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Immer diese Widersprüche

Die Coronakrise führte zu großen Verwerfungen in der Linken. Dass es so weit kommen musste, ist auch ein Versagen der Ideologiekritik

  • Von Felix Klopotek
  • Lesedauer: 11 Min.
Appell statt Argument: Auch manch linker Diskussion über den richtigen Umgang mit der Pandemie fehlte es an inhaltlicher Substanz.
Appell statt Argument: Auch manch linker Diskussion über den richtigen Umgang mit der Pandemie fehlte es an inhaltlicher Substanz.

Wie viel sagt ein Wider­spruch aus? Was folgt aus ihm? In der Kon­tro­ver­se, wie sich die Lin­ke zur Coro­na­kri­se ver­hal­ten hat – und wei­ter ver­hal­ten soll –, sind Kri­ti­ker auf einen sol­chen gesto­ßen: Bekannt­lich haben vie­le Lin­ke die Lock­down-Maß­nah­men der Regie­rung dafür kri­ti­siert, dass sie zu lasch gewe­sen wären, zu zöger­lich, ver­spä­tet imple­men­tiert. Dafür stütz­ten sie sich auf die Exper­ti­se bestimm­ter Wis­sen­schaft­ler – allen vor­an Chris­ti­an Dros­ten – und beeil­ten sich, die Exper­ti­se ande­rer Wis­sen­schaft­ler her­ab­zu­wür­di­gen – hier war der bekann­tes­te Hen­drik Stre­eck, der ins Zwie­licht geriet, das Virus zu ver­harm­lo­sen. Bei­de Wis­sen­schaft­ler sind übri­gens regie­rungs­nah und sich in vie­len Fra­gen einig – das nur nebenbei.

Die Lin­ken, die sich für Dros­ten und gegen Stre­eck aus­ge­spro­chen haben, kamen über­wie­gend aus einem grün-lin­ken, aka­de­misch gepräg­ten Milieu, das gen­der­sen­si­bel ist, anti­ras­sis­tisch und Aus­beu­tung unter dem Label »Klas­sis­mus«, als dis­kri­mi­nie­ren­des Ver­hal­ten gegen­über Arbei­tern, ver­han­delt. Ein Milieu, das dezi­diert anti­na­tu­ra­lis­tisch, sprach­kri­tisch, dis­kurs­ana­ly­tisch und kon­struk­ti­vis­tisch ist. Und dann das: Die­ses Milieu schloss sich ganz über­wie­gend einer wis­sen­schaft­li­chen Hal­tung und einer Sicht­wei­se auf das Virus an und bestritt in hef­ti­gen Pole­mi­ken ande­ren Stand­punk­ten ihre Legitimität.

Was für ein Wider­spruch, froh­lock­te die ande­re Sei­te! Denn in der Coro­na­kri­se gerier­te sich die­ses grün-lin­ke Milieu offen­sicht­lich nicht anti­na­tu­ra­lis­tisch und kon­struk­ti­vis­tisch, son­dern dog­ma­tisch, und die unkri­ti­sche Hal­tung gegen­über Dros­ten und Lau­ter­bach war nun alles ande­re als dis­kurs­ana­ly­tisch. Auf Twit­ter und ande­ren Netz­wer­ken ging es hoch her, letzt­lich war­fen sich bei­de Sei­te herr­schafts­kon­for­mes, regres­si­ves und auto­ri­tä­res Ver­hal­ten vor. Wirk­lich auf­ge­löst wur­de der Wider­spruch aller­dings nicht. Das Ergeb­nis wäre näm­lich für bei­de Sei­ten nicht sehr schmei­chel­haft ausgefallen.

Alles dreht sich um das Ich

Den Wider­spruch auf­zu­lö­sen hät­te bedeu­tet, sich zu fra­gen, wofür die anti­na­tu­ra­lis­ti­sche, kon­struk­ti­vis­ti­sche Hal­tung eigent­lich steht. Kon­ser­va­ti­ve und Reak­tio­nä­re sehen sie als Aus­druck eines hem­mungs­lo­sen, alle Wer­te unter­gra­ben­den Rela­ti­vis­mus und Skep­ti­zis­mus. Die Urangst der Mäch­ti­gen und Pri­vi­le­gier­ten vor der zer­set­zen­den Auf­klä­rung hallt hier nach. So skep­tisch ist die­se Hal­tung aber gar nicht, ganz im Gegen­teil. Es geht ihr dar­um, eine ver­letz­li­che, ver­letz­ba­re Sub­jek­ti­vi­tät zu schüt­zen, ein Ich, das nicht wei­ter hin­ter­fragt wird und letzt­end­lich nicht als ein Gewor­de­nes und Wer­den­des ver­stan­den wird: Es ist immer schon mit sich iden­tisch. Alles, was die­ses Ich zu rela­ti­vie­ren droht, kann nur ein Aus­druck von Herr­schaft, von auf­er­leg­ter Beschrän­kung, Knech­tung und Dis­kri­mi­nie­rung sein. Im Gegen­zug geht es dar­um, alles, was die­ses Ich ein­schränkt, zurück­zu­wei­sen – ger­ne auch kate­go­risch ohne jede wei­te­re Dis­kus­si­on. Die­se Bedro­hung kön­nen domi­nan­te Sprach­re­ge­lun­gen sein, die – schein­bar oder tat­säch­lich – Ande­re aus­schlie­ßen­de Impli­ka­tio­nen auf­wei­sen. Die­se Bedro­hung kann aber auch ein Virus sein, des­sen nega­ti­ve gesund­heit­li­che Aus­wir­kun­gen man maxi­mal dys­to­pisch einschätzt.

