Japan macht auf

Grenzöffnungen sollen Tourismus wieder ankurbeln

  • Von Felix Lill, Tokio
  • Lesedauer: 4 Min.
Bis zur Corona-Pandemie war Japan ein beliebtes Reiseziel. Dann machte das Land dicht.
Bis zur Corona-Pandemie war Japan ein beliebtes Reiseziel. Dann machte das Land dicht.

Darauf haben zahlreiche Menschen über Monate, vielleicht Jahre gewartet: Nachdem sich der japanische Premierminister Fumio Kishida mit Gesundheitsexperten ausgetauscht hatte, kündigte er jetzt an, dass sein Land ab Juni die Grenzen für den Tourismus wieder öffnet. Dies werde zunächst »schrittweise« geschehen, betonte er dieser Tage. Alles hänge von der Infektionslage ab. Erste Tests mit Gruppenreisen sollen schon Ende dieses Monats starten.

Japan hatte sich in den Jahren vor der Pandemie zu einem beliebten Ziel für Reisende aus aller Welt entwickelt. Im vergangenen Jahrzehnt verfünffachten sich die Besucherzahlen ins ostasiatische Land, trotz der von vielen Abreiseorten weiten Entfernung und des relativ hohen Preisniveaus. Japan begann, sich erfolgreich als einzigartige, vielfältige und ästhetisch begeisternde Nation zu vermarkten.

Für das Jahr 2020, in dem ursprünglich die Olympiade in Tokio steigen sollte, hatte die japanische Regierung das Ziel von 40 Millionen Touristinnen und Touristen ausgegeben. Wäre nicht die Pandemie dazwischengekommen, wäre diese Marke vermutlich auch erreicht worden. Dann aber unterbrach Corona jäh den Boom – die Grenzen wurden geschlossen, die Zahl der Einreisenden fiel auf nahe Null.

Zuletzt sind die Forderungen nach Öffnung immer lauter geworden. Wirtschaftsverbände weisen darauf hin, dass die für die Olympischen Spiele gebauten Hotels leer stünden, eine ganze Branche zusammengebrochen sei und die Erholung umso schwerer falle, je länger die im internationalen Vergleich sehr strengen japanischen Reisebeschränkungen aufrechterhalten werden. Noriko Yagasaki, Professorin für Globale Sozialwissenschaften an der Christlichen Frauenuniversität Tokio, beziffert die Verluste im Tourismus auf rund 22 Billionen Yen (rund 160 Milliarden Euro). Dies macht rund drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts Japans aus. Auch Yagasaki fordert deswegen unter dem Gebot der Infektionskontrolle eine Öffnung der Grenzen für Reisende.

Schließlich gilt der Tourismus als Wachstumsmotor der japanischen Volkswirtschaft. Inmitten niedriger Geburtenraten, einer hohen und steigenden Lebenserwartung sowie nur sehr geringer Immigration altert die Bevölkerung nicht nur seit Jahrzehnten, sie schrumpft auch. So nimmt die Zahl der Konsumenten und Produzenten im Land ab, Märkte werden tendenziell kleiner. Die Ausweitung des Tourismus soll dem entgegenwirken.

Zunächst versuchte die Regierung, die Ausfälle der Reisenden aus dem Ausland durch Inlandstourismus zu kompensieren. Ex-Premier Yoshihide Suga begann, diesen zu subventionieren. Allerdings geschah dies zu einem Zeitpunkt, als die Corona-Impfungen in Japan noch nicht begonnen hatten. So schnellten die Infektionszahlen in die Höhe. Die Kampagne wurde nach lautstarker Kritik wieder ausgesetzt.

Die nun bevorstehenden Öffnungen sorgen für vorsichtigen Optimismus, aber Skepsis bleibt bestehen. Die Fluglinie Japan Airlines erwartet eine Rückkehr zu schwarzen Zahlen. Ein Händler von Bambusprodukten in Kyoto gestand dieser Tage gegenüber Medien, er freue sich auf bessere Zeiten, da sein Geschäft und das der Konkurrenz ohne Touristinnen und Touristen nicht funktioniere. Positiv stimmte die kürzliche Öffnung für Geschäftsreisende und Austauschstudierende – wenn auch unter strengen Bedingungen. Aber inwieweit man nun Kapazitäten für mehr Reisende ausbauen kann, bleibt für viele Geschäfte ungewiss.

Grundsätzliche Skeptiker einer Öffnung führen weiterhin die Infektionsrisiken an. Ein Vergleich mit Staaten und Regionen, darunter die Vereinigten Staaten, Großbritannien und die Europäische Union, die längst wieder Auslandstourismus erlaubten, sei nicht möglich, da dort ein deutlich höherer Bevölkerungsanteil mit dem Coronavirus infiziert gewesen sei als in Japan.

In einer Untersuchung für die größten Metropolregionen des Landes kam das Nationale Institut für Infektionskrankheiten in Tokio im Februar dieses Jahres nur auf einen Anteil von gut vier Prozent der Menschen, die bisher infiziert waren. Die Immunisierung sei deutlich geringer als in den Vereinigten Staaten, wo eine ähnliche Untersuchung im April dieses Jahres an die 60 Prozent ermittelte.

Allerdings halten Befürworter der Öffnung dagegen, dass die Impfquote trotz anfänglicher Verspätungen mit mittlerweile 80 Prozent deutlich höher als in den USA sei. Und selbst bei Infektionen sei daher nur noch relativ selten mit komplizierten Verläufen zu rechnen.

Die japanische Bevölkerung ist in dieser Frage gespalten: In einer aktuellen Umfrage des öffentlichen Rundfunksenders NHK fand ein Drittel der Befragten, dass die restriktiven Maßnahmen richtig seien. Ein Viertel wiederum befürwortete Öffnungen.

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