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  • Pleite von Türkgücu München

Ende eines kurzen Kapitels

Türkgücü München hat sich vom Aus in der 3. Liga noch nicht wieder erholt, plant aber einen Neubeginn

  • Karoline Kipper und Jonas Wagner, München
  • Lesedauer: 9 Min.
Türkgücü München hatte keine eigene Heimstätte. Seine Heimspiele hat der Klub teilweise im Olympiastadion ausgetragen.
Türkgücü München hatte keine eigene Heimstätte. Seine Heimspiele hat der Klub teilweise im Olympiastadion ausgetragen.

München, Sportanlage Perlach Nord: Ein kleiner Trupp, bestehend aus einem guten Dutzend Väter, feuert seine Söhne an. Es ist ein Sonntag, in der U17 Kreisliga empfängt Türkgücü München den FC Neuhardern. Der Gastgeber ist ein migrantisch geprägter Verein: Türken spielen zusammen mit Afghanen, Deutschen, Kroaten und Kosovaren. Das Team wärmt sich auf dem Kunstrasenplatz auf, am Rand unter den Füßen der Väter sprießt Löwenzahn. Hinter den Umkleidekabinen in 70er-Jahre-Optik stapeln sich Trainingsutensilien – typisch Kreisliga. Nichts weist darauf hin, dass hier bis vor kurzem eine deutsche Profimannschaft beheimatet war. Naja, fast nichts: Mitten auf dem Gelände steht ein großer, von einem Architekturbüro designter Holzcontainer. Die Geschäftsstelle von Türkgücü München wirkt beinahe wie ausgestorben. Hinter der angegrauten Holztür im ersten Stock arbeitet niemand mehr. Im Erdgeschoss stapeln sich gepackte Kartons, aber immerhin: Die Jugendleitung ist noch besetzt. Die Jugendabteilung von Türkgücü München – es gibt sie noch, aber auch hier haben die Geschehnisse der letzten Monate Spuren hinterlassen.

Am 24. März 2022 muss die Türkgücü-Profimannschaft wegen des Rückzugs ihres Investors den Spielbetrieb einstellen. Zahlungsunfähig. So etwas ist in der 3. Liga bis dato noch nie passiert. Manuel Hartmann, einer der Geschäftsführer des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), verkündet daraufhin:

»Das ist ein trauriger Tag für die 3. Liga. Den größten Schaden hat natürlich Türkgücü München und seine betroffenen Mitarbeiter*innen. Gleichzeitig ist es für die gesamte Liga und den Wettbewerb negativ, wenn ein Klub während der Saison ausscheidet.«

Alle Ergebnisse der Spiele mit Beteiligung von Türkgücü werden annuliert, der DFB streicht den Verein aus der Wertung der 3. Liga. Es ist ein harter Rückschlag für den Klub, der nach der Hiobsbotschaft kaum mehr nach außen kommuniziert. Egal ob Vorstand, Geschäftsführung oder Fanszene – die Presseanfragen des »nd« versanden allesamt. Eben noch aufstrebender Profiverein mit Zweitliga-Ambitionen, wirkt Türkgücü nun wie vom Erdboden verschluckt. Doch wie konnte es so weit kommen? Warum ist der erste deutsche Profiverein, der von Migranten gegründet wurde, so plötzlich abgestürzt?

Auch für die Spieler ist es ein Schock. »Dass das Insolvenzverfahren eröffnet wird, haben wir Mitte Januar aus der Zeitung erfahren«, sagt René Vollath am Telefon. Der 32-Jährige war bis vor Kurzem Torhüter bei Türkgücü. »Seit Ende März sind wir de facto alle arbeitslos.« Nachdem der Verein Ende Januar einen Insolvenzantrag gestellt hatte, konnte der Spielbetrieb nur mithilfe des Insolvenzgelds der Bundesagentur für Arbeit aufrechterhalten werden. Um die Saison zu Ende spielen zu können, hätte Türkgücü dringend einen neuen Investor finden müssen. »Doch wer ein bisschen informiert und ehrlich zu sich selbst war«, führt Vollath aus, »der wusste dann schon: Okay, es wird ziemlich eng.« Dem Verein wurden wegen der Insolvenz elf Punkte abgezogen, er rutschte auf einen Abstiegsplatz. Nicht gerade attraktiv für mögliche neue Investoren.

