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Elite-Controller und andere Ausreißer

Einzelfälle zeigen in der HIV- und Aids-Forschung neue Wege auf

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 6 Min.

Der »Berliner Patient« ist Legende in der Forschung zur HIV-Infektion. Der US-Amerikaner Timothy Ray Brown galt nach einer Knochenmarkspende, die an der Berliner Charité durchgeführt worden war, als »klinisch geheilt«. Die Stammzellen hatte der Patient 2007 als Therapie für seine Leukämie erhalten. Der Spender war dank einer seltenen Mutation des CCR5-Gens immun gegen HIV, das Humane Immundefizienzviurs. Davon profitierte Brown, der im Anschluss keine HIV-Medikamente mehr brauchte. Er starb schließlich im Herbst 2020 an Krebs.

Der Mann aus Seattle galt lange als Einzelfall. Erst 2019 wurde der Fall des Venezolaners Adam Castillejo bekannt. Auch der damals 40-Jährige erhielt im Rahmen einer Krebstherapie eine Stammzellspende - und brauchte danach keine HIV-Medikamente mehr. Zu diesem »Londoner Patienten« kam später noch ein »Düsseldorfer« hinzu, der auf die gleiche Weise geheilt wurde.

In den letzten Monaten machte im gleichen Zusammenhang eine HIV-Patientin von sich reden. Die 30-jährige Loreen Willenberg aus New York ist weltweit der vierte Mensch, der vom Virus befreit wurde. Bewirkt haben das bei ihr Stammzellen aus der Nabelschnur eines Säuglings. Die US-Amerikanerin war an Leukämie erkrankt und erhielt im Zuge der Therapie eine Stammzelltransplantation. Die Zellen aus der Nabelschnur eines Säuglings enthielten ebenfalls die Funktion im CCR5-Gen, die Menschen unempfindlich gegen HIV macht. Das Virus kann diese Zellen nicht mehr identifizieren und daher auch nicht befallen. Das Gen kommt vor allem bei Menschen aus Nordeuropa vor. Nach der Gabe der Stammzellen wurde bei der Patientin nur noch bruchstückhafter genetischer HIV-Code festgestellt. Es konnte keine replikationsfähige provirale DNA gefunden werden. Seit 14 Monaten lebt Willenberg HIV-frei, weitere Behandlungen sind aktuell nicht nötig.

Die Hoffnungen, die Patienten und Experten nun auf das Verfahren setzen, sind groß - aber sie könnten täuschen. Die Langzeitrisiken einer solchen Gentherapie bei ansonsten Gesunden, also nicht an Krebs Erkrankten, wären zu hoch.

Die »Esperanza-Patientin« wiederum, benannt nach ihrem Heimatort in Argentinien, wurde 2013 auf HIV getestet, weil ihr Partner sich infiziert hatte. Er starb vier Jahre später an Aids. Seine Freundin hingegen blieb gesund, auch labordiagnostisch waren keine Anzeichen einer HIV-Infektion bei ihr zu finden. 2019 wurde die Frau schwanger und entschied sich nach ärztlicher Beratung prophylaktisch für eine antiretrovirale Therapie (ART). Diese wurde jedoch nach der Geburt eines HIV-negativen Kindes wieder abgesetzt. Auch bei der Mutter konnte das Virus nicht nachgewiesen werden. Bei ihr wurden 1,2 Milliarden Blutzellen analysiert. Gefunden hat man nur sieben provirale HIV-DNA-Spezies, die sich jedoch als defekt erwiesen. Versuche, das Virus auf dieser Basis anzuzüchten, blieben erfolglos. Auch im Blutplasma der Patientin wurde schließlich noch nach HIV-1-RNA gesucht, erneut ohne Resultat.

Die Argentinierin gehört zu den sogenannten Elite-Controllern - ihnen kann eine HIV-Infektion von Natur aus nichts anhaben. Das Virus wird vom Immunsystem so gut in Schach gehalten, dass es selbst mit einem PCR-Test nicht mehr im Blut nachweisbar ist, und zwar auch nicht nach Absetzen der heute üblichen ART. Allerdings macht die Gruppe dieser speziell gesegneten Personen nur etwa ein Prozent aller HIV-Infizierten aus. Jedoch findet sich bei ihnen mitunter noch intaktes provirales Genmaterial als auch vermehrungsfähige Viren in bestimmten latent infizierten T-Zellen.

Die Wissenschaft ist weiterhin auf der Suche nach solchen Fällen. Unter anderem am Ragon-Institut im US-Bundesstaat Massachusetts läuft ein Projekt mit Elite-Controllern, die bisher untherapiert sind. Sie werden mit behandelten HIV-Patienten verglichen. Das Immunsystem scheint also in diesen Fällen in der Lage, ohne äußere (therapeutische) Unterstützung das Virus auszuschalten oder zu verhindern, dass es sich vermehren kann. Auch wenn das weltweit nur sehr wenige Fälle sind, haben sie für die Grundlagenforschung große Bedeutung. Die weltweite Prävalenz wird auf höchstens zwei Prozent geschätzt.

