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Der Pflegekampf geht weiter

Zum Tag der Pflege steht die Krankenhausbewegung auf der Theaterbühne und auf der Straße

  • Von Nora Noll
  • Lesedauer: 7 Min.
Teilnehmer der Aktion »Der Pflege geht die Luft aus« gehen im Mai 2021 am Reichstagsgebäude vorbei.
Teilnehmer der Aktion »Der Pflege geht die Luft aus« gehen im Mai 2021 am Reichstagsgebäude vorbei.

Initia­ti­ven-Speed-Dating, Podi­ums­dis­kus­sio­nen, Work­shops für den Arbeits­kampf – zum »Kon­gress der Sor­ge« ste­hen Mitt­woch­nach­mit­tag kei­ne Schauspieler*innen auf der Büh­ne des HAU (Heb­bel am Ufer), son­dern Aktivist*innen. Einen Tag vor dem inter­na­tio­na­len Tag der Pfle­ge am 12. Mai tref­fen sich Vertreter*innen der Ber­li­ner Kran­ken­haus­be­we­gung und klei­ne­rer Ber­li­ner Initia­ti­ven zum poli­ti­schen Austausch.

Ein­ge­la­den wur­den sie von dem queer-femi­nis­ti­schen Kol­lek­tiv »Staub zu Glit­zer«. Die Grup­pe holt nicht zum ers­ten Mal den Pfle­ge­kampf ans Thea­ter. Im ver­gan­ge­nen Okto­ber brach­te sie den Kran­ken­haus­streik an die Volks­büh­ne und ver­half den Strei­ken­den mit einer viel beach­te­ten Pres­se­kon­fe­renz zu mehr media­ler Auf­merk­sam­keit. Ein Drei­vier­tel­jahr spä­ter ist der Kampf noch nicht vor­bei: Nach den erfolg­rei­chen Tarif­ver­hand­lun­gen mit Cha­ri­té, Vivan­tes und den Töch­ter­un­ter­neh­men von Vivan­tes muss die Bewe­gung nun auf die Umset­zung der Tarif­ver­trä­ge pochen.

Auf dem Kon­gress soll unter ande­rem das Bünd­nis »Gesund­heit statt Pro­fi­te über die anhal­ten­den Pro­ble­me im Kran­ken­haus- und Pfle­ge­be­reich spre­chen. Sil­via Habe­kost ist Teil der Grup­pe und in der Kran­ken­haus­be­we­gung sehr aktiv. Die Pfle­ge­rin sieht durch­aus die Erfol­ge der Streiks im ver­gan­ge­nen Jahr. Auf Ver­spre­chun­gen im Koali­ti­ons­ver­trag, wie eine ver­pflich­ten­de Per­so­nal­be­mes­sung, die nicht wie die bis­he­ri­ge Per­so­nal­un­ter­gren­ze auf Kan­te genäht ist, setzt Habe­kost aller­dings nicht viel Hoff­nung. «Es muss eine kla­re Auf­wer­tung und Ent­las­tung im Sor­ge- und Care-Bereich statt­fin­den», sagt sie. Das gelin­ge letz­ten Endes nur mit ande­ren Finan­zie­rungs­mo­del­len: «Uns wird gesagt, wir müss­ten die Zäh­ne zusam­men­zu­bei­ßen. Das ist zynisch, wenn gleich­zei­tig Kon­zer­ne Pro­fit mit Gesund­heits­leis­tun­gen machen, die aus den Kran­ken­kas­sen­bei­trä­gen bezahlt wer­den.» Für sie ist klar, dass mit Daseins­vor­sor­ge kein Gewinn erzielt wer­den darf.

Auch Sarah Water­feld von «Staub zu Glit­zer» sieht die aus­beu­te­ri­schen Ver­hält­nis­se im Gesund­heits­sys­tem als Sym­ptom eines wachs­tums­wü­ti­gen Neo­li­be­ra­lis­mus. Gleich­zei­tig betont sie die femi­nis­ti­sche Rele­vanz der Pfle­ge­kämp­fe. «Die Fra­ge ist, wie wir bezahl­te und unbe­zahl­te Sor­ge­ar­beit zusam­men­den­ken. Ich bin sel­ber zwei­fa­che Mut­ter, und ich weiß genau, was es bedeu­tet, wenn Arbeit unsicht­bar gemacht wird.» In bei­den Fäl­len wer­de Arbeit abge­wer­tet, die als «weib­lich» gelte.