Mit dem Ende des Spielbetriebs endete für die Türkgücü-Spieler auch das Training. Danach hieß es: Vereinssuche statt Spielvorbereitung. Und Arbeitslosengeld statt Drittliga-Gehalt. René Vollath hält sich beim Münchner Regionalligisten SpVgg Unterhaching fit. So wie er trainieren einige weitere ehemalige Türkgücü-Spieler bei anderen Mannschaften mit. »Viele sind auch erst mal in den Urlaub, um den Kopf freizukriegen«, erzählt Vollath. »Aber ich weiß, dass einige gerade einfach gar nichts machen.«

Türkgücü München – auf Deutsch »türkische Kraft« – war von Beginn an ein besonderer Fußballverein. 1975 als SV Türk Gücü München von türkischen Migranten gegründet, kickte die erste Mannschaft zunächst jahrelang in Amateurligen. Mitte der 90er Jahre glückte der Aufstieg in die Bayernliga, damals die dritthöchste Spielklasse für eine bayerische Fußballmannschaft. Doch 2001 folgte nach dem Ausstieg des damaligen Investors Ergun Berksoy die Insolvenz und die Auflösung des Vereins. Anschließend der Neuanfang.

Der neugegründete Klub stieg direkt in seiner ersten Saison von der Landes- in die Bezirksliga ab, zwischenzeitlich kickte das Team sogar in der Kreisliga. 2016 kam schließlich Hasan Kivran. Der Investor wollte hoch hinaus: erstes Ziel Regionalliga, dann – bis 2023 – zweite Bundesliga. Kivrans Vision: Türkgücü sollte langfristig zum zweitbesten Münchner Fußballverein nach dem FC Bayern werden. Und war auf einem guten Weg dahin: In der Saison 2020/21 trat Türkgücü in der 3. Liga an. Der erste von Migranten gegründete Verein im deutschen Profifußball. Dafür steckte Mäzen und Vereinspräsident Kivran, dem 89 Prozent der als GmbH ausgegliederten Türkgücü-Profiabteilung gehörten, nach eigenen Angaben bis Ende des vergangenen Jahres insgesamt zehn Millionen Euro in den Verein.

Entsprechend hoch war der Erfolgsdruck. »Am Anfang war es noch sehr ruhig und strukturiert«, erinnert sich Keeper René Vollath, der im Sommer vor zwei Jahren zum Verein stieß. »Aber dann kam das Gefühl schon auf, als wolle man den Aufstieg unbedingt ganz schnell erzwingen.« Der Torhüter spricht von einer »Hire-and-fire-Mentalität«: Jedem Spieler sei klar gewesen, dass man bei Türkgücü liefern müsse. »Ansonsten ist man eben Austauschware.« Das galt auch für die Trainer: Innerhalb von 17 Monaten wechselte der Verein ganze fünf Mal den Coach – und der Trainerstuhl bekam deshalb von der Boulevardpresse den Spitznamen »Schleudersitz« verliehen.

Auch sonst soll der Einfluss von Hasan Kivran im Klub enorm gewesen sein. Laut Aussagen von ehemaligen Trainern wollte der Investor sich in sportliche Entscheidungen einmischen, etwa Mannschaftsaufstellungen. »Er war natürlich der Boss«, erinnert sich Vollath. Egal unter welchen Trainern – es sei stets klar gewesen, dass Kivran der »Herrscher« sei. Dennoch habe er Ansagen nie »auf eine despektierliche oder übertriebene Weise« getätigt, berichtet Vollath. »Sondern eloquent.«

Auf den rasanten Türkgücü-Aufstieg folgte vor wenigen Wochen dann der Fall. Auch dieser ist untrennbar mit Mäzen und Präsident Kivran verbunden. Schon im Dezember des vergangenen Jahres hatte er sich aus dem Verein zurückziehen wollen, seine Entscheidung jedoch rückgängig gemacht. Bis er Ende Januar dann doch die Reißleine zog – und seine finanzielle Unterstützung einstellte. Die Perspektiven hätten sich »stetig verschlechtert«, schrieb Kivran reichlich unkonkret auf seinem Instagram-Profil, »sowohl sportlich als auch strukturell«. Für eine Stellungnahme war er auf nd-Anfrage nicht zu erreichen. Funkstille. Dann sickerte vor wenigen Tagen durch, dass der Verein im kommenden Jahr einen Neuanfang in der Regionalliga plant. Ohne Kivran.

