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Leises Gedenken

Die ukrainische Aktivistin Oleksandra Bienert über ihre Arbeit in Berlin und darüber, was der Tag der Befreiung für die Ukraine bedeutet

  • Von Patrick Volknant
  • Lesedauer: 8 Min.
Menschen protestieren am Bundeskanzleramt gegen die russische Invasion in die Ukraine. Dem Ende des Zweiten Weltkrieges wollen die Ukrainerinnen und Ukrainer eher still gedenken.
Menschen protestieren am Bundeskanzleramt gegen die russische Invasion in die Ukraine. Dem Ende des Zweiten Weltkrieges wollen die Ukrainerinnen und Ukrainer eher still gedenken.

Frau Bie­nert, den Tag der Befrei­ung ver­bin­den vie­le Deut­sche vor allem mit Russ­land. Was bedeu­tet der Gedenk­tag für die Ukrai­ne­rin­nen und Ukrainer?

Es ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren alles etwas kom­pli­zier­ter gewor­den, aber natür­lich bedeu­tet uns der Tag sehr viel. Mei­ne bei­den Groß­vä­ter haben für die Rote Armee gekämpft, wie ca. sie­ben Mil­lio­nen ande­re Men­schen aus der Ukrai­ne. Anders als in Russ­land wird der Fei­er­tag in der Ukrai­ne sowohl am 8. als Tag der Erin­ne­rung und Ver­söh­nung, als auch am 9. Mai als Sie­ges­tag began­gen. Spä­tes­tens seit Annek­ti­on der Krim fin­det bei uns ein Umden­ken statt. Inzwi­schen ver­sucht man eher, die Tage lei­se zu bege­hen. Das wer­den wir auch in Ber­lin so tun.

Und wie genau?

Am 8. Mai wird es in der Markt­hal­le Neun in Kreuz­berg »Leucht­turm Ukrai­ne«, eine Ver­an­stal­tung für Geflüch­te­te, Hel­fen­de und die Zivil­ge­sell­schaft geben, die ich mit­or­ga­ni­sie­re. Geplant sind Stän­de mit Ange­bo­ten der Zivil­ge­sell­schaft und der unter­schied­li­chen Ämter für Geflüch­te­te, Musik und ein Büh­nen­pro­gramm. Ein paar pro­mi­nen­te Gäs­te wie die Regie­ren­de Bür­ger­meis­te­rin Fran­zis­ka Gif­fey oder die deutsch-ukrai­ni­sche Schrift­stel­le­rin Kat­ja Petrow­ska­ja wer­den kom­men. Es soll auch dar­um gehen, wel­che his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung Deutsch­land gegen­über der Ukrai­ne trägt.

In Deutsch­land wird gera­de eher über Waf­fen­lie­fe­run­gen dis­ku­tiert. Für Furo­re sorg­te zuletzt ein öffent­li­cher Brief, unter­zeich­net von eini­gen Prominenten.

Ich fin­de den Brief – ehr­lich gesagt – ent­setz­lich. Ich kann nur emp­feh­len, ein­fach mal ein Buch über die ukrai­ni­sche Geschich­te in die Hand zu neh­men. Da gibt es auch Über­bli­cke, die an einem Wochen­en­de zu schaf­fen sind. Jeder, der die ukrai­ni­sche Geschich­te kennt, weiß, wor­um es da geht in die­sem Kampf, näm­lich um nichts weni­ger als unse­re Exis­tenz. Ein guter Beleg dafür ist der Arti­kel »Was Russ­land in Bezug auf die Ukrai­ne tun soll­te«, der im April von Ria Novos­ti, einer staat­li­chen Nach­rich­ten­agen­tur in Russ­land, ver­öf­fent­licht wur­de. Dar­in wird ganz klar die Aus­lö­schung ukrai­ni­scher Iden­ti­tät, Spra­che und Kul­tur gefor­dert, nichts ande­res. Wür­den wir die Waf­fen nie­der­le­gen, dann wür­den wir ver­nich­tet. Ich fin­de, dass Deutsch­land auf­grund sei­ner Geschich­te der größ­te Freund der Ukrai­ne sein müss­te – und zwar auch, wenn die Bedro­hung aus Russ­land kommt. Das bes­te Bei­spiel dafür ist doch der Holo­caust-Über­le­ben­de Boris Romant­schen­ko, der bei einem rus­si­schen Bom­ben­an­griff auf Char­kiw am 18. März 2022 getö­tet wur­de. Sein Tod ist jetzt auf unser aller Gewissen.

Vie­le Men­schen in Deutsch­land befürch­ten die maxi­ma­le Eska­la­ti­on. Sie haben Angst davor, dass sich der rus­si­sche Prä­si­dent in die Ecke gedrängt fühlt und zu den Atom­waf­fen greift.

Ich glau­be, dass Men­schen, die die­ses Argu­ment brin­gen, nicht ver­ste­hen, dass Putin über­haupt gar kei­ne Anläs­se braucht für irgend­et­was. Die Opti­on, Atom­waf­fen ein­zu­set­zen, hat­te er schon immer. Es stellt sich eher die Fra­ge, wie lan­ge man noch war­ten soll. Die Ukrai­ne bit­tet seit dem Kriegs­be­ginn 2014 dar­um, dass etwas unter­nom­men wird. Deutsch­land spielt eine gro­ße Rol­le und wir ver­ste­hen nicht, war­um so lan­ge mit den Waf­fen­lie­fe­run­gen gewar­tet wur­de. Ich kann mich dar­an erin­nern, wie mir ein­mal gesagt wur­de: »Wenn wir ukrai­ni­sche Geflüch­te­te auf unse­ren Stra­ßen haben, dann wer­den wir etwas unter­neh­men.« Na bit­te­schön, jetzt sind sie da.

