Ohne Papiere auf dem Hauptbahnhof

Ukrainische Roma haben in Tschechien schlechte Karten

  • Von Jindra Kolar, Prag
  • Lesedauer: 5 Min.
Aron (r), ukrainischer Geflüchteter und Roma, spielt Tischhockey mit Jaro in einem Flüchtlingslager bei Prag. Immer mehr Roma fliehen vor dem Krieg aus der Ukraine nach Tschechien.
Aron (r), ukrainischer Geflüchteter und Roma, spielt Tischhockey mit Jaro in einem Flüchtlingslager bei Prag. Immer mehr Roma fliehen vor dem Krieg aus der Ukraine nach Tschechien.

Der Prager Hauptbahnhof wird mehr und mehr zur Zielstation ukrainischer Flüchtlinge. Hunderttausende hat der russische Angriffskrieg bereits in die Flucht getrieben. Mehr als 80 000 Ukrainer sind in der Zeit seit Kriegsausbruch in der tschechischen Hauptstadt angekommen. Unter ihnen befinden sich etwa 500 Roma – meist Frauen und viele Kinder –, die ihr vorläufiges Quartier in den Hallen des Bahnhofs und auf den Wiesen und Hängen des Parks in Richtung Innenstadt aufgeschlagen haben.

Vor allem die hygienische Situation hat sich in den vergangenen zwei Wochen dramatisch entwickelt, so dass Primator (Oberbürgermeister) Zdeněk Hřib (Piraten) nicht umhin konnte, eine Art Notstand über den Hauptbahnhof zu verhängen. Gut eine Woche ist es nun her, dass die Prager Feuerwehr ein kleines Zeltdorf im nördlichen Stadtbezirk Libeň für 150 Flüchtlinge errichtet hat.

Auf einer kleinen Brachwiese zwischen dem Studentenwohnheim 17. November«, dem Stadtring und der Troja-Brücke sind inzwischen 144 Roma-Flüchtlinge aus der Ukraine untergebracht. Das Dauerrauschen der Autobahn – hier endet die E55 aus Dresden kommend am Stadtrand von Prag – und des Stadtrings tragen nicht gerade zu einer gemütlichen Stimmung in der Notunterkunft bei. Etwas mehr als ein Dutzend Wohnzelte, gemeinsame Duschanlagen, eine Essenszelt sowie je eines für die Verwaltung und Erste medizinische Hilfe sind auf dem etwa zweieinhalb Tausend Quadratmeter großen Areal errichtet. Ein blickdichter Zaun soll Neugierige von der Povltavská-Straße abhalten, doch die Studenten vom nahe gelegenen Wohnheim haben vollen Einblick auf das Treiben im Aufnahmelager. Schon gab es erste Proteste und Beschwerden über die »Roma-Nachbarn«. Universität und Heimleitung sahen sich nach rassistischen Ausfällen genötigt, entsprechende Entschuldigungsschreiben zu veröffentlichen.

Etwa zehn Tage sollen die jetzt hier wohnenden Roma warten, bis ihre Anspruchsrechte auf Asyl geprüft werden. Denn die Lage der Ankömmlinge ist alles andere als klar: Etliche von ihnen besitzen neben der ukrainischen auch die rumänische oder die ungarische Staatsbürgerschaft. In diesen Fällen haben sie als EU-Bürger keinen Anspruch auf tschechische Sozialleistungen.

Olena, eine 25-jährige Romni, die mit ihren vier Kindern aus dem bei Luhansk gelegenen Dorf Lobatschebe nach Prag kam, berichtete von einer schauerlichen Odyssee: Zunächst war die Familie (samt Eltern, Tanten und Onkel sowie weiteren Kindern) in den Westteil der Ukraine geflüchtet. Doch in den Dörfern zwischen Lwiw und Iwano-Frankiwsk fanden sie weder Zuflucht noch Arbeit. Unzureichende Bildung – viele der Roma können weder lesen noch schreiben – sowie keine Berufserfahrung machen sie nicht gerade zu willkommenen Zuzüglern. Um Drangsalierungen seitens der Einheimischen zu entgehen, kehrten sie zunächst wieder in den Osten zurück, flohen dann aber vor dem ständigen Beschuss über Ungarn nach Prag. »Für mich und meine Kinder habe ich ukrainische Pässe«, meint Olena, »doch die Verwandten leben noch ohne Papiere auf dem Hauptbahnhof.«

Dort kümmern sich Freiwillige von der Initiative Hlavák (so wird der Hauptbahnhof von den Pragern genannt) um die Ankömmlinge. Sie helfen den Ankommenden beim Orientieren, reichen erste Erfrischungen und Essen jenen, die in stundenlangen Transporten nichts zu sich nehmen konnten. Die Freiwilligen organisieren kurzfristige Unterkünfte, helfen beim Registrieren von Flüchtlingen oder auch dabei, den Transit in Drittländer zu organisieren.

Ähnliche Arbeit leistet auch die Hilfsorganisation Konexe. »Wir sehen, dass die Zustände hier auf dem Hlavák unzumutbar sind. Frauen und Kinder müssen auf dem schmutzigen Fußboden oder draußen im Park schlafen«, erklärt Miroslav Brož von Konexe, »wir haben ihnen geraten, die Stadt zu verlassen und ihnen den Weg zum Bahnhof Prag-Holešovce gezeigt. Von dort können sie mit dem Zug nach Dresden in die Bundesrepublik fahren.« Etwa drei Dutzend der Roma haben diesen Weg bereits angetreten. Nach schlechten Erfahrungen in Tschechien wollen sie nun ihr Glück in einem Asylbewohnerheim in Leipzig probieren.

Primator Hřib baut noch auf eine andere Lösungsmöglichkeit. »Wir haben Kontakt zum Ministerpräsidenten Petr Fiala aufgenommen, um gemeinsam mit der Regierung eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge auf alle Bezirke der Republik zu organisieren.« Prag hat gerechnet auf die Einwohnerzahl bislang die meisten Geflüchteten aus der Ukraine aufgenommen. Bis Ende des Monats soll nun jedoch ein Verteilungsschlüssel gefunden werden, nach dem die Neuankömmlinge auch in den anderen Landesteilen untergebracht werden sollen. Bei den Beratungen mit der Regierung geht es auch um die Integration der Geflüchteten in den hiesigen Arbeitsmarkt, um Wohnraumbeschaffung, Sprachunterricht und soziale Absicherung. Dass dies die Kommunen nicht aus eigener Kraft bewältigen können, machte der Prager Oberbürgermeister deutlich.

Ob sich jedoch mit administrativen Schritten die dramatischer werdende Lage auf dem Prager Hauptbahnhof kurzfristig abändern lässt, ist mehr als fraglich. Sollte sich der Krieg in der Ukraine weiter zuspitzen, muss mit vielen, neuen Migranten gerechnet werden. Und als bereits im eigenen Land Verfolgte werden auch mehr Roma ins Ausland fliehen. Und auch dort werden sie sich wie Flüchtlinge zweiter Klasse fühlen, so wie sich heute schon jene aus Syrien, Afrika und Afghanistan empfinden.

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