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  • Marcel Proust und James Joyce

Als die Dichter Nein sagten

Marcel Prousts und James Joyces Begegnung im Pariser Hôtel Majestic vor 100 Jahren

  • Von Jürgen Schneider
  • Lesedauer: 7 Min.
Treffpunkt der Künstler der Moderne: Das mondäne Hôtel Majestic in Paris
Treffpunkt der Künstler der Moderne: Das mondäne Hôtel Majestic in Paris

Am 18. Mai 1922 wurde in der Opéra Garnier zu Paris das 1916/17 im Schweizer Exil geschriebene Kammeroper-Ballett »Renard« in einem Akt von Igor Strawinsky uraufgeführt – unter der Regie von Sergej Diaghilew trat das Ensemble Balletts Russes auf. Zur Premierenfeier, einem Late Night Supper, luden die englischen Kunstmäzene Violet und Sydney Schiff etwa 40 Personen in das noble Hôtel Majestic ein. Sie wollten an diesem Abend vor allem vier der bekanntesten Künstler ihrer Zeit in einem Raum versammeln: Strawinsky, Pablo Picasso, Marcel Proust und James Joyce. Joyces Roman »Ulysses« war im Februar des Jahres 1922 von Sylvia Beach, Inhaberin des Buchladens Shakespeare & Co. in Paris, veröffentlicht worden, und Prousts zweiter Teil von »Sodom und Gomorrha« galt im Mai in der französischen Kapitale als das literarische Gesprächsthema.

Violet und Sydney Schiff kannten Joyce von seinen Lesungen aus dem »Ulysses«-Manuskript, die in der Buchhandlung Maison des Amis von Adrienne Monnier stattgefunden hatten. Sydney Schiff, mit Proust seit 1919 bekannt, wusste, dass dieser sich nur ungern in Gesellschaft begab, und schickte ihm daher statt einer formellen Einladung einen Brief, in dem er eher beiläufig fragte, ob Proust nach dem Dinner vorbeischauen möchte. Neben der Choreografin und Tänzerin der Ballets Russes, Bronislava Nijinska, dem Dirigenten Ernest Ansermet und dem Kostüm- und Bühnenbildner Michail Larionow zählten auch ein paar mondäne Herrschaften des Ancien Régime zu den Gästen im Majestic, wie etwa die Prinzessin Edmond de Polignac, geborene Winnaretta Singer, Erbin von Issac Merritt Singer, der sein Vermögen mit der Nähmaschinenfabrik I. M. Singer & Company begründet hatte. Die mit Proust befreundete Dame war seit den 1880er Jahren Teil des französischen Adels und hatte 1916 bei Strawinsky ein Orchesterwerk für ein kleines Ensemble in Auftrag gegeben, das schließlich zu »Renard« wurde.

Picasso und Strawinsky hatten die Uraufführung von »Renard« besucht und fanden sich wie die meisten Gäste bald nach der Aufführung im Hôtel Majestic ein. So auch Picasso, der mit einem katalanischen Stirnband erschienen sein soll, um sich von den Gästen mit den weißen Krawatten abzuheben. Als das Late Night Supper nach Mitternacht begann, waren Joyce und Proust noch nicht eingetroffen. In einem Nebel von Alkohol soll Joyce schließlich aufgetaucht sein, underdressed, da er zu jener Zeit keinen Gesellschaftsanzug besaß. Können wir dem englischen Kunstkritiker Clive Bell Glauben schenken, dessen Aperçus laut Virginia Woolf von reizenden, aber unglaublich beschränkten Damen zitiert wurden, sei Joyce rechts vom Gastgeber platziert worden und habe, den Kopf auf die Arme gestützt, beharrlich geschwiegen. Gegen 2 Uhr 30, so Bell, sei schließlich der elegant gekleidete Marcel Proust erschienen und habe zwischen Igor Strawinsky und Sydney Schiff Platz genommen. Einer Dame fiel auf, dass der Pelz des Monsieur Proust recht schäbig aussah. Strawinsky erinnerte sich später, Proust sei blass wie ein Nachmittagsmond gewesen.

