Die Zerstörung

Andreas Koristka sieht im 9-Euro-Ticket das Ende der Republik Deutschland

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 3 Min.
9-Euro-Ticket: Die Zerstörung

Das 9‑Euro-Ticket kommt und der Bahn schlottern die Knie. Billigheimer aus der gesamten Republik rotten sich zusammen, um die Züge der DB als Fortbewegungsmittel zu missbrauchen und die Bahn damit ins Unglück zu stoßen. Schon jetzt wird davor gewarnt, dass es im Bereich des Möglichen liegt, dass in naher Zukunft überfüllte Züge geräumt werden müssen. Auf Sylt fürchten sie sogar, dass sich das Proletariat der gesamten Republik über die wohlsituierte Insel übergießt wie ein Schwall Erbrochenes, der vom Konsum eines Kastens Sternburg-Biers hervorgerufen wurde, der von Arbeitslosengeld gekauft wurde.

Aber nicht nur an der Nordsee haben sie Angst. In Hennigsdorf, der Industriestadt im Grünen bei Berlin, in der es für gewöhnlich recht friedlich zugeht, fürchtet man Touristenströme ungeahnten Ausmaßes. Die Havelpassage mit ihrem unvergleichlichen Potpourri aus 1‑Euro-Läden ist ausgelegt für die Rollatoren der wenigen überalterten Einwohner und nicht für die Bierbikes der Billigtouristen.

Wenn man bald fast kostenlos nach Hennigsdorf reisen kann, wird die Infrastruktur der Stadt im Kreis Oberhavel zerbersten. Im Bahnhofsdöner, wo die örtliche Alkoholikerszene noch für einen schmalen Euro nach Fett duftende Bierflaschen kaufen kann, werden die Einheimischen von den Pubcrawlern verdrängt werden. Auf den Parkbänken wird kein Platz mehr frei bleiben und auch die Stadtbibliothek mit ihren lächerlich geringen Gebühren wird überrannt werden.
Schließlich, wenn Hennigsdorf vom Tourismus zerstört wurde wie vorher schon Barcelona und Venedig, ziehen die Horden auf den Gleisen des RE6 weiter. Erst nach Velten, später nach Sommerfeld. Es wird eine Schneise der Verwüstung in die Mark Brandenburg geschlagen werden, deren Endstation Wittenberge sein wird.

Die Szenen in den Zügen selbst möchte man sich gar nicht vorstellen. Die Leute werden ihre schwitzenden Körper in den schlecht belüfteten Abteilen aneinander reiben. Die WCs werden verstopft sein und auch die Anschlusszüge wird man nicht mehr erreichen können. Es wird also mindestens genauso schlimm wie immer. Die wenigen Fahrgäste, die einen Sitzplatz ergattert haben, werden sich unflätig benehmen. Sie werden viel zu laute Telefongespräche über ihre Arbeit und ihre Beziehungen führen und sich beim Verzehr ihrer mitgebrachten Speisen so dusselig anstellen, dass sie dabei ihre Hemden bekleckern. Viele werden ungeniert popeln. In den Fahrradabteilen wird es Rentner geben, die, getrieben aus purer Boshaftigkeit, ihre E‑Bikes zu unüberwindbaren Festungen aufbauen. Es wird ein Zeichen ihres Triumphs über die komplexen Wabensysteme und die hochkomplizierten Ticketautomaten der Bahn sein.

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Glücklich dürfen sich nur die Gemeinden schätzen, die bislang vom Anschluss an das Eisenbahnnetz verschont geblieben sind. Jeder, der noch halbwegs bei Verstand ist, sollte jetzt Urlaub in Orten wie Havelberg oder Marwitz buchen. Eile ist geboten! Die wenigen Ferienwohnungen dort werden bald ausgebucht sein. Die Antwort der Ampelkoalition auf die gestiegenen Spritpreise scheint also zu sein, dass sie das gesamte Land ins Verderben führen möchte. Verwüstung und Chaos ist offensichtlich ihr erklärtes Ziel, das die Bahn mit ein paar wenigen Verstärkerzügen kaschieren soll. Vielleicht war das ja die Idee Putins, die hinter seinem scheinbar völlig undurchdachten Angriff auf die Ukraine stand. So schafft er es doch noch, Deutschland zu vernichten. Sollte es so gewesen sein, dann war dies ein tatsächlich genialer Schachzug des russischen Präsidenten. Wladimir Putins Ruf als kühler und rationaler Geopolitiker sollte damit nun wiederhergestellt sein.

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