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Raubkunst befreit

Schlösserstiftung übergibt von Nazis enteignetes Bild an jüdische Erben

  • Von Andreas Fritsche, Potsdam
  • Lesedauer: 6 Min.
Max Beran bei der Übergabe des von den Nazis geraubten Bildes
Max Beran bei der Übergabe des von den Nazis geraubten Bildes "Schäfchen"

Wir kön­nen heu­te etwas zurück­ge­ben, was uns gar nicht gehört«, sagt am Frei­tag Chris­toph Mar­tin Vogt­herr, Gene­ral­di­rek­tor der Stif­tung preu­ßi­sche Schlös­ser und Gär­ten (SPSG). In ihrem zen­tra­len Depot an der Pots­da­mer Fried­rich-Engels-Stra­ße über­gibt die Stif­tung das Bild »Schäf­chen« 81 Jah­re nach dem Raub durch die Nazis an die jüdi­schen Erben von Ire­ne Beran. Ihr Enkel Max Beran ist dazu aus Eng­land ange­reist und hat sei­nen Enkel Jake mit­ge­bracht und auch sei­nen Sohn Tom, in des­sen Haus das Ölge­mäl­de sei­nen Platz fin­den soll. Es war frü­her im Pots­da­mer Schloss Ceci­li­en­hof aus­ge­stellt, lager­te aber die ver­gan­ge­nen acht Jah­re im Depot.

»Muse­en sind Ein­rich­tun­gen mit gro­ßem mora­li­schen Anspruch. Die­sem Anspruch müs­sen wir gerecht wer­den«, erklärt Gene­ral­di­rek­tor Vogt­herr. Lan­ge hät­ten Muse­en in der Fra­ge der Rück­ga­be geraub­ter Kunst nichts sehen, hören und sagen wol­len. Die­se Zei­ten sei­en glück­li­cher­wei­se vor­bei. Was von den Nazis oder in der sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne ent­eig­net wur­de, erhal­ten die Erben zurück, wenn die Stif­tung sie ermit­teln kann. Schon seit dem Jahr 2004 gibt es eigens für die­sen Zweck ange­stell­te Mitarbeiter.

Von den rund 140 000 Kunst­wer­ken in den Samm­lun­gen der preu­ßi­schen Schlös­ser und Gär­ten stam­me das Aller­meis­te von dem Herr­scher­haus der Hohen­zol­lern aus der Zeit vor 1919, erläu­tert Vogt­herr. Es gebe im Bestand aber zum Bei­spiel auch unge­fähr 1000 Objek­te aus Ber­gun­gen aus ande­ren Schlös­sern nach 1945, von denen inzwi­schen etwa 150 Objek­te an die recht­mä­ßi­gen Eigen­tü­mer zurück­ge­ge­ben wor­den sei­en. Außer­dem gebe die Stif­tung mit »Schäf­chen« nun bereits das 16. Bild her­aus, das die Faschis­ten geraubt hatten.

Das Mäd­chen, das einem sprin­gen­den Schaf einen Blu­men­kranz über­streift und dabei von einem klei­ne­ren Mäd­chen beob­ach­tet wird, hat­te Tho­mas Theo­dor Hei­ne (1867–1948) im Jah­re 1905 in Öl auf Holz gemalt. Hei­ne war Her­aus­ge­ber der Sati­re­zeit­schrift »Sim­pli­cis­si­mus«. Als Jude such­te er Zuflucht in der Tsche­chow­lo­wa­kei, als die Nazis in Deutsch­land an die Macht kamen. 1905, als er das Bild »Schäf­chen« mal­te, hat­te Ire­ne Sub­ak den Unter­neh­mer­sohn Phil­ipp Beran gehei­ra­tet. In den 1920er Jah­ren ver­lieb­te sie sich jedoch in des­sen acht Jah­re jün­ge­ren Bru­der Bru­no. Die Ehe mit Phil­ipp wur­de 1935 geschie­den. Ire­ne und Bru­no zogen nach Paris, über­leb­ten den Zwei­ten Welt­krieg in den USA und star­ben 1979 in Pal­ma de Mal­lor­ca. Phil­ipp blieb nach der Schei­dung im tsche­chi­schen Brno (Brünn) und bei ihm blieb auch ein Teil von Ire­nes wert­vol­ler Kunst­samm­lung, dar­un­ter das Bild »Schäf­chen«. Der Kata­log einer Aus­stel­lung »Gemäl­de und Plas­ti­ken aus Brün­ner Pri­vat­be­sitz« von 1930 bezeich­net Ire­ne Beran als Leih­ge­be­rin. Sie muss das Bild dem Tex­til­un­ter­neh­mer Herr­mann Fein­berg abge­kauft haben, dem es 1927 nach­weis­lich noch gehört habe, berich­tet Ulri­ke Schmie­gelt-Rie­tig von der Schlös­ser­stif­tung. Die Besitz­ver­hält­nis­se konn­ten durch umständ­li­che und lang­wie­ri­ge Nach­for­schun­gen nach­voll­zo­gen werden.