Proust versuchte Strawinsky in ein Gespräch über Beethoven zu verwickeln und sagte zu dem Komponisten: »Sie bewundern doch zweifellos Beethoven.« Strawinsky antwortete: »Ich kann Beethoven nicht ausstehen.« – »Aber, cher maître, sicher doch jene späten Sonaten und Quartette?« – »Noch schlimmer als die anderen«, konstatierte Strawinsky. Joyce, so Bell, habe derweil laut geschnarcht, sei dann aber aus dem Schlaf hochgeschreckt.

Schließlich saßen sich Proust und Joyce gegenüber, der große Pariser Bourgeois und der exilierte irische Vagabund. Über ihre Unterhaltung, wenn denn von einer solchen gesprochen werden kann, existieren verschiedene Darstellungen. Der US-amerikanische Dichter William Carlos Williams, so ist seiner »Autobiographie« zu entnehmen, schnappte in Paris diese Erzählung auf: »Joyce sagte: ‚Ich habe jeden Tag Kopfschmerzen. Meine Augen sind fürchterlich.› Proust erwiderte: ‚Mein armer Magen. Was soll ich nur tun? Er bringt mich noch um. Ich muss eigentlich gleich wieder gehen.› ‚Mir geht’s genauso›, gab Joyce zurück, ‚wenn ich nur jemanden finden könnte, der mich am Arm hält. Auf Wiedersehen.› ‚Charmé‚, sagte Proust, ‚ach mein Magen, mein Magen.'«

Laut der Herzogin von Clermont-Tonnerre, die ihre vierbändigen Erinnerungen an die feine Pariser Gesellschaft hinterließ, soll der Dialog zwischen Proust und Joyce nur aus zwei Sätzen bestanden haben. Proust: »Ich habe Ihre Werke nicht gelesen, Herr Joyce.« Joyce: »Ich habe Ihre Werke nicht gelesen, Herr Proust.« Die US-amerikanische Schriftstellerin Margaret Anderson wartet mit einer nahezu identischen Darstellung auf. Sie schreibt, Proust habe gesagt, er bedaure, dass er Joyces Werk nicht kenne. Joyce habe pariert: »Ich habe Proust nie gelesen.« Sollte es so gewesen sein, hat Joyce geflunkert, denn bereits 1920 hatte er zu seinem Freund Frank Budgen über Proust gesagt: »Ich habe ein paar Seiten von ihm gelesen. Ich kann keinen besonderen Verdienst erkennen, aber ich bin ein schlechter Kritiker.«

Laut Budgen hat Joyce ihm die folgende Version des Gesprächs mit Proust anvertraut: »Unser Gespräch bestand einzig aus dem Wort ‹nein›. Proust fragte mich, ob ich den Duc de Soundso kenne. Ich sagte: ‚Nein.› Unsere Gastgeberin fragte Proust, ob er das und das Stück aus dem Ulysses gelesen habe. Proust sagte: ‚Nein.› Und so fort. Natürlich war die Situation unmöglich. Prousts Tag fing gerade an. Meiner war zu Ende.«

Joyce hat die Darstellung gegenüber anderen Freunden und Bekannten offenbar variiert. Der englische Schriftsteller Ford Madox Ford will von Joyce und Violet Schiff die folgende Version des Dialogs gehört haben: »Sagte M. Proust: ›Comme j’ai dit, Monsieur, dans Du Côté de Chez Swann que sans doute vous avez lu …‹ Mr. Joyce machte auf seinem Stuhl einen kleinen vertikalen Hüpfer und sagte: ›Non, Monsieur…‹ Dann setzte Joyce die Konversation fort. Er sagte: ›Wie Mr. Blum [sic!] in meinem Ulysses sagt, den sie, Monsieur, zweifellos gelesen haben …‹ M. Proust vollführte auf seinem Stuhl einen etwas höheren vertikalen Hüpfer. Er sagte: ›Mais non, Monsieur.‹ Proust war wieder an der Reihe. Er entschuldigte sich für sein Zuspätkommen. Dieses sei seiner Leberkrankheit geschuldet. Er schilderte klar und in aller Genauigkeit die Symptome seiner Krankheit. ›… Tiens, Monsieur‹, unterbrach ihn Joyce. ›Ich habe fast die gleichen Symptome, außer dass in meinem Fall die Analyse …‹ So diskutierten sie bis acht Uhr morgens in perfektem Einvernehmen und voller Enthusiasmus, umgeben von ihnen ehrfurchtsvoll Ergebenen, ihre Leiden.«

