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Von Gorillas und ihren Blind Dates

Drei Bücher erzählen die Geschichte von drei Gorillas in Europäischen Zoos

Gorilla Bobby kam 1928 als Zweijähriger in den Berliner Zoo: Karl Kaestner und Gerhard Schroeder bei der Arbeit an der Dermoplastik von Bobby
Gorilla Bobby kam 1928 als Zweijähriger in den Berliner Zoo: Karl Kaestner und Gerhard Schroeder bei der Arbeit an der Dermoplastik von Bobby

»Noch nie ist ein Mit­glied des Tier­rei­ches mit grö­ße­rer Sehn­sucht erwar­tet wor­den als die­ser Goril­la«, schrieb die »Vos­si­sche Zei­tung« 1876. Es ging um den jun­gen Goril­la Pon­go, den man im Aqua­ri­um Unter den Lin­den aus­stell­te, wo er die Besu­cher­mas­sen mit sei­nem freund­li­chen Wesen begeis­ter­te. Er hat­te 20 000 Reichs­mark gekos­tet. »Auch bedeu­ten­de Wis­sen­schaft­ler wie Rudolf Virchow waren elektrisiert.«

Goril­las gal­ten bis dahin als scheuß­li­che Unge­heu­er. Tote Goril­las wur­den in den Muse­en als zäh­ne­flet­schen­de Bes­ti­en aus­ge­stopft. 1877 lieh man Pon­go nach Lon­don aus, wo er eben­falls »Tri­um­phe fei­er­te«. Wie­der zurück in Ber­lin starb er. Eine aus­führ­li­che Bio­gra­fie fin­det sich in dem Buch »Mas­ter Pon­go oder ein Goril­la erobert Euro­pa« (2013) des Leip­zi­ger Zoo-His­to­ri­kers Mus­ta­fa Haikal.

Der nächs­te Goril­la hieß Bob­by. Er kam 1928 als Zwei­jäh­ri­ger in den Ber­li­ner Zoo, wo er der Lieb­ling der Besu­cher wur­de. Er starb 1935 und wur­de im Natur­kun­de­mu­se­um prä­pa­riert: dick­bäu­chig und gemüt­lich, fast erhei­tert das Publi­kum betrach­tend. Er ist immer noch beliebt. 2019 ver­öf­fent­lich­te der Kunst­his­to­ri­ker Chris­ti­an Welz­ba­cher sei­ne Bio­gra­fie »Bob­by. Requi­em für einen Goril­la«: »Bob­by war der ers­te Goril­la, der in einem euro­päi­schen Zoo vom Baby­af­fen zum Fünf-Zent­ner-Rie­sen her­an­wuchs: eine Sen­sa­ti­on, ein Zuschau­er­ma­gnet, eine Geldmaschine.«

1984 gelang­te der Goril­la Fritz in den Zoo, 1963 in Kame­run gebo­ren und als »Wild­fang« nach Euro­pa ver­bracht. Als er im Alter von 55 Jah­ren starb, hat­te er als ältes­ter Goril­la in Euro­pa eine zivi­li­sa­to­ri­sche Tour de For­ce hin­ter sich. Im Char­lot­ten­bur­ger Zoo blieb er nur ein hal­bes Jahr bis 1985. Er soll­te dort die Goril­la­weib­chen Fatou und Duf­te decken, doch er biss sie – und wur­de schleu­nigst wie­der in den Nürn­ber­ger Zoo zurückgeschickt.

Es war ein »Blind Date« gewe­sen, das »Matching« für die drei hat­te das euro­pa­weit täti­ge Hei­rats­in­sti­tut EEP (Euro­päi­sches Erhal­tungs­zucht­pro­gramm) und dort der Stamm­buch­füh­rer für Goril­las besorgt – im Sin­ne einer posi­ti­ven Eutha­na­sie, also der gene­ti­schen Fit­ness. Die sozia­le und sexu­el­le Kom­pe­tenz steht dort nicht im Ver­kupp­lungs-Pro­gramm, das inzwi­schen für die 500 Euro-Goril­las algo­rith­misch opti­miert wurde.