Eine internationale Forschungsgruppe hat jetzt jedoch in der DR Kongo eine größere Gruppe von Elite-Controllern identifiziert. Untersucht wurden mehr als 10 000 Personen - bis zu 4,3 Prozent von ihnen zeigten positive Testergebnisse auf HIV-Antikörper, aber nur eine niedrige bis nicht nachweisbare Viruslast. Weil Wissenschaftler die Ursprünge der HIV-Pandemie südlich der Sahara, insbesondere in der DR Kongo, vermuten, ist die Region besonders interessant für sie. Seit 1987 wurden dort wiederholt Plasmaproben von HIV-Stämmen gesammelt. Dies ermöglicht jetzt, genauer nach den Ursachen für die nicht nachweisbare Viruslast bei den Untersuchten zu fahnden. Aus Sicht der Forscher kann man so Schritt für Schritt Behandlungsmöglichkeiten für HIV näher kommen - bis hin zu einer Heilung. An diesem globalen Virus-Überwachungsprogramm ist neben Universitäten aus den USA und der DR Kongo auch das Pharmaunternehmen Abbott beteiligt. Der Hersteller kann so sicherstellen, dass die diagnostischen Tests für das Virus immer auf dem neuesten Stand bleiben. Abbott hatte bereits vor mehr als 30 Jahren einen in den US zugelassenen HIV-Test entwickelt.

Neben den Sonderfällen von HIV-Positiven, deren Infektion unter Kontrolle zu sein scheint, sind es Parallelen zwischen der Aids- und der Corona-Pandemie, die in den letzten zwei Jahren für Diskussionsstoff im Zusammenhang mit der Immunschwächekrankheit sorgten. Bestimmte Ähnlichkeiten ergeben sich unter anderem in sozialer Hinsicht.

Bevor HIV und die Krankheit Aids ihre Namen bekamen, infizierten sich fünf junge gesunde Männer mit einer seltenen Lungenerkrankung, die bis dahin nur Menschen mit einem schwachen Immunsystem befallen hatte. Die Gruppe wuchs. Laut dem ersten medizinischen Bericht waren es vor allem homosexuell aktive Männer. Im Juni 1981 berichteten die US-Gesundheitsbehörden von der neuen Krankheit. Im Gegensatz zu Sars-CoV-2 ist das HI-Virus nicht durch die ausgestoßenen Tröpfchen und Aerosole beim Küssen, Anhusten, Sprechen übertragbar. Direkter Blut-zu-Blut-Kontakt ist nötig, in 90 Prozent der Fälle erfolgt die Ansteckung beim Sex.

Obwohl die Unterschiede in dieser Frage groß sind, haben beide Viren für Pandemien gesorgt: Das HI-Virus wurde aber erst 1983, zwei Jahre nach den ersten Fällen, entdeckt. Für 2020 wurden weltweit 1,5 Millionen Neuinfektionen geschätzt. In den meisten Fällen wären sie vermeidbar. Das südliche Afrika ist weiterhin am stärksten betroffen. Global betrachtet sind nur knapp 40 Prozent der Menschen mit HIV in Behandlung, unter anderem in Osteuropa und Zentralasien ist ihre Zahl in den letzten Jahren erneut stark angestiegen. Zwar gibt es bislang keinen Impfstoff, aber Betroffene könnten mit Zugang zu Arzneien bei früher Behandlung meist gut weiterleben.

Hoffnung konnten Betroffene und Aktivisten im Zuge der Corona-Pandemie schöpfen, denn hier gelang es in kürzester Zeit, eine wirksame Impfung auf der Basis der mRNA-Technologie zu entwickeln. Experten meinen, dieser Ansatz könnte auch für eine Impfung gegen HIV funktionieren. In den USA sind jetzt erste Tests eines solchen Impfstoffes angelaufen. In Phase eins wurde das Vakzin 56 gesunden, HIV-negativen Menschen verabreicht, hatte das US-Unternehmen Moderna im Januar mitgeteilt. Alle anderen Ansätze, einen Impfstoff zu finden, waren bisher gescheitert. Nun könnte auf dem Weg einer Impfung die Produktion genau solcher Antikörper angeregt werden, die bisher nur wenige Menschen, die Elite-Controller, natürlich produzieren. Der erwünschte Antikörpertyp soll gegen zahlreiche Varianten des HI-Virus wirken, die mit Aids verbundene Krankheiten auslösen.

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