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Schlaflos für den Aufenthalt

In Friedrichshain-Kreuzberg warten ukrainische Geflüchtete stundenlang auf ihre Erstaufnahme

  • Von Patrick Volknant
  • Lesedauer: 7 Min.
Das könnte etwas dauern: Menschen warten am Donnerstagmorgen vor dem Sozialamt in Friedrichshain-Kreuzberg.
Das könnte etwas dauern: Menschen warten am Donnerstagmorgen vor dem Sozialamt in Friedrichshain-Kreuzberg.

»Ich bin jetzt seit ein­ein­halb Stun­den hier, bewegt hat sich seit­dem aller­dings nichts«, sagt Ele­na zu »nd«, wäh­rend sie am Don­ners­tag­mor­gen vor dem Sozi­al­amt in Fried­richs­hain-Kreuz­berg steht. Gemein­sam mit vie­len ande­ren war­tet die Geflüch­te­te aus Kiew auf ihre Gele­gen­heit, sich in Ber­lin zu regis­trie­ren und so Zugang zum deut­schen Sozi­al­sys­tem zu erhal­ten. Die Ukrai­ne­rin wirkt gedul­dig, doch was sie erzählt, klingt nach Stress: »Ich bin extra vor den offi­zi­el­len Öff­nungs­zei­ten gekom­men, und trotz­dem war die Schlan­ge schon rela­tiv lang.« Sie habe gehört, dass ande­re schon mit­ten in der Nacht vor dem Sozi­al­amt cam­piert hätten.

Deut­lich dras­ti­sche­re Wor­te für die Lage im Bezirk fin­det Ste­phan Dudeck, der sich als frei­wil­li­ger Hel­fer und Über­set­zer für Geflüch­te­te in Ber­lin enga­giert: »Was ich dort erlebt habe, sind chao­ti­sche Zustän­de«, sagt er zu »nd«. Das infor­mel­le Netz­werk, dem der 51-Jäh­ri­ge ange­hört, küm­mert sich ins­be­son­de­re um jene, die aus den besetz­ten Gebie­ten in der Ukrai­ne zunächst nach Russ­land gebracht wur­den und von dort aus nach Deutsch­land fliehen.

Der­zeit betreut Dudeck eine Fami­lie aus Mariu­pol. Nach­dem es gelun­gen war, eine Woh­nung in Fried­richs­hain-Kreuz­berg zu orga­ni­sie­ren, beglei­te­te er die Geflüch­te­ten vor weni­gen Tagen zum Sozi­al­amt in der Yorck­stra­ße. »Vor dem Amt haben bestimmt an die 100 Leu­te gewar­tet«, sagt der Hel­fer. Die Stim­mung beschreibt er als ange­spannt: »Ich habe vie­le Frau­en mit klei­nen Kin­dern gese­hen, die teil­wei­se schon seit 4 Uhr mor­gens in der Schlan­ge stan­den, um über­haupt noch rein­ge­las­sen zu wer­den.« Die Kin­der müss­ten mit, es sei nicht mög­lich, sie als Eltern­teil stell­ver­tre­tend regis­trie­ren zu las­sen. Sitz­mög­lich­kei­ten gebe es auch nicht.

Für Ver­wir­rung sorgt laut Dudeck zudem die Auf­tei­lung der Men­schen auf zwei Schlan­gen: eine für die­je­ni­gen, die einen fes­ten Ter­min haben oder denen am Tag zuvor nicht mehr gehol­fen wer­den konn­te, eine ande­re für jene ohne Ter­min. »Das bedeu­tet dann, dass die zwei­te Schlan­ge erst ein­mal drei Stun­den nicht vor­an­kommt«, sagt Dudeck. Einen Ter­min zur Erst­an­mel­dung zu ver­ein­ba­ren, sei den Geflüch­te­ten nicht mög­lich – es feh­le eben die Registrierung.

In den Schlan­gen selbst hät­ten Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter des Sozi­al­amts ver­sucht, für Klar­heit zu sor­gen. Mit dem vom Sozi­al­amt orga­ni­sier­ten Wach­schutz geriet Dudeck jedoch anein­an­der. »Als ich Fotos machen woll­te, wur­de mir mit einem Platz­ver­weis und der Poli­zei gedroht«, sagt der Hel­fer, der auch den Umgang mit den Geflüch­te­ten kri­ti­siert. »Die­se Leu­te hat­ten offen­bar nicht ver­stan­den, dass sie es hier nicht mit Betrun­ke­nen in einer Vor­stadt­dis­ko zu tun haben, son­dern mit Frau­en und Kindern.«

Die Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter des Sozi­al­amts schie­nen hin­ge­gen sicht­bar bemüht, so Dudeck. Dem rie­si­gen Ansturm sei­en sie aber offen­sicht­lich nicht gewach­sen: »Das Per­so­nal im Sozi­al­amt hat vor­ne und hin­ten nicht gereicht.« Auch an Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zern man­ge­le es. »Ich habe tat­säch­lich schon mehr­fach von Geflüch­te­ten gehört, dass es anschei­nend nur in Fried­richs­hain-Kreuz­berg so schlimm ist«, sagt der Ehrenamtliche.

