Raubkunst befreit

Schlösserstiftung übergibt von Nazis enteignetes Bild an jüdische Erben

  • Von Andreas Fritsche, Potsdam
  • Lesedauer: 4 Min.
Max Beran bei der Übergabe des von den Nazis geraubten Bildes "Schäfchen"
Max Beran bei der Übergabe des von den Nazis geraubten Bildes "Schäfchen"

Wir können heute etwas zurückgeben, was uns gar nicht gehört«, sagt am Freitag Christoph Martin Vogtherr, Generaldirektor der Stiftung preußische Schlösser und Gärten (SPSG). In ihrem zentralen Depot an der Potsdamer Friedrich-Engels-Straße übergibt die Stiftung das Bild »Schäfchen« 81 Jahre nach dem Raub durch die Nazis an die jüdischen Erben von Irene Beran. Ihr Enkel Max Beran ist dazu aus England angereist und hat seinen Enkel Jake mitgebracht und auch seinen Sohn Tom, in dessen Haus das Ölgemälde seinen Platz finden soll. Es war früher im Potsdamer Schloss Cecilienhof ausgestellt, lagerte aber die vergangenen acht Jahre im Depot.

»Museen sind Einrichtungen mit großem moralischen Anspruch. Diesem Anspruch müssen wir gerecht werden«, erklärt Generaldirektor Vogtherr. Lange hätten Museen in der Frage der Rückgabe geraubter Kunst nichts sehen, hören und sagen wollen. Diese Zeiten seien glücklicherweise vorbei. Was von den Nazis oder in der sowjetischen Besatzungszone enteignet wurde, erhalten die Erben zurück, wenn die Stiftung sie ermitteln kann. Schon seit dem Jahr 2004 gibt es eigens für diesen Zweck angestellte Mitarbeiter.

Von den rund 140 000 Kunstwerken in den Sammlungen der preußischen Schlösser und Gärten stamme das Allermeiste von dem Herrscherhaus der Hohenzollern aus der Zeit vor 1919, erläutert Vogtherr. Es gebe im Bestand aber zum Beispiel auch ungefähr 1000 Objekte aus Bergungen aus anderen Schlössern nach 1945, von denen inzwischen etwa 150 Objekte an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben worden seien. Außerdem gebe die Stiftung mit »Schäfchen« nun bereits das 16. Bild heraus, das die Faschisten geraubt hatten.

Das Mädchen, das einem springenden Schaf einen Blumenkranz überstreift und dabei von einem kleineren Mädchen beobachtet wird, hatte Thomas Theodor Heine (1867–1948) im Jahre 1905 in Öl auf Holz gemalt. Heine war Herausgeber der Satirezeitschrift »Simplicissimus«. Als Jude suchte er Zuflucht in der Tschechowlowakei, als die Nazis in Deutschland an die Macht kamen. 1905, als er das Bild »Schäfchen« malte, hatte Irene Subak den Unternehmersohn Philipp Beran geheiratet. In den 1920er Jahren verliebte sie sich jedoch in dessen acht Jahre jüngeren Bruder Bruno. Die Ehe mit Philipp wurde 1935 geschieden. Irene und Bruno zogen nach Paris, überlebten den Zweiten Weltkrieg in den USA und starben 1979 in Palma de Mallorca. Philipp blieb nach der Scheidung im tschechischen Brno (Brünn) und bei ihm blieb auch ein Teil von Irenes wertvoller Kunstsammlung, darunter das Bild »Schäfchen«. Der Katalog einer Ausstellung »Gemälde und Plastiken aus Brünner Privatbesitz« von 1930 bezeichnet Irene Beran als Leihgeberin. Sie muss das Bild dem Textilunternehmer Herrmann Feinberg abgekauft haben, dem es 1927 nachweislich noch gehört habe, berichtet Ulrike Schmiegelt-Rietig von der Schlösserstiftung. Die Besitzverhältnisse konnten durch umständliche und langwierige Nachforschungen nachvollzogen werden.

Philipp Beran wurde am 5. Dezember 1941 ins KZ Theresienstadt verschleppt, am 15. Januar 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet. Die Nazis verkauften sein Haus und die Einrichtung. 1948 tauchte das Bild »Schäfchen« an einem Kontrollpunkt im brandenburgischen Wittenberge auf, als die sowjetische Militäradministration eine große Zahl von Kunstwerken beschlagnahmte, die heimlich in den Westen Deutschlands verfrachtet werden sollten. Wer sich als Schmuggler betätigte und wie viel beschlagnahmt wurde, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Die Akten enthalten dazu keine Informationen.

Um 1950 herum gelangten 100 der beschlagnahmten Kunstwerke zu den Staatlichen Schlössern und Gärten Potsdam-Sanssouci, dem DDR-Vorgänger der heutigen Stiftung. Eines der Werke aus dieser Transaktion, ein von Hugo von Habermann (1849–1929) gemaltes Porträt von Irene Berans, konnte die Stiftung bereits 2007 an die Familie Beran übergeben. Übernommen hat es damals Irenes Sohn Rudolph. Der hatte dieses Porträt 70 Jahre zuvor das letzte Mal in seinem Elternhaus gesehen. Es nun bei sich an der Wand zu haben, »war der Höhepunkt im letzten Lebensjahr meines Vaters«, erzählt am Freitag sein inzwischen 81 Jahre alter Sohn Max Beran. Für diesen ist die Suche nach Bildern aus der Kunstsammlung seiner Großmutter mit der Rückgabe von »Schäfchen« nicht beendet. Er fahndet zum Beispiel noch nach einem Werk des berühmten Malers Gustav Klimt (1892–1918), das seiner Familie gehört hatte.

Der Wert des am Freitag übergebenen Gemäldes lässt sich nicht so einfach beziffern. Bilder des Malers und Zeichners Thomas Theodor Heine erzielen bei Auktionen immer mal wieder »Überraschungspreise«, weiß Expertin Schmiegelt-Rietig. Bei der Schlösserstiftung sei »Schäfchen« mit einer niedrigen fünfstelligen Summe versichert gewesen. Für die Familie Beran hat dieses Gemälde aber weniger diesen finanziellen, als vielmehr einen hohen ideellen Wert. Sie möchte es nicht verkaufen.

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