Bar­ba­ra Fried, eben­falls zum Kon­gress ein­ge­la­den, forscht für die Rosa-Luxem­burg-Stif­tung zu Sor­ge­ar­beit. Sie betrach­tet die Aus­gren­zung und Abwer­tung von «weib­li­cher» Arbeit als Sym­ptom und zugleich Grund­la­ge für Geschlech­te­run­ge­rech­tig­keit. «So wie Sor­ge­ar­beit orga­ni­siert ist, stellt sie die binä­re Orga­ni­sie­rung von Geschlech­tern per­ma­nent mit her.» Als Gegen­kon­zept stellt sie sich eine «sor­gen­de Stadt» vor, in der «die Bedürf­nis­se aller Bewoh­ne­rin­nen im Zen­trum ste­hen». Städ­te­pla­nung spie­le dabei genau­so eine Rol­le, um an öffent­li­chen Orten wie Nach­bar­schafts­treffs kol­lek­ti­ve Für­sor­ge zu ermög­li­chen, wie eine aus­rei­chen­de Anzahl an Kita-Plät­zen. Der Weg dort­hin lie­fe über eine dop­pel­te Ver­ge­sell­schaf­tung: Einer­seits müss­te die sozia­le und Pfle­ge-Infra­struk­tur von öffent­li­cher Hand ver­wal­tet wer­den. Ande­rer­seits müss­te die ins Pri­va­te ver­dräng­te Sor­ge­ar­beit – Kin­der, Küche und so wei­ter – vom Ran­de der Gesell­schaft in den öffent­li­chen Fokus gerückt werden.

Am Mitt­woch wird Fried auf einer Podi­ums­dis­kus­si­on mit Vertreter*innen ganz unter­schied­li­cher Ber­li­ner Initia­ti­ven spre­chen: Mit einer Gewerk­schaft von Sexworker*innen, mit der Schlaf­platz­or­ga, einer Grup­pe für die Unter­stüt­zung woh­nungs­lo­ser Migrant*innen, und mit dem Les­ben­wohn­pro­jekt Rut. Was die Grup­pen eint, ist ihr selbst­or­ga­ni­sier­ter Cha­rak­ter und die Viel­fäl­tig­keit des­sen, was Sor­ge bedeu­ten kann. Näm­lich sexu­el­le Für­sor­ge, Soli­da­ri­tät gegen die Iso­lie­rung von Geflüch­te­ten in Lagern oder auch Gemein­schaft­lich­keit außer­halb der klas­si­schen Kleinfamilie.

Am 12. Mai, dem inter­na­tio­na­len Tag der Pfle­ge, wird die pre­kä­re Rea­li­tät von Sor­ge­ar­beit eben­falls in die Öffent­lich­keit getra­gen: durch den seit 2016 jähr­lich statt­fin­den­den «Walk of Care». Um 16 Uhr star­tet der Demons­tra­ti­ons­zug am Inva­li­den­park, die Organisator*innen rech­nen mit eini­gen Hun­dert Teilnehmer*innen. Ursprüng­lich ent­stand die Grup­pe aus einem Gefühl der Frus­tra­ti­on her­aus. Ruth, Spre­che­rin von «Walk of Care» und aus­zu­bil­den­de Heb­am­me in Ber­lin, erzählt, wie Kolleg*innen aus der Pfle­ge einen Kata­ly­sa­tor für ihren anstren­gen­den Arbeits­all­tag such­ten und einen Pfle­ge-Stamm­tisch grün­de­ten. Ruth, die selbst anonym blei­ben möch­te, kennt die Frus­tra­ti­on nur zu gut: «Es geht um die Mini­mal­ver­sor­gung, also satt, sau­ber, tro­cken. Alles ande­re ist oft nicht mög­lich.» Die Grup­pe wol­le des­halb nicht nur als poli­ti­scher Akteur For­de­run­gen nach bes­se­ren Arbeits­be­din­gun­gen auf die Stra­ße tra­gen, son­dern den Aktivist*innen wei­ter­hin einen Ort für emo­tio­na­len Rück­halt bieten.

Und so schließt sich der Kreis des Pfle­ge­kamp­fes, denn wer sorgt für die, die sor­gen? Durch die Aus­beu­tung bezahl­ter wie unbe­zahl­ter Sor­ge­ar­beit fal­len Pfle­ge­kräf­te, aber auch Erzieher*innen, Allein­er­zie­hen­de oder Ehren­amt­li­che zum Teil selbst durch das sozia­le Netz. «Am Ende ist es eine Klas­sen­fra­ge», betont Bar­ba­ra Fried. Denn die Abwer­tung von «weib­li­cher», also repro­duk­ti­ver und emo­tio­na­ler Arbeit ermög­li­che es, die­se Arbeit kapi­ta­lis­tisch aus­zu­beu­ten, und drän­ge so Men­schen wei­ter ins Prekariat.

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