Am Kreisliga-Sonntag im Mai gibt es vor Anpfiff ein Problem. Die Trikots von Türkgücü sind schwarz, die des Gästeteams dunkelblau. So kann der Schiedsrichter die Teams nicht unterscheiden, das geht nicht. Der Gästetrainer fordert den Türkgücü-Jugendleiter auf, dessen Team doch die Ausweichtrikots anziehen zu lassen. Ein zweites Trikotset hätten sie nicht, erwidert der Jugendleiter. »Habt ihr denn wenigstens Leibchen?«, dröhnt es daraufhin vom Spielfeldrand und einige von Türkgücü machen sich auf die Suche. Als sie aus Hörweite verschwunden sind, murmelt der Gästetrainer: »Wollen nächstes Jahr Regionalliga spielen und haben nicht mal ein zweites Trikotset«.

Nachdem die Gastgeber mit orangenen Leibchen zurück auf dem Platz erschienen sind, kann es losgehen. Türkgücü spielt besser und führt zur Pause schon 4:1. Trotzdem hat die Auflösung der Profimannschaft bei der Jugend Spuren hinterlassen: »Die Motivation ist schon runtergegangen«, erklärt ein Vater und betrachtet seinen Sohn, der zum Unmut des Papas heute als Verteidiger aufgestellt ist. Früher, da war die Türkgücü-U17 die Jugendmannschaft eines Profiteams, das war etwas Besonderes. Heute sind sie nur noch ein Nachwuchsteam in der Kreisliga, das sich mit drei anderen Vereinen eine Bezirkssportanlage im Münchner Ostpark teilen muss.

Dabei hatten auch die Türkgücü-Profis nie ein eigenes Stadion. Ihre Spiele trugen sie entweder im riesigen Olympiastadion aus. Oder im Stadion an der Grünwalder Straße, der Heimspielstätte der Drittliga-Konkurrenten TSV 1860 München und der zweiten Mannschaft des FC Bayern.

Schon in der vergangenen Saison hat die 3. Liga einen insolventen Investoren-Klub erlebt: den KFC Uerdingen. Wie der Zufall es will, ist es der Ex-Verein von Torwart Vollath, der den Klub im Jahr vor der Pleite gen München verlassen hatte. Der Sportler kennt sich also mit Einzelinvestoren aus, die Vereine durch ihren Rückzug in den Konkurs stürzen. Ein typisches Problem? »Es gab schon einen Unterschied zwischen Türkgücü und Uerdingen«, erklärt Vollath. Am Niederrhein sei es »mehr ein Projekt« gewesen: »Entweder auf kurzfristigen Erfolg oder langfristig zum Scheitern verurteilt.« Im Gegensatz dazu habe der Münchner Verein zumindest versucht, die Strukturen mit dem Erfolg mitwachsen zu lassen. Türkgücü habe zum Beispiel mehr als andere Drittligisten in die Physiotherapie-Abteilung investiert. »Es gab auch Planungen, ein Leistungszentrum aufzustellen«, ergänzt der Keeper. Doch es ist schwer, in München an Grundstücke kommen. Und ohne eine funktionierende Nachwuchsabteilung, das leuchtet ein, sind Erfolge auf Sand gebaut.

Die dritthöchste Spielklasse ist bereits seit Jahren das Sorgenkind des deutschen Profifußballs: Das große Geld gibt es nur in der ersten und der zweiten Bundesliga. Also versuchen Investoren, ihre Vereine so schnell wie möglich in die höheren Spielklassen zu bringen. Liga 3 ist dabei für sie nur eine Durchgangsstation auf dem Weg zum lukrativen Geschäft. Die Probleme der untersten deutschen Profiliga hat inzwischen auch der DFB erkannt: Er will mit der Task-Force »Wirtschaftliche Stabilität 3. Liga« Vereine vor der Insolvenz schützen. Die Türkgücü-Pleite möchte der Verband sich nicht ankreiden lassen: Der Klub habe schlecht gewirtschaftet und eine große Lücke in seinem Geschäftsbuch hinterlassen, »die letztendlich dann leider auch nicht geschlossen werden konnte und dann zur Insolvenz geführt hat«, so Manuel Hartmann vom DFB.

In der kommenden Saison wird Türkgücü voraussichtlich in der Regionalliga Bayern starten. Der Verein hat inzwischen einen neuen Vorstand. Auch ein Stadion ist bereits gefunden: die Spielstätte des Kreisligisten SC Fürstenfeldbruck. Was noch fehlt, sind ein Trainerstab – und eine Mannschaft. Sollte dem Verein der Start in der vierthöchsten Klasse gelingen, wäre der Fall für den Klub sportlich gesehen weniger dramatisch, als befürchtet. Dennoch: Dass die türkische Kraft bald wieder in Liga 3 mitmischt, ist unwahrscheinlich. Der Versuch, einen Migrantenverein im deutschen Profifußball zu verankern, ist vorerst gescheitert.

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