Phil­ipp Beran wur­de am 5. Dezem­ber 1941 ins KZ The­re­si­en­stadt ver­schleppt, am 15. Janu­ar 1942 nach Riga depor­tiert und dort ermor­det. Die Nazis ver­kauf­ten sein Haus und die Ein­rich­tung. 1948 tauch­te das Bild »Schäf­chen« an einem Kon­troll­punkt im bran­den­bur­gi­schen Wit­ten­ber­ge auf, als die sowje­ti­sche Mili­tär­ad­mi­nis­tra­ti­on eine gro­ße Zahl von Kunst­wer­ken beschlag­nahm­te, die heim­lich in den Wes­ten Deutsch­lands ver­frach­tet wer­den soll­ten. Wer sich als Schmugg­ler betä­tig­te und wie viel beschlag­nahmt wur­de, lässt sich nicht mehr rekon­stru­ie­ren. Die Akten ent­hal­ten dazu kei­ne Informationen.

Um 1950 her­um gelang­ten 100 der beschlag­nahm­ten Kunst­wer­ke zu den Staat­li­chen Schlös­sern und Gär­ten Pots­dam-Sans­sou­ci, dem DDR-Vor­gän­ger der heu­ti­gen Stif­tung. Eines der Wer­ke aus die­ser Trans­ak­ti­on, ein von Hugo von Haber­mann (1849–1929) gemal­tes Por­trät von Ire­ne Berans, konn­te die Stif­tung bereits 2007 an die Fami­lie Beran über­ge­ben. Über­nom­men hat es damals Ire­nes Sohn Rudolph. Der hat­te die­ses Por­trät 70 Jah­re zuvor das letz­te Mal in sei­nem Eltern­haus gese­hen. Es nun bei sich an der Wand zu haben, »war der Höhe­punkt im letz­ten Lebens­jahr mei­nes Vaters«, erzählt am Frei­tag sein inzwi­schen 81 Jah­re alter Sohn Max Beran. Für die­sen ist die Suche nach Bil­dern aus der Kunst­samm­lung sei­ner Groß­mutter mit der Rück­ga­be von »Schäf­chen« nicht been­det. Er fahn­det zum Bei­spiel noch nach einem Werk des berühm­ten Malers Gus­tav Klimt (1892–1918), das sei­ner Fami­lie gehört hatte.

Der Wert des am Frei­tag über­ge­be­nen Gemäl­des lässt sich nicht so ein­fach bezif­fern. Bil­der des Malers und Zeich­ners Tho­mas Theo­dor Hei­ne erzie­len bei Auk­tio­nen immer mal wie­der »Über­ra­schungs­prei­se«, weiß Exper­tin Schmie­gelt-Rie­tig. Bei der Schlös­ser­stif­tung sei »Schäf­chen« mit einer nied­ri­gen fünf­stel­li­gen Sum­me ver­si­chert gewe­sen. Für die Fami­lie Beran hat die­ses Gemäl­de aber weni­ger die­sen finan­zi­el­len, als viel­mehr einen hohen ideel­len Wert. Sie möch­te es nicht verkaufen.

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