Die von ihm betreu­te Fami­lie aus Mariu­pol habe mitt­ler­wei­le etli­che Stun­den inves­tiert – ohne Erfolg. »Inzwi­schen waren sie schon drei­mal dort, und müs­sen jetzt auch noch ein vier­tes Mal vor­bei­kom­men«, sagt er. Jedes ein­zel­ne Mal habe man rund vier Stun­den in der Schlan­ge ver­bracht. »Vier Stun­den war­ten, um dann gesagt zu bekom­men, dass noch ein Brief vom Ver­mie­ter nötig ist.« Über den anschei­nend nach wie vor hohen Andrang im Bezirk ist Dudeck erstaunt: »Eigent­lich gibt es kaum noch eine Chan­ce, in Ber­lin zu blei­ben, das geht im Grun­de nur noch über pri­va­te Kon­tak­te.« Womög­lich sei die Zivil­ge­sell­schaft gera­de hier beson­ders aktiv.

Den Ver­dacht Dudecks teilt auch Oli­ver Nöll, Sozi­al­stadt­rat des Bezirks Fried­richs­hain-Kreuz­berg. »Wir haben offen­sicht­lich eine über­durch­schnitt­lich hohe Hilfs­be­reit­schaft in unse­rem Bezirk. Es ist toll, hier Poli­tik machen zu dür­fen«, sagt der Lin­ke-Poli­ti­ker gegen­über »nd«. Was geflüch­te­te Ukrai­ne­rin­nen und Ukrai­ner ange­he, ver­sor­ge man im Bezirk fast 3000 Bedarfs­ge­mein­schaf­ten und 4600 Men­schen. Im ver­gan­ge­nen Monat sei­en vor Ort bis zu 130 000 Euro pro Tag aus­ge­zahlt wor­den. »Es ist klar, dass die Struk­tu­ren eines Sozi­al­am­tes auf so etwas nicht vor­be­rei­tet sind«, sagt Nöll.

Gera­de um Ostern her­um habe vor Ort eine Über­for­de­rungs­si­tua­ti­on geherrscht: »An ein­zel­nen Tagen muss­ten wir Men­schen weg­schi­cken. Wir haben dann ein Bänd­chen ein­ge­führt, mit dem die Men­schen am nächs­ten Tag Vor­zug erhal­ten.« Den Vor­wurf, dass es vor Ort chao­tisch zuge­he, weist Nöll jedoch zurück: »Die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen leis­ten dort Groß­ar­ti­ges.« Das Sozi­al­amt sei außer­dem mit Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern aus ande­ren Ämtern der Stadt ver­stärkt wor­den. Der­zeit beschäf­ti­ge man zudem 18 Hono­rar­kräf­te als Sprach­mitt­le­rin­nen und Sprach­mitt­ler. Die Ver­stär­kungs­mög­lich­kei­ten sei­en aber alles ande­re als unbe­grenzt, da die Arbeit beson­de­re Fach­kennt­nis voraussetze.

Für die Koor­di­nie­rung vor Ort habe man laut Nöll einen Trä­ger beauf­tragt, als Lot­sen­dienst für Sicher­heit im Haus zu sor­gen. »Das hat mei­nen Infor­ma­tio­nen nach bis­her gut funk­tio­niert«, sagt der Sozi­al­stadt­rat. Er wis­se zwar von »ein, zwei Situa­tio­nen, in denen es etwas hit­zi­ger gewor­den ist«, von Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem Sicher­heits­dienst aber höre er zum ers­ten Mal. »Ich habe gro­ßes Ver­ständ­nis, dass sich die Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter im Amt über­las­tet füh­len«, sagt Nöll. Sei­ne Hoff­nung aber set­ze er auf die kom­men­de Sys­tem­um­stel­lung zum 1. Juni, mit der die Sozi­al­äm­ter deut­lich ent­las­tet wer­den sol­len. Bis dahin appel­liert der Lin­ke-Poli­ti­ker an das Durch­hal­te­ver­mö­gen der Beschäf­tig­ten: »Es ist jedem bewusst, dass das kei­ne end­lo­se Geschich­te ist.«

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