Werbung

Die emanzipierte Frau als Feind

Das Recht auf Abtreibung widerspricht nationalistischer und rechtskonservativer Politik, meint Laura Sophie Dornheim

  • Von Laura Sophie Dornheim
  • Lesedauer: 4 Min.
Zahlreiche Menschen demonstrierten vor dem Obersten Gerichtshofs der USA gegen die geplante Kippung des Rechts auf Abtreibung
Zahlreiche Menschen demonstrierten vor dem Obersten Gerichtshofs der USA gegen die geplante Kippung des Rechts auf Abtreibung

»In einer so wichtigen Sache, als die Vermehrung der Nachwelt und die Bevölkerung der Staaten ist, findet keine Nachsicht gegen das schöne Geschlecht statt.« So begründete der Gelehrte Johann Georg Krünitz seine strikte Ablehnung von Abtreibungen. Im Jahr 1781. Sechs Jahre später, 1787, wurde die US-amerikanische Verfassung verabschiedet.

Auf dieses fast 250 Jahre alte Dokument berufen sich jetzt rechtskonservative Richter*innen des Supreme Courts in einer durchgestochenen Urteilsbegründung zum Abtreibungsverbot. Denn in der Verfassung würde Abtreibung nicht erwähnt. Wissen Sie, welches Wort dort ebenfalls kein einziges Mal erwähnt wird? Frau.

Damals wurden Gesetze von Männern für Männer gemacht. Frauen sollten sich nicht in Politik einmischen, sondern gebären. Viele der Erzkonservativen hätten das auch heute noch gern so. Dass Frauen selbst über ihren Körper bestimmen, widerspricht fundamental ihrer Ideologie von Uniformität, Gehorsam und weißer Dominanz. Emanzipierte Frauen sind ihre Feinde, genau wie Homosexuelle und Migrant*innen.

Diese Hardliner sitzen nicht nur im obersten Gericht der USA. Überall dort, wo autokratische, nationalistische Herrscher an der Macht sind und diese Macht durch sinkende Geburtenraten gefährdet sehen, verbieten sie Schwangerschaftsabbrüche.

In der Türkei sind Abbrüche laut Gesetz bis zur zehnten Woche möglich, aber Erdoğan hat die Auflagen bis zu einem de-facto Verbot verschärft und bezeichnet Abtreibung als Mord. Genau wie der katholische Papst, dem ebenfalls ein Bedeutungsverlust aufgrund schwindender Schäfchen droht. Der brasilianische Präsident Bolsonaro hat kein Problem damit, indigene Völker durch seine Politik auszurotten, aber nennt sich »Lebensschützer«, wenn er Abtreibungen verbietet. In unserem Nachbarland Polen ist erst vor kurzem eine schwangere Frau im Krankenhaus gestorben, weil sich die Ärzte trotz lebensbedrohlicher Situation weigerten, die Schwangerschaft zu beenden. Die nationalistische, rechtskonservative Regierung hat Abbrüche in den letzten Jahren fast ausnahmslos verboten, es drohen hohe Strafen.

Unter Viktor Orbán wurde in Ungarn der Schutz des Fötus in die Verfassung aufgenommen, in den Biologiebüchern, in denen gelehrt werden sollte, dass ein Fötus die erste Hälfte der Schwangerschaft ausschließlich im Körper der Schwangeren existieren kann, wird vor Abtreibung gewarnt, genauso wie vor Homosexualität. In Russland, wo Abbrüche seit der Zeit der Sowjetunion legal und sicher möglich waren, wurde dieses Recht unter Putins Marionette Medwedew eingeschränkt. Es gibt seitdem jährliche »Wochen für das Leben«, Krankenhäuser führen dann keine Abbrüche durch. Auch in Russland sinkt die Bevölkerungszahl seit Jahren, Putin sieht seine Nation in Gefahr, es fehlt ihm an regimetreuem Nachwuchs, gerade auch im Militär. Als Soldat im Krieg zu sterben, ist ehrenvoll, sich als Frau gegen ein Kind zu entscheiden ist schändlich, so einfach ist das in totalitären Regimen.

Weg mit Paragraf 218! - Seit Jahrzehnten protestieren Feminist*innen gegen den »Abtreibungsparagrafen«. Er verpflichtet Frauen zu gebären, kritisiert Laura Sophie Dornheim.

In der Ukraine gilt übrigens nach wie vor das liberale Abtreibungsrecht aus Sowjetzeiten und Präsident Selenskij hat betont, dass er nicht darüber nachdenke, daran etwas zu ändern. Es gibt durchaus auch Männer, die im 21. Jahrhundert angekommen sind. Die verstanden haben, dass in einer echten Demokratie alle Menschen das Recht haben müssen, frei und selbstbestimmt über ihr Leben und ihren Körper zu entscheiden. Leider ist diese Einsicht alles andere als selbstverständlich.

Der Kampf gegen Abtreibungen wird oft als Engagement »für das Leben« verbrämt. Aber genau wie vor 250 Jahren geht es in Wahrheit nur um Macht. Die eigene Nation gilt immer als die wichtigste, aber um die zu erhalten, vernetzt man sich auch gern mit anderen. Letztes Jahr trafen sich rechtsnationalistische Politiker, Kirchenvertreter und Lobbyisten in Budapest beim »Internationalen Demografie Gipfel«, um zu besprechen, wie »die Familie als Grundstein der Nation« zu erhalten sei. Auf der Webseite der Veranstaltung steht ganz unverhohlen: »In der westlichen Welt werden nicht genug Kinder geboren, langfristig drohen ganze Nationen zu verschwinden, weil individuelle Interessen über die der Gemeinschaft gestellt werden.« Klingt ganz wie 1781, oder?

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung