Werbung
  • Politik
  • Pleite von Türkgücu München

Ende eines kurzen Kapitels

Türkgücü München hat sich vom Aus in der 3. Liga noch nicht wieder erholt, plant aber einen Neubeginn

  • Von Karoline Kipper und Jonas Wagner, München
  • Lesedauer: 13 Min.
Türkgücü München hatte keine eigene Heimstätte. Seine Heimspiele hat der Klub teilweise im Olympiastadion ausgetragen.
Türkgücü München hatte keine eigene Heimstätte. Seine Heimspiele hat der Klub teilweise im Olympiastadion ausgetragen.

Mün­chen, Sport­an­la­ge Per­lach Nord: Ein klei­ner Trupp, bestehend aus einem guten Dut­zend Väter, feu­ert sei­ne Söh­ne an. Es ist ein Sonn­tag, in der U17 Kreis­li­ga emp­fängt Türk­gücü Mün­chen den FC Neu­har­dern. Der Gast­ge­ber ist ein migran­tisch gepräg­ter Ver­ein: Tür­ken spie­len zusam­men mit Afgha­nen, Deut­schen, Kroa­ten und Koso­va­ren. Das Team wärmt sich auf dem Kunst­ra­sen­platz auf, am Rand unter den Füßen der Väter sprießt Löwen­zahn. Hin­ter den Umklei­de­ka­bi­nen in 70er-Jah­re-Optik sta­peln sich Trai­nings­uten­si­li­en – typisch Kreis­li­ga. Nichts weist dar­auf hin, dass hier bis vor kur­zem eine deut­sche Pro­fi­mann­schaft behei­ma­tet war. Naja, fast nichts: Mit­ten auf dem Gelän­de steht ein gro­ßer, von einem Archi­tek­tur­bü­ro design­ter Holz­con­tai­ner. Die Geschäfts­stel­le von Türk­gücü Mün­chen wirkt bei­na­he wie aus­ge­stor­ben. Hin­ter der ange­grau­ten Holz­tür im ers­ten Stock arbei­tet nie­mand mehr. Im Erd­ge­schoss sta­peln sich gepack­te Kar­tons, aber immer­hin: Die Jugend­lei­tung ist noch besetzt. Die Jugend­ab­tei­lung von Türk­gücü Mün­chen – es gibt sie noch, aber auch hier haben die Gescheh­nis­se der letz­ten Mona­te Spu­ren hinterlassen.

Am 24. März 2022 muss die Türk­gücü-Pro­fi­mann­schaft wegen des Rück­zugs ihres Inves­tors den Spiel­be­trieb ein­stel­len. Zah­lungs­un­fä­hig. So etwas ist in der 3. Liga bis dato noch nie pas­siert. Manu­el Hart­mann, einer der Geschäfts­füh­rer des Deut­schen Fuß­ball-Bun­des (DFB), ver­kün­det daraufhin:

»Das ist ein trau­ri­ger Tag für die 3. Liga. Den größ­ten Scha­den hat natür­lich Türk­gücü Mün­chen und sei­ne betrof­fe­nen Mitarbeiter*innen. Gleich­zei­tig ist es für die gesam­te Liga und den Wett­be­werb nega­tiv, wenn ein Klub wäh­rend der Sai­son ausscheidet.«

Alle Ergeb­nis­se der Spie­le mit Betei­li­gung von Türk­gücü wer­den annu­liert, der DFB streicht den Ver­ein aus der Wer­tung der 3. Liga. Es ist ein har­ter Rück­schlag für den Klub, der nach der Hiobs­bot­schaft kaum mehr nach außen kom­mu­ni­ziert. Egal ob Vor­stand, Geschäfts­füh­rung oder Fan­sze­ne – die Pres­se­an­fra­gen des »nd« ver­san­den alle­samt. Eben noch auf­stre­ben­der Pro­fi­ver­ein mit Zweit­li­ga-Ambi­tio­nen, wirkt Türk­gücü nun wie vom Erd­bo­den ver­schluckt. Doch wie konn­te es so weit kom­men? War­um ist der ers­te deut­sche Pro­fi­ver­ein, der von Migran­ten gegrün­det wur­de, so plötz­lich abgestürzt?

Auch für die Spie­ler ist es ein Schock. »Dass das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net wird, haben wir Mit­te Janu­ar aus der Zei­tung erfah­ren«, sagt René Vollath am Tele­fon. Der 32-Jäh­ri­ge war bis vor Kur­zem Tor­hü­ter bei Türk­gücü. »Seit Ende März sind wir de fac­to alle arbeits­los.« Nach­dem der Ver­ein Ende Janu­ar einen Insol­venz­an­trag gestellt hat­te, konn­te der Spiel­be­trieb nur mit­hil­fe des Insol­venz­gelds der Bun­des­agen­tur für Arbeit auf­recht­erhal­ten wer­den. Um die Sai­son zu Ende spie­len zu kön­nen, hät­te Türk­gücü drin­gend einen neu­en Inves­tor fin­den müs­sen. »Doch wer ein biss­chen infor­miert und ehr­lich zu sich selbst war«, führt Vollath aus, »der wuss­te dann schon: Okay, es wird ziem­lich eng.« Dem Ver­ein wur­den wegen der Insol­venz elf Punk­te abge­zo­gen, er rutsch­te auf einen Abstiegs­platz. Nicht gera­de attrak­tiv für mög­li­che neue Investoren.

Mit dem Ende des Spiel­be­triebs ende­te für die Türk­gücü-Spie­ler auch das Trai­ning. Danach hieß es: Ver­eins­su­che statt Spiel­vor­be­rei­tung. Und Arbeits­lo­sen­geld statt Dritt­li­ga-Gehalt. René Vollath hält sich beim Münch­ner Regio­nal­li­gis­ten SpVgg Unter­ha­ching fit. So wie er trai­nie­ren eini­ge wei­te­re ehe­ma­li­ge Türk­gücü-Spie­ler bei ande­ren Mann­schaf­ten mit. »Vie­le sind auch erst mal in den Urlaub, um den Kopf frei­zu­krie­gen«, erzählt Vollath. »Aber ich weiß, dass eini­ge gera­de ein­fach gar nichts machen.«

Türk­gücü Mün­chen – auf Deutsch »tür­ki­sche Kraft« – war von Beginn an ein beson­de­rer Fuß­ball­ver­ein. 1975 als SV Türk Gücü Mün­chen von tür­ki­schen Migran­ten gegrün­det, kick­te die ers­te Mann­schaft zunächst jah­re­lang in Ama­teur­li­gen. Mit­te der 90er Jah­re glück­te der Auf­stieg in die Bay­ern­li­ga, damals die dritt­höchs­te Spiel­klas­se für eine baye­ri­sche Fuß­ball­mann­schaft. Doch 2001 folg­te nach dem Aus­stieg des dama­li­gen Inves­tors Ergun Berks­oy die Insol­venz und die Auf­lö­sung des Ver­eins. Anschlie­ßend der Neuanfang.

Der neu­ge­grün­de­te Klub stieg direkt in sei­ner ers­ten Sai­son von der Lan­des- in die Bezirks­li­ga ab, zwi­schen­zeit­lich kick­te das Team sogar in der Kreis­li­ga. 2016 kam schließ­lich Hasan Kivran. Der Inves­tor woll­te hoch hin­aus: ers­tes Ziel Regio­nal­li­ga, dann – bis 2023 – zwei­te Bun­des­li­ga. Kivrans Visi­on: Türk­gücü soll­te lang­fris­tig zum zweit­bes­ten Münch­ner Fuß­ball­ver­ein nach dem FC Bay­ern wer­den. Und war auf einem guten Weg dahin: In der Sai­son 2020/21 trat Türk­gücü in der 3. Liga an. Der ers­te von Migran­ten gegrün­de­te Ver­ein im deut­schen Pro­fi­fuß­ball. Dafür steck­te Mäzen und Ver­eins­prä­si­dent Kivran, dem 89 Pro­zent der als GmbH aus­ge­glie­der­ten Türk­gücü-Pro­fi­ab­tei­lung gehör­ten, nach eige­nen Anga­ben bis Ende des ver­gan­ge­nen Jah­res ins­ge­samt zehn Mil­lio­nen Euro in den Verein.

Ent­spre­chend hoch war der Erfolgs­druck. »Am Anfang war es noch sehr ruhig und struk­tu­riert«, erin­nert sich Kee­per René Vollath, der im Som­mer vor zwei Jah­ren zum Ver­ein stieß. »Aber dann kam das Gefühl schon auf, als wol­le man den Auf­stieg unbe­dingt ganz schnell erzwin­gen.« Der Tor­hü­ter spricht von einer »Hire-and-fire-Men­ta­li­tät«: Jedem Spie­ler sei klar gewe­sen, dass man bei Türk­gücü lie­fern müs­se. »Ansons­ten ist man eben Aus­tausch­wa­re.« Das galt auch für die Trai­ner: Inner­halb von 17 Mona­ten wech­sel­te der Ver­ein gan­ze fünf Mal den Coach – und der Trai­ner­stuhl bekam des­halb von der Bou­le­vard­pres­se den Spitz­na­men »Schleu­der­sitz« verliehen.

Auch sonst soll der Ein­fluss von Hasan Kivran im Klub enorm gewe­sen sein. Laut Aus­sa­gen von ehe­ma­li­gen Trai­nern woll­te der Inves­tor sich in sport­li­che Ent­schei­dun­gen ein­mi­schen, etwa Mann­schafts­auf­stel­lun­gen. »Er war natür­lich der Boss«, erin­nert sich Vollath. Egal unter wel­chen Trai­nern – es sei stets klar gewe­sen, dass Kivran der »Herr­scher« sei. Den­noch habe er Ansa­gen nie »auf eine despek­tier­li­che oder über­trie­be­ne Wei­se« getä­tigt, berich­tet Vollath. »Son­dern eloquent.«

Auf den rasan­ten Türk­gücü-Auf­stieg folg­te vor weni­gen Wochen dann der Fall. Auch die­ser ist untrenn­bar mit Mäzen und Prä­si­dent Kivran ver­bun­den. Schon im Dezem­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res hat­te er sich aus dem Ver­ein zurück­zie­hen wol­len, sei­ne Ent­schei­dung jedoch rück­gän­gig gemacht. Bis er Ende Janu­ar dann doch die Reiß­lei­ne zog – und sei­ne finan­zi­el­le Unter­stüt­zung ein­stell­te. Die Per­spek­ti­ven hät­ten sich »ste­tig ver­schlech­tert«, schrieb Kivran reich­lich unkon­kret auf sei­nem Insta­gram-Pro­fil, »sowohl sport­lich als auch struk­tu­rell«. Für eine Stel­lung­nah­me war er auf nd-Anfra­ge nicht zu errei­chen. Funk­stil­le. Dann sicker­te vor weni­gen Tagen durch, dass der Ver­ein im kom­men­den Jahr einen Neu­an­fang in der Regio­nal­li­ga plant. Ohne Kivran.

Am Kreis­li­ga-Sonn­tag im Mai gibt es vor Anpfiff ein Pro­blem. Die Tri­kots von Türk­gücü sind schwarz, die des Gäs­te­teams dun­kel­blau. So kann der Schieds­rich­ter die Teams nicht unter­schei­den, das geht nicht. Der Gäs­te­trai­ner for­dert den Türk­gücü-Jugend­lei­ter auf, des­sen Team doch die Aus­weich­tri­kots anzie­hen zu las­sen. Ein zwei­tes Tri­kot­set hät­ten sie nicht, erwi­dert der Jugend­lei­ter. »Habt ihr denn wenigs­tens Leib­chen?«, dröhnt es dar­auf­hin vom Spiel­feld­rand und eini­ge von Türk­gücü machen sich auf die Suche. Als sie aus Hör­wei­te ver­schwun­den sind, mur­melt der Gäs­te­trai­ner: »Wol­len nächs­tes Jahr Regio­nal­li­ga spie­len und haben nicht mal ein zwei­tes Trikotset«.

Nach­dem die Gast­ge­ber mit oran­ge­nen Leib­chen zurück auf dem Platz erschie­nen sind, kann es los­ge­hen. Türk­gücü spielt bes­ser und führt zur Pau­se schon 4:1. Trotz­dem hat die Auf­lö­sung der Pro­fi­mann­schaft bei der Jugend Spu­ren hin­ter­las­sen: »Die Moti­va­ti­on ist schon run­ter­ge­gan­gen«, erklärt ein Vater und betrach­tet sei­nen Sohn, der zum Unmut des Papas heu­te als Ver­tei­di­ger auf­ge­stellt ist. Frü­her, da war die Türk­gücü-U17 die Jugend­mann­schaft eines Pro­fi­teams, das war etwas Beson­de­res. Heu­te sind sie nur noch ein Nach­wuchs­team in der Kreis­li­ga, das sich mit drei ande­ren Ver­ei­nen eine Bezirks­sport­an­la­ge im Münch­ner Ost­park tei­len muss.

Dabei hat­ten auch die Türk­gücü-Pro­fis nie ein eige­nes Sta­di­on. Ihre Spie­le tru­gen sie ent­we­der im rie­si­gen Olym­pia­sta­di­on aus. Oder im Sta­di­on an der Grün­wal­der Stra­ße, der Heim­spiel­stät­te der Dritt­li­ga-Kon­kur­ren­ten TSV 1860 Mün­chen und der zwei­ten Mann­schaft des FC Bayern.

Schon in der ver­gan­ge­nen Sai­son hat die 3. Liga einen insol­ven­ten Inves­to­ren-Klub erlebt: den KFC Uer­din­gen. Wie der Zufall es will, ist es der Ex-Ver­ein von Tor­wart Vollath, der den Klub im Jahr vor der Plei­te gen Mün­chen ver­las­sen hat­te. Der Sport­ler kennt sich also mit Ein­zel­in­ves­to­ren aus, die Ver­ei­ne durch ihren Rück­zug in den Kon­kurs stür­zen. Ein typi­sches Pro­blem? »Es gab schon einen Unter­schied zwi­schen Türk­gücü und Uer­din­gen«, erklärt Vollath. Am Nie­der­rhein sei es »mehr ein Pro­jekt« gewe­sen: »Ent­we­der auf kurz­fris­ti­gen Erfolg oder lang­fris­tig zum Schei­tern ver­ur­teilt.« Im Gegen­satz dazu habe der Münch­ner Ver­ein zumin­dest ver­sucht, die Struk­tu­ren mit dem Erfolg mit­wach­sen zu las­sen. Türk­gücü habe zum Bei­spiel mehr als ande­re Dritt­li­gis­ten in die Phy­sio­the­ra­pie-Abtei­lung inves­tiert. »Es gab auch Pla­nun­gen, ein Leis­tungs­zen­trum auf­zu­stel­len«, ergänzt der Kee­per. Doch es ist schwer, in Mün­chen an Grund­stü­cke kom­men. Und ohne eine funk­tio­nie­ren­de Nach­wuchs­ab­tei­lung, das leuch­tet ein, sind Erfol­ge auf Sand gebaut.

Die dritt­höchs­te Spiel­klas­se ist bereits seit Jah­ren das Sor­gen­kind des deut­schen Pro­fi­fuß­balls: Das gro­ße Geld gibt es nur in der ers­ten und der zwei­ten Bun­des­li­ga. Also ver­su­chen Inves­to­ren, ihre Ver­ei­ne so schnell wie mög­lich in die höhe­ren Spiel­klas­sen zu brin­gen. Liga 3 ist dabei für sie nur eine Durch­gangs­sta­ti­on auf dem Weg zum lukra­ti­ven Geschäft. Die Pro­ble­me der unters­ten deut­schen Pro­fi­li­ga hat inzwi­schen auch der DFB erkannt: Er will mit der Task-For­ce »Wirt­schaft­li­che Sta­bi­li­tät 3. Liga« Ver­ei­ne vor der Insol­venz schüt­zen. Die Türk­gücü-Plei­te möch­te der Ver­band sich nicht ankrei­den las­sen: Der Klub habe schlecht gewirt­schaf­tet und eine gro­ße Lücke in sei­nem Geschäfts­buch hin­ter­las­sen, »die letzt­end­lich dann lei­der auch nicht geschlos­sen wer­den konn­te und dann zur Insol­venz geführt hat«, so Manu­el Hart­mann vom DFB.

In der kom­men­den Sai­son wird Türk­gücü vor­aus­sicht­lich in der Regio­nal­li­ga Bay­ern star­ten. Der Ver­ein hat inzwi­schen einen neu­en Vor­stand. Auch ein Sta­di­on ist bereits gefun­den: die Spiel­stät­te des Kreis­li­gis­ten SC Fürs­ten­feld­bruck. Was noch fehlt, sind ein Trai­ner­stab – und eine Mann­schaft. Soll­te dem Ver­ein der Start in der viert­höchs­ten Klas­se gelin­gen, wäre der Fall für den Klub sport­lich gese­hen weni­ger dra­ma­tisch, als befürch­tet. Den­noch: Dass die tür­ki­sche Kraft bald wie­der in Liga 3 mit­mischt, ist unwahr­schein­lich. Der Ver­such, einen Migran­ten­ver­ein im deut­schen Pro­fi­fuß­ball zu ver­an­kern, ist vor­erst gescheitert.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung