Indien lässt Premier Johnson zappeln

Der britische Premierminister kommt einem Handelsabkommen bei seinem Besuch nicht wirklich näher

  • Ramon Schack
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Besuch des britischen Premierministers Boris Johnson in Indien glich einer Flucht. Der Zeitpunkt für einen Abstecher schien günstig zu sein, da der britische Regierungschef innenpolitisch wegen der «Partygate»-Affäre unter Druck geraten ist. Am vergangenen Donnerstag stimmte das britische Unterhaus darüber ab, ob ein Untersuchungsausschuss Johnsons Aussagen überprüfen wird, die er zu den Partys während des strengen Corona-Lockdowns 2020 gemacht hat. Der Untersuchungsausschuss wurde bewilligt.

Während sich in London dunkle Wolken am Himmel zusammenbrauten, tingelte der britische Premierminister Ende vergangener Woche unter der Sonne Indiens umher, um von seinen Skandalen abzulenken. Nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine gelang Johnson das kurzzeitig, als er sich selbst als Sprachrohr des Westens bei der Unterstützung Kiews inszenierte. Diese Effekte waren aber nur von kurzer Dauer, denn laut aktueller Umfragen halten 80 Prozent der Briten ihren Premierminister für einen Lügner.

In Indien war Johnson auffällig darum bemüht, die historischen Verbindungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der ehemaligen Kronkolonie, die in Delhi alles andere als einhellig positiv bewertet werden, zu beschwören. Johnson, der sich in solchen Fällen für nichts zu schade ist, ließ sich am früheren Aschram des indischen Freiheitshelden Mahatma Gandhi ablichten, als ob der indische Freiheitskämpfer eine Ikone der britischen Geschichte darstellen würde.

Der britische Regierungschef versuchte bei seiner Reise offensichtlich, auf den Spuren des zur Zeit des Empires führenden britischen Politikers Benjamin Disraeli zu wandeln. Disraeli definierte seinerzeit das britische Weltreich öffentlich eher als eine asiatische Macht denn als eine europäische. Er bezog sich damals, also Mitte des 19. Jahrhunderts, als britische Seeleute ihren Finger in den Ozean tauchten, flankiert von der Aussage «Tastes salty – must be British», («Schmeckt salzig, muss also britisch sein»), auf die Herrschaft Londons über den indischen Subkontinent. 1876 verband Disraeli sogar den Titel der Königin von England mit dem der Kaiserin von Indien, ab diesem Zeitpunkt der offizielle Titel Ihrer Majestät. Derselbe Politiker hatte schon 1847 in seinem Roman «Tancred» die Idee propagiert, die Königin von England sollte nach Indien umziehen.

Benjamin Disraeli brachte zum Ausdruck, was zu jener Zeit von vielen Bewohnern des Empires ähnlich empfunden wurde, nämlich dass das britische Mutterland, die Insel, aufgrund der gewaltigen geografischen Ausdehnung des Weltreiches, über Kontinente und maritime Weiten hinweg, kein Bestandteil Europas mehr war und auch nicht mehr mit dessen Schicksal verbunden sei. Viel eher glich dieses Gebiet, indem die Sonne nicht mehr unterging, einem Schiff, welches den Anker lichten und in einem Erdteil vor Anker gehen kann.

Sicherlich, die Thesen von Disraeli entstammen einer schon fernen Historie, das Empire existiert nicht mehr, ist auf ein paar Fetzen geschrumpft, verstreut in Form von entlegenen Inseln auf allen Weltmeeren. Auffällig ist es aber auf jeden Fall schon, wie häufig von den Befürwortern des Austritts aus der EU, die «Rückkehr zu den Meeren» verkündet wird, anstatt die «Hinwendung zum Kontinent. Nach der Schlacht von Waterloo, als Napoleon, immerhin nach einem 20-jährigen Krieg, besiegt wurde, begann die Epoche der unbestrittenen Seeherrschaft Englands, welche Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte, wodurch auch das Zeitalter des globalen Freihandels begann. Diese Zeit des Freihandels war auch die Zeit der freien Entfaltung der wirtschaftlichen und militärischen Überlegenheit Englands, welche nur in den seltensten Fällen durch Fair Play erreicht wurde. Es darf diesbezüglich nicht verwundern, dass die Befürworter eines Brexits, bei aller ideologischen und parteipolitischen Heterogenität, zumindest unterbewusst, häufig auch demonstrativ, die Sehnsucht nach dieser Zeit propagieren »when Britannia ruled the waves«, als »Britannien die Wellen beherrschte«.

Indiens Wirtschaft wächst rasant und dürfte zur Jahrhundertmitte zur drittgrößten der Welt aufgestiegen sein. Johnson war daher verzweifelt darum bemüht, ein britisch-indisches Freihandelsabkommen früher als geplant abzuschließen. Der britische Premierminister musste dabei aber auch realisieren, dass in Delhi niemand daran denkt, schon gar nicht auf westlichen Druck hin, die Beziehungen zu Moskau, zu überdenken oder gar herunterzufahren. Indien verurteilt den Krieg nicht und trägt auch westliche Sanktionen nicht mit. Stattdessen hat es den Handel mit Russland ausgebaut – und kauft beispielsweise mehr günstiges Öl aus Russland. Auch bei seiner militärischen Ausrüstung und bei Ersatzteilen ist Indien stark auf Moskau angewiesen.

Indiens Ansatz symbolisiert das Scheitern eines strategischen Entwurfs des Westens, Russland von der Welt zu isolieren, denn nicht nur Indien, sondern zahlreiche aufsteigende Mächte in Asien, Afrika und Latein-Amerika ordnen sich diesem Ziel nicht unter.
Letztendlich kehrte Johnson mit leeren Händen zurück aus Indien. Eine Tatsache, die von beiden Seiten diplomatisch und gesichtswahrend mit blumigen Worten umschrieben wurde, indem sie die Hoffnung äußerten, bis zum Ende des Jahres ein Freihandelsabkommen zwischen den beiden Ländern abschließen zu können. Johnson muss seine Freihandelspläne damit zumindest aufschieben.

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