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Zweifelhafte Berühmtheit

Eine ukrainische Sowjet-Oma wurde zum Kult in der russischen Kriegspropaganda

  • Von Peter Steiniger
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Babuschka mit Fahne dient in vielen Varianten als Propaganda-Symbol.
Die Babuschka mit Fahne dient in vielen Varianten als Propaganda-Symbol.

»Altes Tan­te Julisch­ka / träumt noch von Kol­cho­se / Arbeits­plät­ze gab es da / Heu­te gibt’s Zirrho­se«, beginnt der Song »Babusch­ka« der Band Ers­te All­ge­mei­ne Ver­un­si­che­rung. Er gehört zu ihrem 2015 ver­öf­fent­lich­ten Album »Wer­wolf-Atta­cke«. Über eine ande­re Senio­rin, die dem vor mehr als drei Jahr­zehn­ten ver­flos­se­nen Mut­ter­land der Werk­tä­ti­gen wei­ter die Stan­ge hält, wer­den der­zeit auf Rus­sisch Lie­der gedichtet.

Ihren Hel­den­sta­tus ver­dankt die­se einem Ende April viral gegan­ge­nen Video. Mit der sowje­ti­schen Fah­ne in der Hand und einer klei­nen Lob­re­de auf Russ­land und Putin begrüßt dar­in die Oma, die Anna Iwa­now­na hei­ßen soll, in ihren Ort kom­men­de ukrai­ni­sche Sol­da­ten. Die Babusch­ka hat­te nicht nur die Epo­chen durch­ein­an­der­ge­bracht, son­dern auch die Uni­for­men. Die Sze­ne spielt mut­maß­lich in der umkämpf­ten ost­ukrai­ni­schen Regi­on Char­kiw. Nach­dem ein Sol­dat ihr die Fah­ne abnimmt und dar­auf her­um­tram­pelt, macht es bei Babusch­ka klick. Nun weist die ärm­lich geklei­de­te und vom Leben gezeich­ne­te Frau die ihr gebrach­ten Lebens­mit­tel stolz zurück. So weit, so traurig.

Noch mehr Trä­nen trei­ben die pein­li­chen Denk­ma­le in die Augen, mit denen die rus­si­sche Z‑Propaganda nun »Müt­ter­chen Anya« instru­men­ta­li­siert. Sowjet­nost­al­gie zieht. Und nicht nur bei Rus­sen zeigt das Klam­mern an natio­na­le Mythen, wie bit­ter es um die Gegen­wart steht. Im Aus­land hat die Sowjet-Oma Fans unter jenen, die den Schuss von 1991 nicht gehört haben. Eine Wen­de im Pro­pa­gan­da­krieg wird den Trup­pen­tei­len des Kreml mit der Frau von ges­tern wohl kaum gelin­gen. Und natür­lich hat die Ukrai­ne eine Neu­er­zäh­lung zur Fah­nen-Oma in Umlauf gebracht, in der Anna Iwa­now­na mit Ham­mer und Sichel die Rus­sen nur vom Plün­dern abhal­ten woll­te. Und jetzt sei Babusch­ka rich­tig froh über die Eva­ku­ie­rung nach Char­kiw durch die ukrai­ni­sche Armee, nach­dem die Besat­zer das Haus der unfrei­wil­li­gen Berühmt­heit bom­bar­diert hät­ten. Jede Pro­pa­gan­da schafft sich Fak­ten. Der EAV-Song ist eher des­il­lu­sio­nie­rend: »Babusch­ka Babusch­ka / die Roma­nows sind wie­der da!«

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