Über seine Begegnung mit Proust berichtete Joyce dem Schweizer Schriftsteller und Literaturprofessor Jacques Mercanton, Proust habe nur von Herzoginnen erzählt, »wogegen ich mich vielmehr für ihre Stubenmädchen interessiert hätte.« Seinem Schriftstellerkollegen Padraic Colum erzählte Joyce, er sei im Salon gegen zehn Uhr abends eingetroffen, während um Mitternacht immer noch kein Proust zu sehen gewesen sei. »Erst um 1 Uhr morgens betrat Proust den Salon, gekleidet, so James Joyce, wie der Held von The Sorrows of Satan [Fin-de-Siècle-Roman von Marie Corelli]. Die beiden Schriftsteller wurden einander vorgestellt, und die Gesellschaft positionierte sich so, dass sie nichts von dem Gespräch verpasste. Hier kommt das, was gesagt wurde: Proust: Ah, Monsieur Joyce … Sie kennen die Prinzessin … – Joyce: Nein, Monsieur. – Proust: Ah, Sie kennen die Gräfin … – Joyce: Nein, Monsieur. – Proust: Dann kennen Sie wohl Madame … – Joyce: Nein, Monsieur. Womit das Treffen der Geistesgrößen Proust und Joyce endete.«

Der irische Maler Arthur Power überliefert in »Gespräche mit James Joyce« diese Version: »‚Ja›, sagte Joyce, ‚ich begegnete Proust einmal bei einem literarischen Diner, und als wir einander vorgestellt wurden, war alles, was er zu mir sagte: ‚Essen Sie gern Trüffel?› ‚Ja›, erwiderte ich, ‚ich esse sie gern.› Und darauf beschränkte sich das Gespräch, das die zwei berühmtesten Schriftsteller ihrer Zeit miteinander führten›, bemerkte Joyce, den dieser Vorfall offenbar höchstlich belustigte.«

Das Late Night Supper endete damit, dass Proust die Gastgeber in sein nahegelegenes Apartment einlud. Violet Schiff erinnert sich, was dann geschah: »Sobald unsere Gäste gegangen waren, folgten wir Proust in sein Taxi, Joyce stieg nach uns ein. Joyces erste Handlung bestand darin, das Fenster zu öffnen, dann zündete er sich eine Zigarette an. Sydney wollte das Fenster schließen und bat Joyce, er möge die Zigarette wegwerfen, da er wusste, dass Proust Zugluft und Qualm wegen seines Asthmas fürchtete. Schweigend beobachtete Joyce Proust, der ununterbrochen redete, ohne sich Joyce zuzuwenden. Als wir bei der Wohnung in der Rue Hamelin ankamen, sagte Proust zu Sydney: Bitten Sie Monsieur Joyce, er möge sich von meinem Taxifahrer nach Hause bringen lassen. Proust und ich gingen ins Haus und ließen Sydney und Joyce auf dem Bürgersteig stehen.«

Der Taxifahrer, der Proust und Violet Schiff zum Aufzug begleitet hatte, kehrte zurück und brachte Joyce nach Hause. Joyce und Proust begegneten einander nie wieder. »Wenn wir uns doch nur einmal hätten treffen können, um uns irgendwo zu unterhalten«, sagte Joyce später zu Samuel Beckett. Am 18. November 1922 starb Proust. Neben Joyce nahm auch der russische Dichter Wladimir Majakowski, dem Diaghilew ein Visum zur Einreise nach Frankreich besorgt hatte, an dessen Beerdigung teil.

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