Aber auch die ande­re Sei­te, die sich eben noch dar­an delek­tier­te, wie sich »Wokies« im Wider­spruch von Anti­na­tu­ra­lis­mus und Dog­ma­tis­mus ver­stri­cken, setzt die­ses unum­schränk­te, selbst­herr­li­che, von dunk­len Mäch­ten aber per­ma­nent bedroh­te Ich vor­aus. Daher ihr dröh­nen­der Frei­heits- und Grund­rech­te­pa­thos. Die­ses Pathos bezieht sich auf die nar­ziss­ti­sche Krän­kung, die man höchst­per­sön­lich durch Staats­ein­grif­fe zu erfah­ren glaub­te. Bei­de Sei­ten tref­fen sich in einer Mys­ti­fi­zie­rung des (eige­nen) Egos, das nicht wei­ter sozi­al hin­ter­fragt wird, als sta­bil gesetzt wird und streng genom­men geschichts­los kon­zi­piert ist. Selbst­be­schrän­kung gilt ihnen aus­schließ­lich als Zumu­tung, durch­ge­führt als staat­li­cher Zwangs­akt oder diri­giert von einer Ver­schwö­rung alter, wei­ßer Männer.

Ideologiekritik am Limit?

Die Coro­na­kri­se hat vor­ge­führt, wie stumpf kon­ven­tio­nel­les ideo­lo­gie­kri­ti­sches Besteck ist. Das Auf­de­cken von Wider­sprü­chen in Argu­men­ta­tio­nen, um ein fal­sches Bewusst­sein zu ent­lar­ven, und eine rela­ti­vie­ren­de, skep­ti­sche Hal­tung, um Ver­hält­nis­se, die sich den Anschein geben, unum­stöß­lich zu sein, zumin­dest gedank­lich zu unter­mi­nie­ren: Sie rei­chen offen­sicht­lich nicht aus, um die Kri­se zu begrei­fen. Anders gesagt: Die Ideo­lo­gie­kri­tik war nicht voll­stän­dig. Was hät­te sie voll­stän­dig gemacht? Ein Reflek­tie­ren dar­auf, was ihre Vor­aus­set­zun­gen sind.

In dem oben geschil­der­ten Fall fußt die Ideo­lo­gie­kri­tik, die bei­de Sei­ten für sich in Anspruch neh­men, auf der Annah­me eines Ichs, das es unbe­dingt gegen die Zumu­tun­gen der ver­kehrt ein­ge­rich­te­ten Welt zu schüt­zen gilt. Eine legi­ti­me Anstren­gung, die aber – un- oder halb­be­wusst voll­zo­gen – zuver­läs­sig das kon­for­mis­ti­sche Ich repro­du­ziert, das uns als klein­bür­ger­lich-öko­no­mi­sches ent­ge­gen­tritt: kon­sum­ori­en­tiert, Sor­ge nur als Sor­ge um sich selbst ken­nend, miss­trau­isch gegen alles Kol­lek­ti­ve, Soli­da­ri­tät aus­schließ­lich als gön­ne­risch und eigen­nüt­zig verstehend.

Die Ideo­lo­gie­kri­tik wäh­rend der Coro­na­kri­se hät­te sich also selbst – spä­tes­tens als abseh­bar war, dass die Kri­tik sich in gegen­sei­ti­gen Schuld­zu­wei­sun­gen erschöpft – hin­ter­fra­gen müs­sen, um zu Ergeb­nis­sen zu kom­men, mit denen man in eman­zi­pa­to­ri­scher Absicht hät­te wei­ter­ar­bei­ten kön­nen. Was für Ergeb­nis­se? Zum Bei­spiel, dass jede Bezug­nah­me auf per­sön­li­che Befind­lich­kei­ten nur zu einer Über­hö­hung des indi­vi­du­el­len Stand­punk­tes führt, eine Über­hö­hung, die den Blick auf kol­lek­ti­ve Pro­zes­se ver­stellt. Die »Coro­na-Skep­ti­ker« haben dadurch »ver­passt«, dass es etwa in Ita­li­en zu Beginn der Kri­se zu mas­si­ven Pro­tes­ten kam, weil Beleg­schaf­ten nicht ein­se­hen woll­ten, dass der Lock­down für alle Aspek­te des öffent­li­chen wie pri­va­ten Lebens gilt – bloß nicht für die Arbeits­welt. Die­se Streik­ak­tio­nen waren ohne Zwei­fel legi­tim. Die »Lock­down-Befür­wor­ter« unter den Lin­ken haben ihrer­seits »ver­passt«, in den eben­falls in Ita­li­en – aber längst nicht nur dort – statt­fin­den­den Arbei­ter­pro­tes­ten gegen Gesund­heits­pass und Impf­pflicht mehr als nur­bor­nier­te und para­no­id irre­ge­lei­te­te Mani­fes­ta­tio­nen zu sehen.

