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  • Serienkiller "Lüge und Wahrheit"

Im Maschinenraum der Meinungsmanipulation

Die sechsteilige Doku »Lüge und Wahrheit« skizziert die Macht der Information und reist dafür von Ramses II zu Trump I

Die Geschichte der Kriegspropaganda geht zurück bis auf König Ramses II
Die Geschichte der Kriegspropaganda geht zurück bis auf König Ramses II

Pro­pa­gan­da hal­ten vie­le ver­mut­lich für ein rela­tiv moder­nes Instru­ment zur Herr­schafts­si­che­rung. Der Ers­te Welt­krieg, der vom Auf­stieg gedruck­ter Zei­tun­gen zu Mas­sen­me­di­en beglei­tet wur­de, gilt dies­be­züg­lich als Ursprung publi­zis­ti­scher Mei­nungs­ma­ni­pu­la­ti­on. Auch spä­ter waren es vor­nehm­lich Kon­flik­te von Korea über Ex-Jugo­sla­wi­en bis Irak, Ruan­da, Afgha­ni­stan, in denen Wor­te und Bil­der gezielt zu Waf­fen der Pro­pa­gan­da wur­den. Die Wirk­lich­keit von oben zu ver­dre­hen ist also weit älter als Putins Lügen über den Angriffs­krieg in der Ukrai­ne. Wenn­gleich nicht halb so alt wie jene von Ram­ses II.

Vor knapp 3300 Jah­ren hat der ägyp­ti­sche König die Schlacht bei Kadesch gegen das hethi­ti­sche Heer ver­lo­ren. Weil er das Gegen­teil in Stein mei­ßeln ließ, glaub­ten sei­ne Unter­ta­nen über Genera­tio­nen hin­weg, ihr Mon­arch habe den Feind 1274 vor unse­rer Zeit­rech­nung glor­reich geschla­gen. Pro­pa­gan­dis­ti­sche Täu­schung ist also kei­nes­wegs eine Erfin­dung der Neu­zeit – das lehrt uns ZDF-Info gleich zu Beginn einer Geschichts­do­ku­men­ta­ti­on, die unge­heu­er aktu­ell ist.

»Lüge und Wahr­heit« hat das Zwei­te den Sechs­tei­ler getauft, könn­te das ers­te Wort im Titel aber getrost strei­chen. Wenn sich fünf Regis­seu­re durch ein hal­bes Dut­zend Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­te­me von Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien über Reli­gi­on bis hin zum Kapi­ta­lis­mus wüh­len, geht es schließ­lich sel­ten um die Wirk­lich­keit, son­dern um das, was auto­ri­tä­re Hier­ar­chien mit die­ser anstel­len. Beim The­ma »Macht, Geld oder Krieg«, heißt es ent­spre­chend im Vor­spann, »stirbt die Wahr­heit zuerst«.

In sei­ner Abso­lut­heit ist die­ser Satz zwar Unsinn, der auch nicht viel sin­ni­ger wird, weil die Spre­che­rin aus dem Off nach Rohr­frei-Rekla­me klingt. Aber es stimmt schon: Wer die sechs­mal 45 Minu­ten am Stück sieht, glaubt in Macht‑, Geld- oder Kriegs­fra­gen künf­tig kei­nem mehr trau­en zu dür­fen. In der Auf­takt­fol­ge etwa streift John Kan­t­a­ra die Geschich­te bewaff­ne­ter Kon­flik­te von den Gräu­el­ta­ten des IS rück­wärts zu König Ram­ses, vor­an zu den Pro­pa­gan­da­schlach­ten zwei­er Welt­krie­ge nach Viet­nam, des­sen Ent­lau­bung direkt in ame­ri­ka­ni­sche Wohn­zim­mer über­tra­gen wurde.

In der zwei­ten Epi­so­de mit dem Titel »Reli­gi­on« reist Regis­seur Rudolph Her­zog vom 11. Sep­tem­ber 2001 zwei­ein­halb Jahr­tau­sen­de retour zum bibli­schen Exo­dus, bevor er mit der Hexen­ver­fol­gung jenes frau­en­feind­li­che Lügen­ge­spinst ent­tarnt, das gera­de­wegs in ame­ri­ka­ni­sche Mega­kir­chen von heu­te führt, wo PR-bewuss­te Pre­di­ger selbst heu­te noch die Evo­lu­ti­on ver­flu­chen. Riel Laza­rus schil­dert dar­auf­hin, was heu­ti­ge Olig­ar­chen wie die Koch-Brü­der aus Donald Trumps Dunst­kreis von den Medi­ci oder auch Juli­us Cae­ser gelernt haben, bevor im vier­ten Teil der wirk­mäch­tigs­te Play­er auto­kra­ti­schen Macht­er­halts ins Zen­trum rückt.

Abge­se­hen von Stan­dard-Schnick­schnack zeit­ge­nös­si­scher Doku­men­ta­tio­nen aller­dings zeigt uns das For­mat bei­spiel­haft, wie die Gegen­wart der Pro­pa­gan­da mit ihrer Ver­gan­gen­heit zusam­men­hängt. Kein Wun­der, dass Donald Trump in fast jeder Fol­ge aus dem Maschi­nen­raum der Mei­nungs­ma­ni­pu­la­ti­on grüßt. »Lüge und Wahr­heit« ist kein leicht ver­dau­li­ches His­to­tain­ment. Aber ein sehr gehaltvolles.

Verfügbar in der ZDF-Mediathek.

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