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»Dem Viertel etwas zurückgeben«

Im »Turtur« in Hamburg-Wilhelmsburg verdienen Mona Michels’ Beschäftigte mehr als sie selbst

  • Von Leonie Ruhland
  • Lesedauer: 8 Min.
Club »Turtur«: »Dem Viertel etwas zurückgeben«

Sie sind Eigentümerin des Restaurants und Clubs »Turtur«. Wie kam es dazu?

Das »Turtur« hieß vorher Tonne und da war ich angestellt. Die Betreiber*innen haben damals die Nordwandhalle im Inselpark geplant und aufgebaut, zu der ich zunächst mit umgezogen bin. Nach einer Weile wollte ich aber zurück zur Tonne und fing bei dem neuen Besitzer wieder an. Ich startete dann mit einer Freundin kleine Techno-Veranstaltungen jeden Donnerstag. Wir haben ernsthaft angefangen, mit normalen CD-Spielern Musik zu spielen. Wir hatten echt gar keine Ahnung. Wenn ich heute darüber nachdenke, frag ich mich manchmal, was wir da gemacht haben. Wie peinlich. Aber die Leute erschienen und der »Tonnerstag« entstand.

Es folgten weitere Techno-Events an den Wochenenden, voll mit Aufriss, Deko und so Kram. Als es einmal eine Lärmbeschwerde gab, war der Besitzer raus. Das war ihm zu heikel. Tatsächlich gab’s seitdem nie wieder eine Lärmbeschwerde. Aber gut. Der wollte auf jeden Fall raus und hat mir angeboten, den Laden zu übernehmen.

Und das haben Sie gemacht. Ohne viel Vorerfahrung.

Ich hatte quasi Lehrjahre durch die Arbeit in der Tonne. Meine erste große Indoor-Techno-Party organisierte ich in der Soulkitchen-Halle gegenüber vom Kanal, da konnte ich auch aus Fehlern lernen. Im ersten Jahr hat mich eine Handvoll Freunde unterstützt, später entwickelte es sich, dass einige auch immer wieder zum Umbau kamen. Es war sehr chaotisch. Es hat halt jeder so gemacht, wie er dachte. Teilweise waren wir ja befreundet. Die ganzen Grenzen sind verschwommen. Ich habe mich nicht getraut, jemanden zu kündigen.

Was für eine Rolle spielt Wilhelmsburg?

Wilhelmsburg war vor 15 Jahren noch ganz anders. Fast alles, was es heute hier gibt, gab es damals noch nicht. Als ich 2007 hergezogen bin, konntest du hier noch keinen Latte macchiato trinken. Ich kannte Wilhelmsburg vorher nicht. Das war noch voll verwildert hier und es gab Fasane. Es gab schöne Häuser, aber alles war recht düster. Die Stadt hat das Viertel ja kaum unterstützt. Und doch war es irgendwie spannend und interessant und die Menschen sind ganz anders als in der Stadt. Man sieht sich ein paarmal auf der Straße und dann grüßt man sich. Ich habe mich einfach in das Viertel verliebt.

Damals gab es den Südbalkon. Dort gab es musikalische Vielfältigkeiten, wie Jazz-Abende, und ich habe erstmals kleine Veranstaltungen organisiert. Das war überhaupt nicht vergleichbar mit heute. Es war total spannend, weil sehr viele unterschiedliche Leute zusammenkamen, die eigentlich sonst nicht zusammenkommen würden. Die ich aber immer noch kenne und die man auch immer noch auf der Straße trifft. Das hat mich auch total aufgefangen. Und ich dachte, krass, das ist also Wilhelmsburg.

Was ist davor passiert?

Ich komme eigentlich aus Kriwitz, das ist ein Dorf mit damals 86 Einwohner*innen. Meine Eltern hatten einen Hof. Ich bin relativ früh ausgezogen, mit 16, nach Lüchow und dann nach Hamburg. Dort bin ich zunächst in der Holstenstraße und später in der Schanze gelandet und fand es richtig kacke.

Warum?

Ich bin damals schon viel auf Partys gegangen, aber ich habe keinen Anschluss gefunden. Die Menschen waren nicht freundlich, alle eher verschlossen, man hatte so seinen Kreis. Ich machte gleichzeitig eine Erzieherinnenausbildung, bei der ich mich nicht richtig angenommen fühlte. Ich fand das auch alles zu glatt irgendwie. Zu sauber und zu glatt. Nicht so, wie ich mir Großstadt vorgestellt hatte. Also mehr Abenteuer, Ecken und Kanten, ein bisschen rough. Dann habe ich den Vater meines später geborenen Sohns kennengelernt.

Und sind nach Wilhelmsburg gezogen.

Nicht ganz. Wir waren nochmal im Wendland und auch ein Jahr in London. Als wir zurück sind, wussten wir nicht, wo wir unterkommen sollen. Zunächst kamen wir übergangsweise bei einem Freund aus Wilhelmsburg unter. Bei einem Spaziergang lief uns dann eine Freundin über den Weg, die uns ein freies Zimmer in ihrer WG anbot und heute Patentante meines Sohnes ist. Dort bin ich schließlich rein.

Und haben Wilhelmsburg nie wieder verlassen.

Genau, ich habe hier wirklich Leute kennengelernt und ich muss sagen, wäre das nicht passiert, wäre ich nicht in Hamburg geblieben. Als mein Sohn geboren wurde, habe ich mich von seinem Vater getrennt. Von da an ging es bergauf. Ich habe die Ausbildung abgeschlossen und mich durchgeboxt. Da hat mich meine WG auch krass aufgefangen. Ich war ja noch ziemlich jung. Mein Sohn ging mit dem Kind des Tonne-Betreibers in einen Kindergarten und der suchte eine Person, die Lust auf Gastro und den Aufbau des Ladens hatte. Da bin ich eingestiegen.

