern ein besonderes Bedrohungsgefühl, eine verschärfte Angst aus, die über jene hinausgeht, mit der männliche Sexualität im Patriarchat sowieso zutiefst vermengt ist. All die positiven Gefühle und Wünsche, die an der Sexualität hängen, sind schwer trennbar mit negativen, aber kaum bewussten Gefühlen durchdrungen: von Angst, Neid, Trauer, Unlust und Wut bis hin zu Hass und Feindseligkeit. Es ist kein Wunder, dass wir immer wieder mit Männern zu tun haben, die die Vereinbarkeit von (pro-)feministischem Selbstbild und ganz normaler, sexueller Übergriffigkeit auf das Niveau eines Doppellebens heben, in das sich nur noch schwer hineinversetzen lässt. Denn das Drama der Männlichkeit, von jenen Frauen sexuell und emotional abhängig zu sein, denen gegenüber es als Mann Autonomie und Überlegenheit zu verkörpern gilt, spitzt sich unter Linken noch massiv zu.

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