Werbung

Babys made in USA

Der Oberste Gerichtshof der USA liefert zweifelhafte Begründungen für ein geplantes Abtreibungsverbot, meint Sibel Schick

  • Von Sibel Schick
  • Lesedauer: 6 Min.
Foto: dpa/Jae C. Hong
Foto: dpa/Jae C. Hong

Ich sit­ze auf einem Kran­ken­haus­bett, am nächs­ten Tag soll mir der Ute­rus ent­fernt wer­den. Zu der Zeit weiß ich noch nicht, dass mein PCR-Test­ergeb­nis posi­tiv sein wird und ich nach Hau­se geschickt wer­de, ohne ope­riert zu wer­den. Mei­ne Zim­mer­nach­ba­rin und ich unter­hal­ten uns über unse­re Krank­heits­his­to­rie: Ich erzäh­le, dass ich längst ope­riert wor­den wäre – wäre nicht die unge­woll­te Schwan­ger­schaft, die ich abge­bro­chen habe, dazwi­schen­ge­kom­men. Sie erzählt, dass sie sich ope­rie­ren ließ, damit sie ein zwei­tes Kind gebä­ren kann. Ich fra­ge mich inner­lich, war­um man sich ope­rie­ren las­sen muss, wenn man ohne­hin ein Kind hat, behal­te es aber für mich. Mit einer Selbst­ver­ständ­lich­keit, die ich mir nicht erlau­be, fragt die Frau mich, war­um ich eine Schwan­ger­schaft abge­bro­chen habe. Denn sie ist die Norm, ich die Abwei­chung. Kin­der zu wol­len ist natür­lich, kin­der­los zu sein muss begrün­det werden.

Laut einem gele­ak­ten Doku­ment hat der Supre­me Court der Ver­ei­nig­ten Staa­ten vor, das Recht auf Schwan­ger­schafts­ab­brü­che zu kip­pen. Vie­le fürch­ten zurecht, dass die Auf­he­bung wei­te­rer Rech­te folgt, bei­spiels­wei­se die Ehe für alle. Die USA befin­den sich ohne­hin mit­ten in einer Angriffs­kam­pa­gne gegen kör­per­li­che Auto­no­mie, ins­be­son­de­re von mar­gi­na­li­sier­ten Min­der­hei­ten wie trans Kin­dern und Jugend­li­chen. So dür­fen Leh­rer im Bun­des­staat Flo­ri­da wegen des »Don’t say gay«-Gesetzes an Grund­schu­len nicht über sexu­el­le Ori­en­tie­rung oder Geschlechts­iden­ti­tät sprechen.

In einem Arti­kel der »New York Times« wird pro­to­kol­liert, wofür sich bestimm­te Abtreibungsgegner*innen nach einem Ver­bot von Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen ein­set­zen wür­den. Jene Aktivist*innen, die Lau­re Pen­ny in ihrem Buch »Sexu­el­le Revo­lu­ti­on« tref­fend als »Gebärzwangsextremist*innen« bezeich­net, schei­nen sich alle für die finan­zi­el­le Absi­che­rung von Fami­li­en, ins­be­son­de­re Müt­tern, ein­set­zen zu wol­len. Dabei kann man sich auch so gegen Armut ein­set­zen, ohne Men­schen zuerst zum Gebä­ren zu zwingen.

Doch dar­um geht es nicht. Viel­mehr geht es in dem gele­ak­ten Doku­ment des Supre­me Courts dar­um, Frau­en und ande­ren Betrof­fe­nen das Recht auf Selbst­be­stim­mung zu ent­hal­ten. So wird dar­in das Recht auf Auto­no­mie und Selbst­be­stim­mung als »über­trie­ben« ein­ge­stuft: Im Extrem­fall könn­ten die­se in Dro­gen­kon­sum und Pro­sti­tu­ti­on aus­ar­ten. Es wird wei­ter behaup­tet, dass Müt­ter auf dem Arbeits­markt nicht mehr dis­kri­mi­niert wer­den, Mut­ter­schutz ver­pflich­tend ist und die Kos­ten einer Schwan­ger­schaft von Kran­ken­kas­sen über­nom­men wer­den. Dass in den USA mehr als 28 Mil­lio­nen Men­schen im erwerbs­fä­hi­gen Alter kei­ne Kran­ken­ver­si­che­run­gen haben und Schwan­ge­re, die nicht ver­si­chert sind, alle Kos­ten selbst tra­gen müs­sen, die unter Umstän­den sechs­stel­lig und damit exis­tenz­be­dro­hend sein kön­nen, wird so wie vie­le ande­re Ver­sor­gungs­lü­cken im US-Gesund­heits­sys­tem ver­schwie­gen. Das wäre nicht mög­lich, wenn wir die Ent­schei­dung für Abbrü­che mit Selbst­be­stim­mung begrün­de­ten statt über­wie­gend mit öko­no­mi­schen Pro­ble­men, die nur eine ein­zi­ge Ursa­che dar­stel­len neben vie­len ande­ren. Dass eine gebär­fä­hi­ge Per­son sich gegen Kin­der, aber sehr wohl für Sex ent­schei­den kann, ohne dies begrün­den zu müs­sen, so wie es für hete­ro­se­xu­el­le cis Män­ner selbst­ver­ständ­lich ist, scheint undenkbar.

Doch es geht noch schlim­mer: Eine Fuß­no­te in dem Doku­ment lie­fert einen furcht­erre­gen­den Ein­blick in die dunk­le Welt, die sich Gebärzwangsextremist*innen wün­schen. So ist dar­in zu lesen, dass Frau­en, die ihre Neu­ge­bo­re­nen zur Adop­ti­on geben möch­ten, nichts zu befürch­ten hät­ten. Als Grund wer­den »Eng­päs­se bei Inlands­lie­fe­run­gen von Säug­lin­gen« auf­ge­führt. Ich muss unwei­ger­lich an ein Lauf­band aus Kör­pern den­ken, aus denen Babys mit dem Auf­druck »Made in USA« her­aus­ge­presst werden.

Der Roman »Der Report der Magd« der kana­di­schen Schrift­stel­le­rin Mar­ga­ret Atwood zeich­net eine dys­to­pi­sche Welt, in der gebär­fä­hi­ge Men­schen gefan­gen genom­men und ein­fluss­rei­chen Fami­li­en zur Ver­ge­wal­ti­gung zuge­führt wer­den, um für sie Kin­der zu gebä­ren. Die USA nähern sich die­sem Alb­traum ein Stück wei­ter. Ob sich kon­ser­va­ti­ve Feuil­le­to­nis­ten, die Feminist*innen bis­her Alar­mis­mus vor­war­fen, nun schä­men? Ver­mut­lich nicht. Betrof­fen sind näm­lich nicht sie, son­dern die Schutz­lo­ses­ten. Schon wieder.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung