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Es bleibt beim Dank

Der Ukraine-Krieg schmälert nicht das historische Verdienst der Roten Armee

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.
Das Sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow
Das Sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow

Als wir vor zwei Jahren im »nd« den 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus würdigten, zeigten wir auf der Titelseite Rotarmisten im Mai 1945 vor der Berliner Siegessäule. Dazu die Schlagzeile: Spasibo! Danke!

Seitdem ist viel passiert. »Die Welt ist aus den Fugen geraten« – diese fast schon abgedroschene Formulierung von Frank-Walter Steinmeier, damals noch Außenmister, meinte vor sechs, sieben Jahren die massiven Fluchtbewegungen durch Europa, ausgelöst durch Großkonflikte wie die Kriege in Syrien und Afghanistan. Das schien damals noch weit weg von uns zu sein; die Flüchtlinge waren Zeugen von Mord und Verwüstung irgendwo hinter unserem Horizont.

In »Faust 1« lässt Goethe einen Bürger sagen, kurz vor dem berühmten Osterspaziergang:
»Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.«

Diese Art besinnlicher Katastrophenbetrachtung hat sich in einer globalisierten Welt längst erledigt. Die politischen Verhältnisse brodeln, die Zeichen stehen auf internationale Konfrontation. Der Krieg in der Ukraine betrifft uns ganz unmittelbar – geografisch, emotional, wirtschaftlich, inzwischen auch militärisch. Viele Fragen stellen sich seitdem, über die die Gesellschaft, auch die gesellschaftliche Linke nachzudenken haben.

Russlands Aggression berührt auch die Frage: Wie gehen wir mit dem 8. Mai um? Die Sowjetunion, die Rote Armee haben entscheidenden Anteil an der Befreiung Deutschland und Europas vom Faschismus. Lange genug hat es gedauert, bis auch im Westen Deutschlands offiziell von Befreiung gesprochen wurde. Ist das nun hinfällig, weil Putins Russland selbst einen grausamen Krieg führt und sich innenpolitisch immer mehr in Richtung halsstarriger Autokratie bewegt?

Dieser Krieg gegen die Ukraine hat schon viele furchtbare Geschichten geschrieben. Zum Beispiel die von Boris Romantschenko, der die Konzentrationslager Buchenwald und Bergen-Belsen überlebte und im März bei einem Bombenangriff auf seine Heimatstadt Charkiw getötet wurde. Zum Beispiel die von Wanda Obiedkowa, die als Kind die Nazi-Besatzung in Mariupol in einem Kellerversteck überlebte und Anfang April bei der Dauerbelagerung von Mariupol starb, nachdem sie erneut im Keller Schutz hatte suchen müssen. Es ist bitter und abstoßend, dass die Enkel und Urenkel der Befreier nun ihr Nachbarland bombardieren und zerstören. Aber das ändert nichts an den Leistungen der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg. Auch dann nicht, wenn sie jetzt von Wladimir Putin in die Propagandakulisse seines Angriffskrieges eingebaut werden.

Die Befreiung vom Faschismus durch die Rote Armee bleibt ein historisches Verdienst. Deshalb ist es gut, wenn dessen auch 2022 gedacht, in Zeiten des Krieges, wenngleich, stiller, nachdenklicher als in anderen Jahren. Und es ist gut, wenn die Gesellschaft jetzt nicht Stimmungen nachgibt, die die Geschichte umschreiben und Denkmäler stürzen wollen. Und sich nicht durch Verbote sowjetischer und russischer Fahnen beeindrucken lässt.

Es gibt allen Grund, den Befreiern von damals zu danken – den sowjetischen ebenso wie den britischen, amerikanischen und französischen. Spasibo? Natürlich, trotz allem!

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