Kampf gegen Abhängigkeiten

Der legen­dä­re, hier­zu­lan­de bezeich­nen­der­wei­se unbe­kann­te fran­zö­si­sche Kom­mu­nist Roger Dan­ge­vil­le (1925–2006) hat­te in sei­ner Kri­tik an Tho­mas Mal­thus, dem ers­ten Theo­re­ti­ker respek­ti­ve Ideo­lo­gen des Kon­sum­in­di­vi­dua­lis­mus, fest­ge­hal­ten, dass der wich­tigs­te Kampf der Arbei­ter­klas­se vor der Revo­lu­ti­on dar­in bestehe, nicht noch tie­fer in den Sumpf der man­nig­fal­ti­gen Abhän­gig­kei­ten von bür­ger­li­cher Poli­tik und Ideo­lo­gie zu gera­ten. Gemünzt auf die Coro­na­kri­se hät­te das bedeu­tet, den Kampf gegen Gesund­heits­ge­fähr­dung am Arbeits­platz und den mie­sen Wohn­quar­tie­ren nicht getrennt vom Kampf gegen neue For­men der digi­ta­len Kon­trol­le und Über­wa­chung zu ver­ste­hen, die unter dem Deck­man­tel der Pan­de­mie­be­kämp­fung ein­ge­führt wurden.

Leich­ter gesagt als getan. Denn wann sind eigent­lich die Vor­aus­set­zun­gen einer Kri­tik von die­ser so weit erfasst, dass sie sich nicht län­ger in ihren eige­nen Wider­sprü­chen ver­strickt? Hat doch jede Vor­aus­set­zung ihrer­seits Vor­aus­set­zun­gen, jeder Grund hat sei­nen Grund – und wenn wir nicht auf­pas­sen, lan­den wir am Ende wie­der beim lie­ben Gott als letz­te Ursa­che, also beim Dog­ma. Wo den Schnitt set­zen? In Gün­ther Anders‹ »Die molus­si­sche Kata­kom­be«, sei­nem gro­ßen, in den 1930ern ent­stan­de­nen Werk über die Lin­ke im Ange­sicht von Faschis­mus und Sta­li­nis­mus, lässt er die­ses Dilem­ma von zwei Gefan­ge­nen dis­ku­tie­ren. »Wenn ein Zie­gel vom Dach fällt«, fragt der eine, »haben alle Din­ge aller Zei­ten ihn mit vom Dach gewor­fen. Wol­len wir den Grün­den nach­lau­fen?« »Es genügt die Grün­de so weit zu ken­nen«, ent­geg­net der ande­re, »dass wir das Her­ab­fal­len des nächs­ten Stei­nes unwahr­schein­lich machen.«

Wer auf die nächst­lie­gen­den Grün­de zurück­greift, akzep­tiert nur die, die sei­ne eige­ne Befind­lich­keit bedie­nen. Das reicht nicht. Und die ferns­ten »lie­gen so fern, daß wir nicht hin­rei­chen, und die Gelehr­ten sind stolz dar­auf. Die mitt­le­ren aber nennt man Ver­hält­nis­se«. Die­se gilt es, um sie zu ändern, zunächst zu begrei­fen – und das ist im Gegen­satz zu einer per­sön­lich betrof­fe­nen wie zu einer in astro­no­mi­sche Wei­ten abschwei­fen­den Hal­tung immer mög­lich: »Die Ver­hält­nis­se sind noch so nah, daß man sie ändern kann; aber man kann sie nicht schla­gen im Wut­aus­bruch oder mit der Hand. Sie sind schon so weit, daß man, um sie zu errei­chen, die Tech­nik der Ver­all­ge­mei­ne­rung braucht und die Unter­drü­ckung der per­sön­li­chen Gereiztheit.«

In dem von Gerhard Hanloser, Peter Nowak und Anne Seeck herausgegebenen Sammelband »Corona und linke Kritik(un)fähigkeit. Kritisch-solidarische Perspektiven ›von unten‹ gegen die Alternativlosigkeit ›von oben‹« ist auch ein Beitrag von Felix Klopotek enthalten.

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