Der Krieg in der Ukrai­ne hält mitt­ler­wei­le seit mehr als zwei Mona­ten an. Wie viel Kraft kos­tet sie das?

Ich befin­de mich gewis­ser­ma­ßen selbst im Krieg – nicht phy­sisch, aber men­tal – und das ist anstren­gend. Das The­ma beglei­tet mich tag­ein, tag­aus und an Ablen­kung ist nicht zu den­ken. Ich glau­be, dass alle, die sich seit Beginn an enga­gie­ren, sehr erschöpft sind – ganz beson­ders die Ukrai­ne­rin­nen und Ukrai­ner. Wir tra­gen gleich meh­re­re Geschich­ten mit uns her­um: Einer­seits gehen wir nor­mal arbei­ten, ande­rer­seits machen wir uns Sor­gen um unse­re Fami­lie und Freun­de, die in der Ukrai­ne geblie­ben sind. Eini­ge von uns haben auch jeman­den bei sich unter­ge­bracht. Das sind dann Men­schen, die kein Deutsch kön­nen und immer wie­der Hil­fe bei Din­gen wie Behör­den­gän­gen oder Arzt­ter­mi­nen brauchen.

Hier in Ber­lin scheint den Men­schen ein biss­chen die Pus­te aus­zu­ge­hen. Laut Sozi­al­se­na­to­rin Kat­ja Kip­ping (Lin­ke) hat die Spen­den­be­reit­schaft zuletzt stark abgenommen.

Ich glau­be auch, dass die Ber­li­ne­rin­nen und Ber­li­ner etwas müde gewor­den sind oder teil­wei­se ein­fach nicht mehr so viel übrig haben. Gera­de was die Sach­spen­den angeht, kommt an man­chen Orten nur noch ein Drit­tel von dem an, was am Anfang gespen­det wur­de. Aber bevor wir jetzt Alarm schla­gen, wür­de ich erst noch abwar­ten, wie sich das wei­ter entwickelt.

Wie geht es den ukrai­ni­schen Geflüch­te­ten und was könn­te noch ver­bes­sert werden?

Am wich­tigs­ten wäre es jetzt, das Ange­bot für ukrai­nisch­spra­chi­ge Sozi­al- und Rechts­be­ra­tung aus­zu­bau­en. Wir haben es schon geschafft, dass es in den Stadt­teil­zen­tren vie­le Hel­fe­rin­nen und Hel­fer gibt, die Ukrai­nisch oder Rus­sisch spre­chen. Nur sind das eben kei­ne spe­zia­li­sier­ten Leu­te. Das glei­che gilt für psy­cho­lo­gi­sche Unter­stüt­zung. Ich habe von Men­schen gehört, die vor einem Monat in Ber­lin ange­kom­men sind und jetzt in sozia­ler Iso­la­ti­on leben. Sie wis­sen nicht, an wen sie sich wen­den kön­nen, weil sie die Spra­che nicht ver­ste­hen. Was es außer­dem braucht, ist ein­fach unse­re Zeit: Jede Stun­de, die wir mit jeman­dem ver­brin­gen kön­nen, der geflüch­tet ist, ist Gold wert.

Als Stadt­teil­ko­or­di­na­to­rin im Bezirk Mar­zahn-Hel­lers­dorf ver­mit­teln Sie zwi­schen der Ver­wal­tung und der Zivil­ge­sell­schaft vor Ort. War­um die­se Arbeit?

Es ist rela­tiv ein­fach, sich einen Job im Zen­trum zu suchen, wo es ohne­hin schon vie­le Ver­ei­ne und eine star­ke Zivil­ge­sell­schaft gibt. Ich fin­de es wich­tig, auch die Men­schen am Stadt­rand zu unter­stütz­ten und mich dort gegen Ungleich­heit ein­zu­set­zen. Dafür fah­re ich jeden Tag eine Stun­de her. In Mar­zahn-Hel­lers­dorf gibt es vie­le Fami­li­en, die unter­halb der Armuts­gren­ze leben und vie­le allein­er­zie­hen­de Müt­ter, die unter­stützt wer­den müs­sen. Ich möch­te hier mei­ne Erfah­run­gen ein­brin­gen als Akti­vis­tin. Das liegt auch in der Fami­lie: Schon mein Groß­va­ter war Gewerk­schaf­ter und hat sich für ande­re Men­schen enga­giert. Ich habe das übernommen.

In Ber­lin, und nicht zuletzt in Mar­zahn-Hel­lers­dorf, leben vie­le Ukrai­ner und Rus­sen neben­ein­an­der. Führt der Krieg hier zu Konflikten?

Zumin­dest in mei­ner Umge­bung hat sich, was das angeht, nicht viel geän­dert. Es gab schon vor­her vie­le Rus­sin­nen und Rus­sen, mit denen ich für Men­schen­rech­te auf die Stra­ße gegan­gen bin und die sind jetzt nicht plötz­lich ande­rer Mei­nung. Ganz im Gegen­teil: Alle unter­stüt­zen, wo sie nur kön­nen. Ich den­ke, das ist auch das, was jetzt jeder anstän­di­ge Rus­se machen sollte.

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