Jahrestag im Schatten des Krieges

36 Jahre nach dem Super-GAU im AKW Tschernobyl machen die Kämpfe das Risiko der Kernenergie deutlich

  • Von Reimar Paul
  • Lesedauer: 4 Min.

Am 26. April 1986 erschütterte der bis dahin schlimmste Unfall in einem Atomkraftwerk mit verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt die Welt. Vor 36 Jahren havarierte Reaktor Nummer 4 im sowjetischen AKW Tschernobyl. Ohne den Krieg in der Ukraine wäre der Jahrestag wohl nicht groß beachtet worden. Aber die Kämpfe in der Region um Tschernobyl haben die besonderen Gefahren durch die Kernenergie in Erinnerung gerufen.

Damals geriet ein Sicherheitstest in dem erst drei Jahre zuvor in Betrieb genommenen Block wegen Bedienungsfehlern und Konstruktionsmängeln außer Kontrolle. Die Reaktordecke explodierte, gewaltige Mengen radioaktiven Materials verteilten sich in der Umgebung, eine Strahlenwolke zog über Europa. Viele Menschen starben infolge der Katastrophe, die Spätfolgen sind noch immer nicht ganz absehbar. Auch in Deutschland sind Pilze und Wildfleisch infolge des Unfalls bis heute radioaktiv belastet.

Schon in den ersten Stunden hatte die sowjetische Führung Tausende Helfer nach Tschernobyl geschickt - sogenannte Liquidatoren, die die Strahlung stoppen sollten. Der erste Rettungstrupp bestand aus 6000 Soldaten und 40 000 Angehörigen der chemischen Spezialtruppen. Sie mussten auf die Dächer neben dem offenliegenden Reaktor klettern, um diesen mit Schutt zu bedecken, oder verstrahlte Graphitblöcke, die durch die Explosion in die Umgebung geschleudert worden waren, zurück in den Schlund des Kraftwerks zu werfen. Andere schütteten aus Militärhubschraubern mehrere Tausend Tonnen unterschiedlicher Materialien in den offenen Reaktor: Bor sollte die Kettenreaktion begrenzen, Dolomit die Graphitbrände löschen, Bleibarren die Gammastrahlung mindern, Sand und Lehm die freigesetzten Teilchen filtern.

Insgesamt waren 600 000 bis 800 000 Liquidatoren im Einsatz: Wehrdienstleistende, Hubschrauberpiloten, Polizisten, Feuerwehrleute, Bergleute, Kletterer, Betonarbeiter, Busfahrer, Ärzte und Krankenschwestern. Sie arbeiteten teilweise monatelang in Tschernobyl, oft ohne ausreichende Schutzkleidung. Viele starben später an den Folgen der Verstrahlung.

Schon im Sommer und Herbst 1986 wurde ein Betongehäuse über dem Reaktor errichtet. Der Sarkophag wurde im Laufe der Jahre brüchig, setzte Strahlung frei und drohte einzustürzen. 2015 wurde ein neuer Schutzmantel über die alte Hülle gezogen. Ingenieure und Techniker aus rund 40 Staaten haben daran mitgearbeitet oder zur Finanzierung beigetragen. Der Sarkophag soll mindestens 100 Jahre halten. Manche Experten befürchten, dass in dem Gemisch aus geschmolzenen Brennstäben, deren Hüllen, den Steuerstäben und Löschmitteln weitere atomare Kettenreaktionen entstehen könnten.

Am 24. Februar 2022 besetzten russische Truppen das Gelände um das AKW, der Rückzug erfolgte erst Ende März, beim Abmarsch durch die »verbotene Zone« sollen Soldaten verstrahlt worden sein. Ein Stromausfall am 9. März aufgrund einer zerstörten Hochspannungsleitung und das damit verbundene Szenario drohender Strahlungslecks verbreiteten tagelang Angst und Schrecken, bis klar war, dass von den Brennelementen in den Wasserbecken sehr wahrscheinlich keine akute Gefahr mehr ausgeht. Bis zum 20. April hatte die Internationale Atomenergie-Organisation aber keinen Kontakt zum Atomkomplex Tschernobyl, Fernüberwachungssysteme sind immer noch ausgefallen.

Von den 15 aktiven Reaktoren in der Ukraine geht aktuell allerdings eine viel größere Gefahr aus. Ein länger andauernder Stromausfall, insbesondere in Saporischschja, dem größten AKW in Europa, könnte katastrophale Folgen haben. Schon in Friedenszeiten bringt Atomenergie unkalkulierbare Risiken mit sich - in Kriegszeiten ist sie, wie jetzt deutlich wird, eine tödliche Gefahr.

Anlässlich des Tschernobyl-Jahrestages hat das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) erste Ergebnisse einer radiologischen Neukartierung der Sperrzone um das Atomkraftwerk bekannt gegeben. Zwei von der Behörde veröffentlichte Übersichtskarten zeigen die Belastung der Böden mit radioaktivem Cäsium-137 und die sogenannte Gamma-Ortsdosisleistung, die angibt, wie viel Strahlung auf den Menschen einwirkt. Erhöhte Werte in der Sperrzone gehen heute fast ausschließlich auf Cäsium-137 zurück, das eine Halbwertszeit von 30 Jahren hat. Kurzlebigere radioaktive Stoffe wie Jod-131 sind nicht mehr nachweisbar. Die Radioaktivitätsmessungen hatte das Bundesamt auf Einladung der Ukraine bereits im September 2021 vorgenommen.

Die in der Sperrzone von Tschernobyl ermittelte Gamma-Ortsdosisleistung liegt dem BfS zufolge zwischen 0,06 und etwa 100 Mikrosievert pro Stunde. In Deutschland liegt die natürliche Ortsdosisleistung üblicherweise zwischen 0,06 und 0,2 Mikrosievert pro Stunde. Die niedrigsten in der Sperrzone gemessenen Werte unterscheiden sich damit nicht von der Situation in Deutschland. An den Orten mit den höchsten Werten in der Sperrzone wäre dagegen bereits nach etwa acht Tagen eine Strahlendosis von 20 Millisievert erreicht. Das ist die maximale Strahlendosis, die Personen in Deutschland im Jahr erhalten dürfen, die beruflich einer Strahlung ausgesetzt sind, also etwa Beschäftigte in Atomkraftwerken.

Die Cäsium-Belastung der Böden in der Sperrzone schwankt zwischen Werten unterhalb der Nachweisgrenze und einem Spitzenwert von 50 000 Kilobecquerel pro Quadratmeter. Der höchste Wert, der 2016 mit derselben Messmethode im Bayerischen Wald - einem der in Deutschland am schwersten von dem Reaktorunfall in Tschernobyl betroffenen Gebiete - erhoben wurde, lag bei 24 Kilobecquerel pro Quadratmeter. Bewohnbar ist die Region also auch 36 Jahre nach dem Super-GAU nicht.

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