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Der Schöne und das Biest

Der Verleumdungsprozess zwischen Johnny Depp und Amber Heard zeigt, dass Frauenfeindlichkeit immer noch gesellschaftsfähig ist, meint Nadia Shehadeh

Auf der Sympathieskala zum Gerichtsprozess sind die Rollen klar verteilt: Depp ist der schöne Held, Heard das Biest.
Auf der Sympathieskala zum Gerichtsprozess sind die Rollen klar verteilt: Depp ist der schöne Held, Heard das Biest.

Seit Mitte April läuft im US-amerikanischen Fairfax in Virginia der Verleumdungsprozess zwischen dem Schauspieler-Ex-Ehepaar Johnny Depp und Amber Heard, die sich gegenseitig wegen vermeintlicher Lügen und übler Nachrede auf mehrere Millionen Dollar verklagen. Beide werfen sich verbale und physische Übergriffe während der Beziehung vor und beschuldigen sich gegenseitig, durch Lügen die Reputation des jeweils anderen nachhaltig beschädigt zu haben.

Die gelinde gesagt turbulente Kurzzeitehe der beiden und die Nachwirkungen dieser Verbindung, die 2016 endete, war seit Jahren immer mal wieder ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse. Und es ist nicht das erste Mal, dass sich Heard und Depp vor Gericht wiederfinden. Der aktuelle Prozess allerdings wird in den Medien und im Internet wie ein Entertainment-Weltereignis verfolgt, was einigermaßen bizarr ist. Noch bizarrer aber ist: Johnny Depps Langzeitstrategie, immer anderen die Schuld für seine privaten und finanziellen Fiaskos zu geben, scheint zum ersten Mal vielleicht wirklich aufzugehen.

Egal, wie der Prozess ausgehen wird: Schon jetzt hat er sich weltweit die Solidarität von Anhänger*innen und Fans gesichert, die ihn frenetisch dafür feiern, dass er seine angeblich von Heard zerstörte Ehre wiederherstellen will. Dazu kommen Memes, Hashtags auf Twitter wie #JusticeforJohnnyDepp und TikTok-Videos, in denen Depp glorifiziert und Amber Heard verteufelt wird. Der Grund dafür ist so naheliegend wie bedenklich: Viele Bewunderer des Schauspielers identifizieren sich anscheinend immer noch mit der alten misogynen Mär, die davon handelt, wie ein unschuldiger und nobler Mann nach und nach von seiner bösen und durchgeknallten Partnerin mutwillig und systematisch kaputtgemacht wurde. Dass der Prozess im Livestream mitverfolgt werden kann, spielt Depp dabei in die Hände: Hier kommt er wie der etwas verpeilte, aber dennoch sanftmütige und liebenswürdige Künstler-Typ rüber, der gar nicht so recht verstehen will, warum ihm wieder so übel mitgespielt wurde.

Dabei strudelte Depp schon vor seiner Ehe mit Heard von einem Fiasko ins nächste, ohne dass die Schauspielerin nachhelfen musste – nur scheinen das die Depp-Anhänger*innen in den vergangenen Wochen vergessen zu haben. 2018 machte er vor allem damit Schlagzeilen, weil bekannt geworden war, dass er jahrelang 30.000 Dollar im Monat für Wein verprasste und insgesamt laufende Kosten von monatlich etwa zwei Millionen hatte – obschon er finanziell gar nicht mehr für einen derart illustren Lebensstil ausgerüstet war. Anstatt auf die Ermahnungen seines Finanzmanagements zu hören, wehrte sich Depp vehement dagegen, Geld einzusparen – und verklagte stattdessen seine ehemaligen Manager wegen Missmanagements auf 25 Millionen Euro Schadensersatz. Man einigte sich außergerichtlich. In Interviews hingegen kokettierte er oft damit, selbst keine Ahnung von Finanzen zu haben und Verträge zu unterschreiben, ohne sie gelesen zu haben – er sei schließlich Künstler und bezahle Leute dafür, seine Finanzen zusammenzuhalten.

Die Shoppingexzesse Depps sind auch bekannt: Neben teurem Wein legte er sich über die Jahre unter anderem eine Privatinsel auf den Bahamas und ein verlassenes französisches Dorf zu, dazu unzählige Immobilien und teure Autos. Drei Millionen US-Dollar zahlte er, um die Asche seines verstorbenen Schriftsteller-Freundes Hunter S. Thompson aus einer 47 Meter hohen Kanone verpackt in Feuerwerkskörper in die Luft zu schießen. Und seiner Tochter kaufte er ein hochpreisiges Sofa vom »Keeping up with the Kardashians«-Set. Seine Drogenexzesse kosteten ebenfalls.

Die Ausgabenpipeline lief also zuverlässig, seine Leistungen an Filmsets allerdings nicht so wirklich. Bei den Disney-Produktionen zu »Pirates of the Carribean«, seinen letzten richtigen Welthits, kam er oft zu spät und/oder betrunken ans Set und weigerte sich, seinen Text auswendig zu lernen – stattdessen hatte er ein Hörgerät im Ohr, in das er sich das Skript soufflieren ließ. Wie eine Karikatur des betrunkenen Piraten Jack Sparrow stolperte er selbst durch die Dreharbeiten. Damit verursachte er astronomische Mehrkosten – und es ist in Hollywood ein offenes Geheimnis, dass auch diese Umstände dafür sorgten, dass er lukrative Filmrollen und vor allem Disney als Arbeitgeber verlor. Depp, der seit er Mitte 20 war immer gut damit gefahren war, den verkannten Outsider zu geben, indem er Drogen romantisierte, den Schluckspecht gab und sich mit jungen Frauen umgab, musste irgendwann in seinen 50ern die bittere Lektion lernen, dass sein Lifestyle im Alter eben nicht mehr charmant wirkte, sondern eher wie die Mischung aus verzweifelter Midlife-Crisis und Peter-Pan-Syndrom. Ein echter Depp eben. Der in die Jahre gekommene Johnny war längst eine Lachnummer für Medien und Öffentlichkeit, bevor er sich den gerichtlichen Auseinandersetzungen mit Heard widmete.

Aber vielleicht interessiert die Leute, die Depp nun neuerdings eifrig verteidigen, die anderen Details des finanziellen und privaten Untergangs des Schauspielers auch einfach nicht. Es ist anscheinend viel unterhaltsamer, wenn man wieder auf eine Frau losgehen und damit vielleicht einen Mann retten kann – auch, wenn Heard nachweislich tatsächlich in der Ehe ebenfalls keine schöne Zeit verlebt hat. Zumindest wurde in einem Prozess, den Depp bereits 2020 gegen die Verlagsgruppe der Boulevardzeitung »The Sun« führte, da sie ihn als »Frauenschläger« bezeichnet hatten, festgestellt, dass zwölf von 14 Anschuldigungen, die Heard gegen Depp hervorgebracht hatte, »substantiell wahr« gewesen sind.

In diesen Tagen wird Heard ihre Zeugenaussagen vor Gericht vornehmen, und es ist damit zu rechnen, dass noch weitere schmutzige Details der Hollywood-Ehe ans Licht kommen – vor allem zu Lasten Heards. Wahrscheinlich war die Ehe für keinen der beiden ein Spaziergang, und was tatsächlich alles vorgefallen ist, wird wahrscheinlich nie komplett geklärt werden. Es tut aber auf der Sympathieskala auch nichts zur Sache, denn die Rollen sind schon klar verteilt: Depp ist der schöne Held, Heard das Biest. Im bisherigen Prozess erhielt man bereits einen Eindruck davon, wie inakzeptables Verhalten entschuldigt werden kann, sofern es ins sexistische Weltbild passt und eine Frau nicht wie das perfekte Opfer rüberkommt. Dass Depp eben doch nicht der ritterliche Frauenversteher ist, für den er sich anscheinend immer noch hält, ist nämlich klar: Als er im Zeugenstand saß, wurden unter anderem Textnachrichten vorgebracht, in denen er zahlreiche Frauen (unter anderem auch seine Ex-Partnerin Vanessa Paradis, mit der er zwei Kinder hat) als »Huren«, »Spermafresserinnen«, »Stripperinnen« und »Fotzen« beschimpft und zum Beispiel vorschlägt, Heard zu verbrennen und ihre tote Leiche zu missbrauchen. In einem Video, in dem er aggressiv in seiner Küche randaliert, ist deutlich zu hören, wie er Heard aggressiv beschimpft. Dass Depp dafür gefeiert wurde, wie er all diese Beweise entspannt kommentierte und als Ausreden nonchalant immer wieder Heard als Auslöser für seine Aggressionen und seinen speziellen Humor vorschieben konnte, zeigt dabei auch nicht, dass er im Grunde doch ein toller Kerl ist. Es zeigt, dass Frauenfeindlichkeit trotz #metoo-Bewegung und Co. immer noch gesellschaftsfähig ist. Und das ist ein Problem, das sogar noch größer ist als dieser Schlammschlacht-Prozess.

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