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Ein Wort über ungewollte Schwangerschaften

Wie wir über Schwangerschaften sprechen, muss sich ändern, findet Sibel Schick

  • Von Sibel Schick
  • Lesedauer: 4 Min.

Ich wurde vor Kurzem ungewollt und ungeplant schwanger und mir war klar: Ich will abtreiben. Da Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland unter dem Paragrafen 218 des Strafgesetzbuchs allerdings nur unter bestimmten Bedingungen straffrei sind, konnte ich den Eingriff nicht sofort vornehmen lassen. Erst musste ich eine Beratungsstelle erreichen, was drei Tage dauerte. Und einen Beratungstermin bekam ich erst für die drauffolgende Woche. Nach der Beratung gibt es zudem eine verpflichtende Wartezeit von 72 Stunden bzw. drei Tage. Das sind insgesamt ganze zwei Wochen - für eine Person, die sich in ihrer Entscheidung sicher ist, eine sehr lange Zeit. Vor allem, weil eine Schwangerschaft ein gesundheitliches Risiko ist.

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Als meine ungewollte Schwangerschaft wenige Tage vor meiner Konfliktberatung eine beidseitige Lungenarterienembolie auslöste und ich ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wollten mich die Mediziner*innen nicht per Strahlung untersuchen. Das lag daran, dass sie kein Risiko eingehen wollten, nachträglich verklagt zu werden: »Wenn Sie es sich anders überlegen und das Kind behindert wird, wären wir haftbar.« Dass ich abtreiben wollte, spielte keine Rolle. Es dauerte vier Tage, bis sie auf eine Untersuchungsmethode kamen, die rechtlich »sicher« für sie war. Als ich das über die sozialen Netzwerke öffentlich machte, schrieben mir viele, dass sie solche Geschichten aus Polen kannten, aber doch nicht aus Deutschland. Tja.

Meine Erkrankung, die Lungenarterienembolie, hat eine Sterberate von 30 Prozent. Schwangerschaften sind ein Risikofaktor für die Entstehung von Blutgerinnseln; Lungenembolien sind einer der häufigsten Todesursache von Schwangeren. Auch bei mir wurde sie durch die ungewollte Schwangerschaft ausgelöst, in der Zeit, in der ich auf die verpflichtende Beratung warten musste, um nicht verklagt zu werden. Gäbe es keinen Beratungszwang, wäre ich vielleicht nicht krank geworden. Aber hier bin ich, in der Notaufnahme. Eine Pflegerin will Blut abnehmen, sie sagt: »Wir müssen ja sicher gehen, dass es der Mama und dem Kind gut geht.«

Ich bin keine werdende Mutter, die ein Kind erwartet. Ich bin eine Patientin, die an einer ungewollten Schwangerschaft beinahe starb. Auch nach meiner Entlassung und sogar nach der Abtreibung sagen mir Menschen »Herzlichen Glückwunsch«. Sie hören das Schlüsselwort »Schwangerschaft« und können sich »Herzlichen Glückwunsch« nicht verkneifen. Ich bin mir sicher, dass sie es nicht böse meinen. Sie merken einfach nicht, wie übergriffig und sogar gewaltvoll das ist: Herzlichen Glückwunsch, du bist fast gestorben! Dass sie sich impulsiv freuen, ist Teil des Problems.

Das Stigma der Abtreibung liegt natürlich vor allem an der Kriminalisierung, das ist wissenschaftliche Realität. Aber es geht gleichzeitig auch mit der Haltung einher, Schwangerschaften seien selbstverständlich erwünscht und können nur eine Quelle des Glücks sein. Unter diesen Umständen ist es völlig normal, dass eine Abtreibung mit negativen Gefühlen einhergehen kann und in diesem Fall auch jene, die abtreiben, es weniger gut bewältigen können. Wenn Konservative also behaupten, dass ein Abbruch psychische Probleme auslösen könne, dann wären sie und ihre Haltung an erster Linie doch für das Problem verantwortlich!

Wenn uns jemand anvertraut, schwanger zu sein, sollten wir fragen: »Freust du dich?« Daran muss man sich zwar gewöhnen, aber es ist wichtig, dass das normalisiert wird. Und währenddessen müssen wir uns einen eigenen, neuen Begriff für ungewollte Schwangerschaften überlegen. Das Wort »schwanger« funktioniert für diesen Fall nämlich nicht, weil es positiv konnotiert ist. Spricht man »schwanger« aus, liefert man automatisch die positive Konnotation mit, ein »ungewollt« dranzuhängen ändert das nicht. Ihr folgen dann die Glückwünsche, wie eine Ohrfeige.

Abtreibungen in Texas: Denunziation per Gesetz

Natürlich ist es mit einem neuen Wort nicht getan. Einer Studie zufolge stehen Deutsche heute Abtreibungen viel kritischer gegenüber als in den 90er Jahren. Da das Ausmaß der Stigmatisierung von der Restriktion durch Gesetze abhängt, kann man sagen, dass der Paragraf 218 StGB die Bevölkerung immer konservativer macht. Zudem wirkt die Lobbyarbeit fundamentalistischer Abtreibungsgegner*innen - und gefährdet Leben. Wir wissen bereits, dass die Grenze zwischen Abtreibungsgegner*innen und Rechtsextremen fließend ist. Gemeinsam fördern sie eine faschistische Praxis, die eine Einschränkung der Rechte von gebärfähigen Personen bedeutet. Es ist eine Gefahr, gegen die wir mit all unseren Mitteln vorgehen müssen. Die Paragrafen, die Schwangerschaftsabbrüche und den Zugang zu Informationen kriminalisieren, müssen weg, damit wir leben können.

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