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Dollar im Höhenflug

Die US-Währung legt aus vielen Gründen gegenüber dem Euro und anderen Währungen zu

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.
Während der Dollar an Stärke gewinnt, wird der Euro schwächer.
Während der Dollar an Stärke gewinnt, wird der Euro schwächer.

Hinter der wirtschaftspolitischen Front aus Krieg und Inflation spielt sich eine weitere Entwicklung ab: der Wiederaufstieg des Dollars. Dieser geht auf Kosten der europäischen Gemeinschaftswährung: Der Euro verliert an den Börsen deutlich an Boden. Am Mittwoch kostete ein Dollar mehr als 0,95 Euro. Noch im Mai genügten 0,82 Euro, um dafür einen Dollar einzutauschen. Für die Stärke der US-Währung und die Schwäche des Euro gibt es eine Reihe von Gründen.

Ukraine-Krieg und die Sanktionen gegen Russland spielen dabei eine wichtige Rolle. Von der militärischen, politischen und wirtschaftlichen Eskalation sind die USA weit weniger betroffen als die 27 Mitgliedländer der EU. Das stärkt den Dollar.

Teilweise belasten gerissene Lieferketten die Industrie in der EU. Was vor allem Deutschland zu schaffen macht, der größten Volkswirtschaft Europas, da es wie einige andere EU-Länder sehr exportorientiert ausgerichtet ist. Gleichzeitig bedrohen weitere Konflikte die Weltwirtschaft, wie etwa der Stellvertreterkrieg, den Iran und Saudi-Arabien im Jemen führen. Auch Chinas Null-Covid-Strategie und in der Folge lange Staus vor den Häfen werden von Ökonomen und Bankanalysten als Grund für den Dollar-Aufstieg genannt. Einige Experten sehen zudem den harten Kurs gegen Russland, den die US-Regierung von Joe Biden fährt, als Menetekel für künftige Auseinandersetzungen zwischen USA und der Volksrepublik.

Diese explosive Gemengelage auf den Weltmärkten verunsichert die Akteure und hat zu einer Flucht der Finanzinvestoren in den Dollar als vermeintlich sicheren Hafen geführt. Was nicht allein den Euro schwächt. So kletterte der Dollar-Index in dieser Woche auf den höchsten Wert seit zwei Jahrzehnten. Der Index ist eine Kennzahl, die den Wert des US-Dollars mittels eines Währungskorbs mit sechs Währungen vergleicht, darunter der japanische Yen.

Manche Analysten sehen schon hierin eine Zeitenwende. Denn seit der Bargeldeinführung des Euro im Jahr 2002 hatte die neue EU-Gemeinschaftswährung den amerikanischen »Greenback« erheblich unter Druck gesetzt, sie stieg global zur zweitwichtigsten Reservewährung auf. Gleichzeitig begann der Aufstieg Chinas zur – gemessen an der tatsächlichen Kaufkraft – größten Volkswirtschaft der Welt. Mittlerweile ist der chinesische Renminbi ein international anerkanntes Zahlungsmittel.

Ein starker Dollar mag vor diesem Hintergrund kein gutes Zeichen für den Zustand der Weltwirtschaft sein. In der Eurozone, die 19 Länder umfasst, werden sich dagegen viele Unternehmen über den starken Dollar freuen: Er verbilligt nämlich die Ausfuhr. Produkte aus der Eurozone werden so auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähiger. Auch Konzerne, deren Geschäfte hauptsächlich in Dollar abgewickelt werden, profitieren. Das gilt beispielsweise für Reedereien, Rohstoff- und Energiekonzerne, die in diesen Tagen goldgeränderte Bilanzen vorlegen.

Andersherum ist es bei Einfuhren, etwa von Erdöl oder Industrierohstoffen. Sie werden teurer. Auch Reisende, die die Eurozone verlassen, zahlen drauf. Unterm Strich dürften der starke Dollar und der schwache Euro für die meisten Euroländer bedeuten, dass sie Inflation importieren. Was die Preise für die Verbraucher auch hierzulande zusätzlich verteuern wird.

Der Dollar-Hype setzte schon lange vor dem Krieg ein. Dazu beigetragen hat die Geldpolitik der US-Notenbank Fed. Seit Jahren hält Fed-Chef Jerome Powell den Leitzins oberhalb des Zinses der Europäischen Zentralbank (EZB). Wenngleich die Unterschiede nur minimal erscheinen, können sie für Finanzmarktakteure entscheidend sein.

Und im März reagierte die Fed als erste der Großen auf die hohe Inflation und erhöhte ihren Leitzins um 0,25 Prozentpunkte. Es war die erste Zinserhöhung seit Ende 2018. Gleichzeitig signalisierte sie weitere Zinsschritte für die Zukunft. Einem Zehnjahreszinssatz von fast drei Prozent in den USA steht nun rund ein Prozent in der Eurozone gegenüber. In Japan, dessen Zentralbank wie die EZB an ihrer expansiven Geldpolitik bislang festhält, beträgt der Zehnjahreszins sogar weniger als 0,25 Prozent.

Dabei stehen alle Notenbanken vor einem Dilemma. Die angeschlagene Konjunktur verbietet normalerweise eine Zinserhöhung oder andere Maßnahmen, die Investitionen von Unternehmen erschweren. Andererseits verlangen die Regelwerke angesichts der hohen Inflation (USA: 8,5 Prozent; Eurozone: 7,4 Prozent), der höchsten seit Jahrzehnten, eigentlich eine rasche und kräftige Erhöhung der Leitzinsen.

Die meisten Analysten erwarten, dass die Fed moderat reagiert und dennoch die Zinsen um immerhin 0,5 Prozentpunkte anhebt. In ihrer Erklärung und Ausblick, die nach Redaktionsschluss erfolgten, dürfte sie zwei, drei weitere Zinsschritte noch für dieses Jahr ankündigen. Damit erhöht sich der Druck auf den Euro weiter. Im Juni wird EZB-Präsidentin Christine Lagarde eine Antwort geben.

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