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  • »Kommunistenlibido« von Nichtseattle

Wie kann man nur so wütend sein?

Die CD der Woche: »Kommunistenlibido« von Nichtseattle

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 5 Min.
Das Private wird allgemein: Nichtseattle nennt sich auch Katharina Kollmann
Das Private wird allgemein: Nichtseattle nennt sich auch Katharina Kollmann

Authen­ti­zi­tät und der Ein­druck von Inti­mi­tät in der Musik – es ist immer schwie­rig. Je per­sön­li­cher und, na ja, näher Text und Musik einem kom­men, des­to pein­li­cher kann es wer­den: Kitsch­ge­fahr, Nabel­schau und so wei­ter. »Geht mir nicht auf den Sack mit euren per­sön­li­chen Pro­ble­men, Künst­ler / Ihr sollt an euch run­ter­gu­cken, ihr sollt als Pro­to­ty­pen auf die Renn­bahn«, hat Knarf Rel­löm einst gewet­tert, kurz nach­dem er sich vom Sin­ger-Song­wri­ter­tum ver­ab­schie­det hat­te. Rich­tig, einer­seits. Ande­rer­seits ist das dann halt die Kunst: so zu sin­gen und zu spie­len, dass das Pri­va­te all­ge­mein wird, sozu­sa­gen exem­pla­risch, und man Höre­rin und Hörer berührt und dabei trotz­dem nicht volljammert.

Man muss also wie­der mal alles aus­ta­rie­ren. Katha­ri­na Koll­mann gelingt das in den neun Lie­dern ihres Albums »Kom­mu­nis­ten­li­bi­do«, dem zwei­ten, das unter dem Namen Nicht­se­at­tle erschie­nen ist. Alles ist geglückt. Die Tex­te machen immer wie­der selt­sa­me Schlen­ker und stol­pern sozu­sa­gen, trotz­dem weiß man intui­tiv, was gemeint ist, viel­leicht; und wenn es mal sehr rät­sel­haft klingt, dann, weil das, was gesagt wer­den will, sich anders halt gera­de nicht sagen lässt, ohne dass man Kli­schees pro­du­zie­ren würde.

Es geht um Genau­ig­keit beim Beschrei­ben von Bezie­hun­gen, Ver­hält­nis­sen und Gefüh­len, die man so leicht nicht beschrie­ben kriegt (wie­der: ohne Kli­schees zu pro­du­zie­ren). »Irgend­was ist doch mit sei­nen Augen / Oder ist es nur, weil der so weit weg steht / Und der hält doch schon was in sei­ner Hand / Von mir abge­wandt, wenn man mal genau­er hin­sieht«, heißt es in dem Stück »Die Idee«. Und es geht in den Lie­dern von Nicht­se­at­tle um Nähe zu ande­ren Men­schen und die Unsi­cher­hei­ten, die auf­tau­chen, wenn man jeman­den liebt. »Nur war nicht doch was mit sei­nen Armen / Oder war das nur, weil der so gelacht hat? / Das kann man ja wirk­lich kei­nem sagen / Was ich schon wie­der gleich gedacht hab«.

Dazu eine rohe E‑Gitarre, deren ruhi­ge Prä­senz und Schön­heit man erst mal unter­schätzt, weil man sich ange­wöhnt hat, sol­che Musik fast aus­schließ­lich text­be­zo­gen zu hören. Das wäre aber falsch. Die Songs auf »Kom­mu­nis­ten­li­bi­do« könn­te man alle als instru­men­tal hören, und wie sich hier Flü­gel­horn (gespielt von Frie­da Gawen­da) oder Schlag­zeug genau zu den rich­ti­gen Momen­ten ein­klin­ken, das ist schon sehr toll. Man kann sich auf You­tube anschau­en, wie Katha­ri­na Koll­mann das Stück »Nachtvater«spielt. Da sieht man dann, dass es um mehr geht als um Musik als Trä­ger von Text.

Über­haupt ist »Nacht­va­ter« eines der schöns­ten, trau­rigs­ten Lie­der in deut­scher Spra­che seit Lan­gem. Ein Stück über den Vater, der sich umge­bracht hat. Der Text sam­melt Erin­ne­run­gen und ver­bin­det sie mit der Nach­wen­de­zeit: »Mit all den Stim­men in dei­nem Kopf / Mit dem Strick in den Wald / Du bist über­all wund vom vie­len Stol­pern auf dem neu­en West­asphalt / Mit all den Men­schen auf dei­nem Gewis­sen / Von denen dich eini­ge ver­mis­sen / Man­che immer schon ver­mis­sen / Ich hof­fe jetzt geht’s dir gut«. Das Pri­va­te im All­ge­mei­nen: Ver­ste­hen kön­nen die­se sehr pri­va­te Geschich­te, die ver­bun­den ist mit der deut­schen Geschich­te, die einen Vater haben oder hat­ten, die Kin­der haben oder auch ein­fach die, die nach der Wen­de rigo­ros am neu­en Leben geschei­tert sind. »Viel­leicht nimmst du mich jetzt mal in den Arm / und zwar so lan­ge, bis ich es nicht mehr brauch’«.

Im Video zu »Ein Freund« tanzt Katha­ri­na Koll­mann vor dem Karl-Marx-Monu­ment in Chem­nitz und singt: »Du bist wütend, so wütend – Wie kann man nur so wütend sein?« Die Musik auf »Kom­mu­nis­ten­li­bi­do« han­delt von Zärt­lich­keit und Soli­da­ri­tät im Klei­nen und ist ganz illu­si­ons­los. Viel­leicht doch schon das Album des Jahres.

Nicht­se­at­tle: »Kom­mu­nis­ten­li­bi­do« (Staats­akt)

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