»Duf­te war ein Lieb­ling und gro­ßer Stolz des Zoos. Sie war die ers­te Zoo­ge­burt in Ber­lin und gleich­zei­tig das ers­te von der eige­nen Mut­ter auf­ge­zo­ge­ne Gorilla­mäd­chen in Deutsch­land.« Davor waren in Zoos gebo­re­ne Goril­lakin­der meist sofort nach der Geburt von der Mut­ter getrennt und von Pfle­ge­rin­nen auf­ge­zo­gen wor­den. Die Mut­ter von Duf­te war der »Wild­fang« Fatou, die nun mit 65 »die ältes­te Goril­la­frau der Welt« ist und »noch immer in Ber­lin lebt«, schreibt die Wis­sen­schafts­jour­na­lis­tin Jen­ny von Sper­ber in ihrer »Bio­gra­phie eines fas­zi­nie­ren­den Men­schen­af­fen: Fritz, der Goril­la« (2022).

Auch die­ser Lebens­lauf, bis hin zu sei­nen 24 noch leben­den Nach­kom­men, die zwi­schen Japan und Kiew unter­ge­kom­men sind, ist ein Requi­em: Fritz starb 2018, die Autorin hat ihn aber noch gekannt – im Nürn­ber­ger Zoo, wo er sie unver­wandt anschau­te, »die dunk­len Augen so mensch­lich«. Viel­leicht war die Tier­schüt­ze­rin Jen­ny von Sper­ber ihm sei­ne »Lebens­ge­schich­te«, die nicht schön war, schul­dig? Sie rekon­stru­ier­te sie vor­wie­gend mit Erin­ne­run­gen von Pfle­ge­rin­nen, Ober­pfle­gern, Zoo­di­rek­to­ren, Zoo­ku­ra­to­ren, der EEP und goril­laaf­fi­nen Zoo­st­amm­gäs­ten; und man­ches muss­te sie dedu­zie­ren, vor allem die kur­ze Zeit sei­nes Kame­ru­ner Lebens in Frei­heit. In Euro­pa brach­te man ihm den auf­rech­ten Gang bei und sei­nen Brei manier­lich mit dem Löf­fel zu essen sowie beim Nie­sen die Hand vor den Mund zu halten.

Aber die Zei­ten haben sich laut von Sper­ber ver­än­dert und mit ihnen die Zoos, vor allem die Hal­tung von Men­schen­af­fen (unter ande­rem nicht mehr in »Kachel­kä­fi­gen«). Die Huma­nis­ten wür­den ihnen ger­ne auch noch Men­schen­rech­te zuge­ste­hen. Gleich­zei­tig dür­fen die Pfle­ger aber nicht mehr in die Gehe­ge der Goril­las gehen, es müs­sen immer Git­ter zwi­schen ihnen sein.

Fritz leb­te bis zuletzt zusam­men mit vier Goril­la­weib­chen, mit denen er schon lan­ge kei­ne Kin­der für die »Erhal­tungs­zucht« mehr zeug­te. Aber »wir kön­nen ihn nicht sepa­rie­ren und in den Käfig neben­an einen jun­gen Sil­ber­rü­cken mit sei­nen Frau­en set­zen. Das ist Ter­ror, das hat er nicht ver­dient«, mein­te sei­ne Pfle­ge­rin Ramo­na Such in der Fut­ter­kü­che zur Autorin, »und alle Affen­pfle­ger nick­ten dazu«.

Dort hin­ge­kom­men war Fritz via Niz­za und den Münch­ner Zoo, da war er drei Jah­re alt und von Ent­füh­rung und Trans­port trau­ma­ti­siert. »In die­sem Alter hät­te er zu Hau­se im Dschun­gel noch mit sei­ner Mut­ter das Schlaf­nest geteilt.« In Mün­chen, wo man schon ein jun­ges Männ­chen, Por­gy, und ein jun­ges Weib­chen, Bess, besaß, hat­te man ein zwei­tes Weib­chen bestellt, statt­des­sen kam Fritz. Bess nahm den ein­ge­schüch­ter­ten Neu­zu­gang nicht ernst. »Fritz kam mir vor wie ein trau­ri­ges gemobb­tes Kin­der­gar­ten­kind«, erzähl­te sei­ne Pfle­ge­rin Bär­bel Graf, die ihm »noch Früh­stück, Mit­tag­essen und Abend­essen« ser­vier­te – inzwi­schen rich­tet man sich mehr nach den Ess­rhyt­men der Gorillas.

Ende 1970 gaben die Münch­ner den sie­ben­jäh­ri­gen Fritz an den Nürn­ber­ger Zoo ab, für 32 000 DM: »Der passt zu den Nürn­ber­gern«, mein­te der dama­li­ge Zoo­di­rek­tor Lutz Heck. Fort­an küm­mer­te sich dort Wil­li Still­ham­mer um ihn. Er kam zu zwei Goril­la­weib­chen aus Gel­sen­kir­chen: Del­phi und Lia­ne. Letz­te­re starb schon sie­ben Jah­re spä­ter. Aber Del­phi soll­te über 30 Jah­re lang Fritz’ Part­ne­rin blei­ben. Er zeug­te jedes Jahr ein Kind mit ihnen, die Wil­li Still­ham­mer und sei­ne Frau zu Hau­se auf­zo­gen. »Die Zoo­mit­ar­bei­ter wuss­ten nicht, dass sie einen Feh­ler mach­ten«, indem sie den Müt­tern ihre Kin­der weg­nah­men: Die­se »sehen sich spä­ter weder als Mensch noch als Affe«.

Fritz’ ers­tes Kind Schorsch lebt heu­te noch – als »erblin­de­ter Greis auf Tene­rif­fa mit eige­nem Außen­ge­he­ge«. Der Fritz-Sohn Gori kam über diver­se eng­li­sche Zoos in den japa­ni­schen Inu­ya­ma Mon­key Park, wo man zu For­schungs­zwe­cken alle mög­li­chen Affen­ar­ten hält. Das här­tes­te Schick­sal hat­te der Fritz-Sohn Toni: Er kam in die Zoos von Han­no­ver und Saar­brü­cken, zeug­te dort jedoch kei­nen Nach­wuchs. Mit 25 Jah­ren schob man den »non-bree­der« aufs Abstell­gleis: nach Kiew – in eine dunk­le Beton­zel­le. Dort sah ihn ein deut­scher Inge­nieur – und setz­te Him­mel und Höl­le in Bewe­gung, um Tonis Leben zu ver­bes­sern. Er spen­de­te Spiel­zeug, Geld und gewann die ame­ri­ka­ni­sche Ehe­frau des Bür­ger­meis­ters Vita­li Klitsch­ko, die für viel Geld eine neue groß­zü­gi­ge Anla­ge für Toni bau­en ließ. Wei­te­re Lebens­er­leich­te­run­gen für ihn ver­hin­der­te der Krieg.

2021 fei­er­te man dort sei­nen 45. Geburts­tag. Ende Febru­ar 2022 schrieb der Geschäfts­füh­rer des Zoos Kyry­lo Tran­ti­no in einer Rund­mail: »Wäh­rend der nächt­li­chen Schlacht gab es kei­ne direk­ten Tref­fer auf dem Gelän­de des Zoos, die Mit­ar­bei­ter waren in vor­be­rei­te­ten Bombenunterkünften.«

Jen­ny von Sper­ber: »Fritz, der Goril­la: Bio­gra­fie eines fas­zi­nie­ren­den Men­schen­af­fen«, S. Hir­zel Ver­lag, ‎228 Sei­ten, geb., 20 €.

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