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Orbáns Doppelzüngigkeit

Ungarn Schlingerkurs gegenüber Russland führt die Regierung von Viktor Orbán in der EU in die Isolation, meint Zoltán Kovács

  • Von Zoltán Kovács
  • Lesedauer: 6 Min.
Viktor Orbán, ungarischer Ministerpräsident
Viktor Orbán, ungarischer Ministerpräsident

Soll­te uner­war­tet der bedau­erns­wer­te Fall ein­tre­ten, dass man mich auf mei­ne alten Tage zur Armee ein­be­ruft, hät­te ich eine Bit­te an den lie­ben Gott: Feu­er­schutz soll mir auf kei­nen Fall Vik­tor Orbán geben. Auf sein Ver­spre­chen, dass ich das ret­ten­de Ufer mit sei­ner Hil­fe errei­chen wer­de, will ich mich nicht ver­las­sen. Der Minis­ter­prä­si­dent hält sich näm­lich meis­tens nicht an Ver­ein­ba­run­gen und Ver­spre­chen. Immer wie­der ver­mengt er Ver­bün­de­te mit Fein­den, Aggres­so­ren mit Ange­grif­fe­nen, Arme mit Rei­chen und so wei­ter. Und so hält er das mit allem, egal wor­um es geht. Kaum ein ein­deu­ti­ger Satz von ihm. Und wenn dann doch, behaup­tet er spä­ter das Gegenteil.

Sein neu­es­tes Scha­chern lau­tet: »Wir zah­len jetzt nicht in Rubel, spä­ter aber schon.« Der rus­si­sche Prä­si­dent Vla­di­mir Putin hat näm­lich ange­ord­net, dass Staa­ten, die Mos­kau gegen­über »unfreund­lich« sind, für Gas in Rubel zah­len müs­sen, sonst wird ihnen der Hahn abge­dreht. Die EU hat kei­ne Sank­ti­on erlas­sen, die es den Mit­glied­staa­ten expli­zit ver­bie­tet, rus­si­sche Rech­nun­gen für Ener­gie in Rubel zu beglei­chen. Selbst beim Gip­fel in Brüs­sel Anfang April gab es dar­über kei­nen Kon­sens. Doch die Mehr­heit der Mit­glied­staa­ten war mit der Kom­mis­si­on ein­ver­stan­den, dass die­se Idee Putins abge­lehnt gehört. Das hat auch Ungarn mitgetragen.

Eini­ge Tage spä­ter erklär­te Péter Szi­j­jár­tó beim Mee­ting der EU-Außen­mi­nis­ter, Ungarn hät­te einen Weg gefun­den, wie man trotz der Bezah­lung in Rubel gegen die Sank­ti­ons­maß­nah­men den­noch nicht ver­stößt: CEEn­er­gy, eine Toch­ter­ge­sell­schaft der Unga­ri­schen Elek­tri­zi­täts­wer­ke MVM, wür­de für das Gas an die Gaz­prom Bank Russ­land in Euro zah­len. Die­se wer­de die Zah­lung in Rubel umtau­schen, um Putins For­de­rung zu erfül­len. So kön­ne man die Rus­sen schluss­end­lich mit Rubel bezah­len, und trotz­dem wür­de dabei alles beim Alten blei­ben. Unse­re Zah­lun­gen wür­den ent­spre­chend des Ori­gi­nal­ver­tra­ges in Euro beglichen.

Wie man sieht, ist der Weg von einer »behut­sa­men Annä­he­rung« zur Will­fäh­rig­keit in der Poli­tik der Orbán-Regie­rung äußerst kurz. Ein paar Tage spä­ter erklär­te die EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en im Nach­rich­ten­sen­der CNN, der Umtausch von Euro in Rubel und dann die Zah­lung von Putins Gas­rech­nung in Rubel wäre nichts ande­res als die Aus­he­be­lung der EU-Sank­tio­nen. Sie erklär­te, Brüs­sel habe dies­be­züg­lich bereits Buda­pest kon­tak­tiert. Es sei klar, dass jede Art von Bezah­lung in Rubel die Wir­kung der Sank­tio­nen auf die rus­si­schen Reser­ven an Devi­sen schwächt und den Wech­sel­kurs des Rubel in die Höhe treibt. Bas van Gef­fen, Chef­ana­lyst der nie­der­län­di­schen Rab­obank, teil­te der »Finan­cial Times« mit, dass in die­sem Fall der Wes­ten sei­ne eige­nen Sank­tio­nen aus­trick­sen wür­de. Mit »Wes­ten« drück­te er sich vor­nehm aus, denn in die­sem Fall wür­de das ganz kon­kret Vik­tor Orbán tun.

Bei Kriegs­be­ginn in der Ukrai­ne war es die gene­rel­le Mei­nung, dass Orbáns Dop­pel­zün­gig­keit damit been­det ist, der Krieg ist näm­lich erbar­mungs­los, er dul­det kein »Sowohl als auch«. Was Orbán betrifft, war das ein Irr­tum. Er setzt näm­lich die Heu­che­lei unbe­irrt fort. Aus Mos­kau ruft er Nato-Chef Jens Stol­ten­berg an, aus Buda­pest den ukrai­ni­schen Prä­si­den­ten Wolo­dym­yr Selens­kij und von irgend­wo­her Putin. Allen erklärt er, dass Ungarn für den Frie­den sei. Er besucht die Gren­ze zur Ukrai­ne, sieht bei der Flücht­lings­hil­fe nach und stellt fest, dass die Ungarn gute Men­schen sind. Den­sel­ben guten Men­schen war es aber vor fünf oder sechs Jah­ren nicht erlaubt, den Flücht­lin­gen aus mus­li­mi­schen Län­dern zu helfen.

Und dann kommt der Schlüs­sel­satz: »Den Preis des Krie­ges soll­ten nicht wir bezah­len!«, sagt der Regie­rungs­chef, der zwölf Jah­re Zeit hat­te, die Abhän­gig­keit sei­nes Lan­des von Russ­land zu ver­rin­gern. Und der die Wah­len soeben unter ande­rem mit dem Ver­spre­chen gewon­nen hat, er wür­de mit wirk­sa­men Maß­nah­men die Abhän­gig­keit im Ener­gie­sek­tor been­den. (Ungarn deckt sei­nen Bedarf an Gas nahe­zu zu 100 Pro­zent aus Russ­land!) Aktu­ell sträubt sich Orbán gegen das EU-Embar­go gegen rus­si­sche Erd­öl-Impor­te. Erst hat er gezau­dert, das Gas­an­ge­bot aus Aser­bai­dschan, das in Ungarn das rus­si­sche Gas teil­wei­se erset­zen soll­te, anzu­neh­men. Anschlie­ßend hat er das zwei­fel­haf­te Abkom­men mit Russ­land über die Erwei­te­rung des ein­zi­gen unga­ri­schen AKW geschlos­sen. Im Moment bas­telt er haupt­säch­lich mit dem Rubel.

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