Als Sie ihn übernommen haben, muss das sehr überfordernd gewesen sein, oder?

Ja, schon. Das wurde sehr vom Viertel getragen. Anfangs kamen immer die gleichen Menschen hier rein. Es war sehr schwierig, sich zu etablieren. Wer fährt hier schon aus der Stadt rüber? Mit den Finanzen hat’s gar nicht hingehauen, ich habe nur Minus gemacht. Eine Katastrophe. Aber es gab Support aus dem Viertel und alle fanden’s toll. Ich wollte alle Musikrichtungen und wir wollten Konzerte anbieten. Auch Flohmärkte und so’n Kram. Das war sehr anspruchsvoll und vieles hat nicht gut funktioniert. Ich hatte auch keine Ahnung von der Technik. Das war immer so eine Vernetzungssache: Man kennt jemand, der ...

Eine Ordnung im Chaos.

Genau. Immer Freund*innen angehauen, Connections genutzt, alles auf Low-Budget. Die Hanseatische Materialverwaltung angebettelt und über Kontakte was günstiger bekommen. Immer die Frage: Wie können wir aus Alltagsmaterial Deko herstellen? Und jeder hat geholfen und irgendwann war’s dann so ein Kreis von Freunden.

Würden Sie sagen, das ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Ja, es gab ja Stammgäste, die oft in die Tonne gekommen sind. Dadurch, dass ich da gearbeitet habe, bin ich mit denen in Kontakt gekommen. Mit sehr unterschiedlichen Menschen. Auch Jugendliche, die meinen, man müsse jetzt auf Gangster machen und ein bisschen rumpöbeln. Aber das ist ja alles Kontakt mit dem Viertel. Der vorige Besitzer war einfach nie da. Und er kam aus einer ganz anderen Welt. So sah auch der Laden aus. Die Pizza war ja geil, das war gar nicht das Problem.

Sie haben das besser verstanden, weil Sie Teil des Viertels waren.

Ja, und mir ging’s auch darum, dem Viertel was zurückzugeben. Das hört sich jetzt ein bisschen kitschig an. Aber ich wollte einen Ort schaffen, um gemeinsam zu sein. Wo Leute sich begegnen. So wie im damaligen »Sweet Home« von Francis, das es heute auch nicht mehr gibt. Hätte ich einen Laden irgendwo anders aufgemacht, hätte das nicht geklappt. Es war nur hier möglich.

Es gibt einen Podcast von externen Wilhelmsburger*innen, in denen sie linken weißen Menschen eine Gentrifizierung dieses ursprünglich sehr migrantischen Viertels vorwerfen. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Dem »Turtur« und mir wurde das auch vorgeworfen und ich habe mir viele Gedanken gemacht. Natürlich habe ich eine Verantwortung. Klar trage ich auch zur Gentrifizierung bei - schon, indem ich hierhergezogen bin. Da brauchen wir uns nichts vormachen. Mir fehlt die Integration mit den Menschen, die hier geboren sind. Es gibt große Cuts, wo es nicht schön zusammen ist, weil man irgendwie Ängste voreinander hat. Das finde ich schade. Ich wollte anfangs auch nicht, dass sich Wilhelmsburg verändert. Das Dockville-Gelände IBA/IGS war ja so der Anfang, dann haben alle Studis vergünstigte Mietpreise bekommen und dann wurde das Viertel schon übernommen. Das, was ich damals so gefeiert habe, ist hier nicht mehr. Andererseits denke ich: Man, das ist der Lauf der Dinge und alle wollen irgendwo wohnen. Wo sollen die Menschen denn hin? Ich finde eher die Mieterhöhungen krass. Das ist richtig schlimm und da müsste was aus politischer Sicht passieren! Ich weiß noch, als BAföG-Empfängerin konnte ich mir damals die Wohnung aussuchen. Jetzt muss man was vorweisen und eigentlich geht es nur über Kontakte oder mit viel Glück.

Und heute, sind Sie zufrieden?

Das ist ein emotionales Thema für mich. Ich war sehr lange zufrieden und das war keine Arbeit für mich. Das hat sich wie meine Berufung angefühlt. Ich habe aber sehr, sehr viel gearbeitet und irgendwann, so nach sechs Jahren, hatte ich einen Zusammenbruch. Es ist ja nicht nur so, dass ich die Chefin bin, sondern dass ich einfach alles selber mache. Es gibt die Clubsaison, die Sommersaison, Hochzeiten, bei denen ich das Buffet selbst mache, ebenso wie beim Frühstück am Sonntagmorgen, das es mal gab. Dazu Konzerte, Flohmärkte, Tischtennis. Wir machen eine Pizza, die nicht jeder kann, weil sie per Hand groß gezogen und ohne Blech gebacken wird, heißt, man muss Leute einlernen. Es war ja auch ganz lange so, dass mein Personal mehr Geld verdient hat als ich.

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Und dann kam noch Corona.

Das war nochmal On-Top. Ich habe gemerkt, so geht das nicht weiter. Und mir oft die Frage gestellt: Warum mache ich die zwei Saisons? Das ist einfach Wahnsinn! Das alles hat mich letztlich dazu gebracht, mir einen Businesscoach zu holen und jetzt was Neues zu planen.

Verraten Sie mir, wie es weitergehen soll?

Es wird jetzt durchgehend Pizza geben. Bestimmt machen wir auch noch kleine Events wie Konzerte oder ein Kickerturnier. Vielleicht wird der Tischtennisabend fortgeführt. Daneben aber nur noch private Feiern, Hochzeiten und so. Aber es geht weiter, ich gebe noch nicht auf. Das ist ja schon mein Herzensprojekt.

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