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Wie lange noch?

Über das mediale Gebaren des Andrij Melnyk

  • Gerhard Schweppenhäuser
  • Lesedauer: 3 Min.

Wenn man sich ansieht, was der ukrainische Botschafter in der BRD seit Ende Februar tagaus, tagein zum Besten gibt – in Social Media, Radio und Fernsehen, wo er präsent ist wie Karl Lauterbach in seinen besten Zeiten –, dann könnte man sich manchmal fragen, ob an Putins Vorwand zur Rechtfertigung eines nicht zu rechtfertigenden Angriffskriegs (Achtung: Triggerwarnung!) womöglich doch etwas dran ist. Tobias Schulze hat es vergangene Woche in der »Taz« vorsichtig so ausgedrückt: Melnyk stütze »die Argumentation seiner Kontrahenten zuweilen eher, als dass er sie widerlegt«.

Bekanntlich ist Andrij Melnyk ein bekennender Verehrer des ukrainischen NS-Kollaborateurs Bandera. Und er verehrt diesen Kriegsverbrecher aus dem Zweiten Weltkrieg nicht erst, seit Putin die Ukraine überfallen hat. Lange vorher postete er Fotos, auf denen er stolz am Grab seines Helden Bandera posiert. Melnyk hat auch die faschistoide Asow-Miliz gefeiert, als diese noch eine zwar geduldete, aber als zwielichtig geltende Splittergruppe in der Ukraine war. Und nun lässt er keine Gelegenheit aus, deutsche Politiker*innen, die im weitesten Sinne links von Friedrich Merz stehen, aufs Unflätigste zu beschimpfen. Die Social Media stehen ihm sowieso frei, aber es vergeht wie gesagt kein Tag, an dem er dafür keine Bühne im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bekäme.

Kürzlich durfte Melnyk zur besten Fernsehsendezeit den Sozialpsychologen Harald Welzer attackieren. Welzer solle gefälligst den Mund halten in seinem Professorenzimmer, er sei schließlich Deutscher, Angehöriger des Volkes also, das seinerzeit die Ukraine angegriffen habe. Welzer machte höflich klar, dass niemand, der seine historisch-kritische Forschungsarbeit kenne, so etwas gegen ihn vorbringen würde. Er beließ es bei der moderaten Formulierung, dass Melnyk »borniert« sei. Nun, das hätte man auch anders ausdrücken können, wenn man von einem völlig außer Rand und Band geratenen Diplomaten als »moralisch verwahrlost« beschimpft wird.

Welzer hat mit Bedacht andere Worte gewählt als Friedrich Straetmanns, jener Staatssekretär im Justizministerium, der unlängst seinem Unmut über Melnyks Stil im Umgang mit Andersdenkenden Luft gemacht hat. Straetmanns entschuldigte sich wenig später für seine Wortwahl; mit der hatte er freilich vielen Menschen aus dem Herzen gesprochen.

Das Problem ist aber nicht, dass Melnyk (wie viele Rechte) ein Intellektuellenfeind ist; auch nicht, dass er permanent die Grenzen des Anstands verletzt. Dazu könnte man, angesichts der furchtbaren Lage seines Landes, sagen: geschenkt. Nein, das Problem ist, dass er all denen eine Steilvorlage nach der anderen gibt, die mit dem Rechtfertigungsnarrativ von Putins Feldzug sympathisieren. Und die nicht erkennen, dass hier am Ende eine Art irrer Geschichtsdialektik im Spiel ist: Vor Putins Überfall war die Asow-Miliz marginal, danach stieg sie zum Bataillon auf, das von höchster Stelle sanktioniert ist. Vor Putins Überfall war der ukrainische Botschafter in Deutschland eine zwielichtige Figur am rechten Rand, nur linke Gruppen hatten ihn auf dem Radar. Seither ist er zur Meinungsmacht aufgestiegen, die sich, ohne jedes Maß, herausnimmt, was andere nicht wagen würden.

Fazit: Die autoritär-imperialistische Kriegsgewalt, die fadenscheinig damit gerechtfertigt wird, dass faschistische Tendenzen bekämpft werden sollen, fördert genau diese nach Kräften. Dabei sollte der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht länger mitspielen. Das Maß ist voll. Ladet ihn aus! Bedenkt, dass man durchaus auch mal über eine Äußerung von irgendjemand zur Lage in der Ukraine berichten kann, ohne sogleich Andrij Melnyks Kommentar dazu zu zitieren! Kriegsentscheidend wird das nicht sein, aber es wird zur Zivilisierung der Debattenkultur beitragen.

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