Verzweifeln am Größenwahn

Hertha BSC träumt weiter - und steckt auch deshalb tief im Abstiegskampf.

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.

Rudi Völler gab der Leverkusener Delegation eine Reisewarnung mit auf den Weg nach Berlin. Spürbare Folgen hätte das Verpassen der Champions League, mahnte der Geschäftsführer von Bayers Fußballfiliale. Schließlich müsse er wirtschaftlich vernünftig planen. Nach der überraschenden Heimniederlage am vergangenen Wochenende gegen Arminia Bielefeld ist die Werkself in der Bundesliga auf Platz sechs abgerutscht. Das beste Mittel gegen das Bangen um die Arbeitsplätze ist für Trainer Peter Bosz und seine Spieler ein Sieg an diesem Sonnabend bei Hertha BSC.

Im Berliner Fußballwesten spielt Geld bekanntermaßen keine Rolle mehr. Das ist aber auch ein Grund dafür, dass aus Sicht des selbst ernannten »Hauptstadtclubs« die Leverkusener mit Luxusproblemen daherkommen. Die innerhalb von anderthalb Jahren mit mehr als 140 Millionen Euro zusammengekaufte Mannschaft von Hertha BSC spielt seitdem gegen den Abstieg. Nach dem 0:2 am vergangenen Spieltag in Dortmund rutschten die Berliner auf den Relegationsplatz, nur das bessere Torverhältnis trennt sie noch vom ersten direkten Abstiegsplatz. »Wie kann das sein?«, fragte sich ein ratloser Pal Dardai nach der Partie bei der Borussia. Die Antworten, die Herthas Trainer darauf gefunden hat, klingen alles andere als zuversichtlich. Intensiv trainiere er seit Wochen mit der Mannschaft das Offensivspiel. Und dann? »Sehen wir nichts!«

Dass Dardai nicht nur um seinen Job bangen muss, sondern ihn schon fast wieder verloren hat, ist das geringste Übel. Der Ungar hat sich auch schon in seiner ersten, viereinhalbjährigen Amtszeit als Chefcoach von Hertha BSC nie selbst zu wichtig genommen. Die publik gewordene und ihm bei seiner Wiederkehr Ende Januar vertraglich vorgegebene Anzahl von 24 Punkten, wird er bis zum Saisonende nur sehr schwer erreichen können. In den ersten sieben Spielen unter Dardai erspielte die Mannschaft erst vier Punkte, von den neun ausstehenden Partien müssten also mindestens sechs gewonnen werden.

»Wenn wir zusammenhalten und alle dem Druck standhalten, dann schaffen wir das«, hofft Dardai - und sieht im Spiel gegen die ambitionierten Leverkusener schon fast eine Pflicht zum Siegen. Die Mannschaft wirkt zwar nicht mehr so überfordert, verunsichert und planlos wie unter Bruno Labbadia. Und sie spielt zumindest in der Defensive disziplinierter. Aber wirklich Mut machende Fortschritte zeigt sie noch nicht. Deshalb sind vor allem Durchhalteparolen und Appelle an die Grundtugenden zu vernehmen. Herthas derzeitiger Kapitän und Abwehrchef Niklas Stark sagte mit Blick auf die Tabelle: »Mainz sitzt uns im Nacken. Wir müssen punkten! Abstiegskampf ist Kopfsache.«

Genau da fangen aber die grundsätzlichen Probleme von Hertha BSC an. Dardai sprach sie sofort offen an. »Als ich in die Kabine kam, haben manche weder Deutsch noch Englisch gesprochen.« »Keine gemeinsame Sprache, kein Teamgeist« - dass dies seine Arbeit fast unmöglich mache, lastete er der Vereinsführung an, die die Mannschaft nicht gezielt verstärkt, sondern zusammengekauft habe. Er brauche als Trainer »Spieler mit Mentalität« und vermisse Führungsspieler im Team.

Der langjährige Sportchef Michael Preetz musste die Berliner Ende Januar zusammen mit Labbadia verlassen. Anspruch und Wirklichkeit fanden in den Weiten des Olympiastadions unter dem machtbewussten Manager nie wirklich zusammen. Jüngst blickte Adrian Ramos auf seine Zeit bei Hertha zurück. »Die Unruhe der Verantwortlichen hat sich in all den Jahren durch den Verein gezogen. Mit einem stabileren Umfeld hätten wir sicher erfolgreicher sein können«, sagte der kolumbianische Stürmer, der zwischen 2009 und 2014 im blau-weißen Trikot 65 Tore geschossen hatte.

Atmosphärisch hat sich anscheinend nichts verändert. Die großen Ziele des Klubs seit dem Einstieg des Investors Lars Windhorst sind bekannt und haben auch durch den entstandenen Druck die Alltagsarbeit sicherlich nicht positiv befördert. Das zeigt die sportliche Entwicklung. Und was macht Carsten Schmidt, der neue Vorsitzende der Geschäftsführung? Er befeuert mitten im Abstiegskampf den Berliner Größenwahn: »Daraus wird eine Geschichte werden: Wir wollen die größte Aufholjagd, die der deutsche und vielleicht der internationale Fußball je erlebt hat, einleiten und zum Erfolg führen. Wer jetzt den Weg mit uns gemeinsam geht und auf Hertha BSC setzt, der wird Teil dieser Erfolgsgeschichte.«

Bei solchen Worten in solch einer Situation kann man als Trainer nur verzweifeln. Diesen Eindruck macht Pal Dardai durchaus. Denn er muss jungen Spielern aus Frankreich, Serbien, Brasilien, Paraguay, Polen oder den Niederlanden, die mit der verlockenden Aussicht auf europäischen Spitzenfußball in der Champions League nach Berlin geholt wurden und noch keine Identifikation mit Verein und Stadt haben können, beibringen, wie wichtig der Klassenerhalt in der Bundesliga ist. Und was dafür alles notwendig ist. Abstiegskampf ist eben auch Kopfsache.

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