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Vom Luxus der einfachen Dinge

Ob Körbe, Schuhe oder Backwerk: Für Vintage-Fans ist Mallorcas Hauptstadt ein Schlaraffenland

  • Von Carsten Heinke
  • Lesedauer: 7 Min.
Ein Blick in die Vergangenheit: Die Glasvitrine in der Konditorei Fornet de la Soca ist 100 Jahre alt, die Rezepte für Küchlein und Pasteten ebenso.
Ein Blick in die Vergangenheit: Die Glasvitrine in der Konditorei Fornet de la Soca ist 100 Jahre alt, die Rezepte für Küchlein und Pasteten ebenso.

Teppichstapel und ganze Haufen neuer Körbe, Hocker, Hängematten füllen die engen Räume des Geschäfts, das zugleich Werkstatt ist, und türmen sich an ihren Wänden. Selbst von der Decke baumeln – dicht gedrängt – Taschen, Schalen, Lampenschirme. Früher bäuerliche Alltagsgegenstände, sind sie heute trendy. Manche dieser dekorativen, zeitlos schönen Dinge bestehen aus Weidenzweigen. Die allermeisten aber werden aus dem starken Stroh der balearischen Zwergpalme Garballó geflochten. »Llata« nennt sich das uralte Handwerk, das die getrockneten, gebleichten und geschwefelten Blattfasern der robusten kleinen Bäume zu langlebigen Produkten verarbeitet. »Heute pflegen diese Tradition nur noch wenige im Nordosten von Mallorca, wo die Garballós wachsen«, erklärt Tomas Vidal. Die Körbe und Taschen, die er verkauft, stammen aus den Dörfern Capdepera und Artà.

Der freundliche 49-Jährige führt die Mimbrería in dritter Generation. Sein Großvater hatte sie 1926 eröffnet. Bevor in den 1970er-Jahren der Tourismus auf die Insel kam und begann, die lokale Wirtschaft zu bestimmen, gab es in der Calle Corderia zwölf Korbmachereien. Die der Vidals blieb als einzige übrig. »Viele orientierten sich damals um. Mit Möbeln für Hotels etwa konnte man mehr Geld verdienen«, erzählt Tomas, der den urigen Laden und seine Arbeit liebt. Korbgeflechte für Möbel sind mittlerweile die einzige Ware, die er selber herstellt – Reparaturen inklusive.

An seinem Werktisch im Verkaufsraum klemmt die Sitzfläche eines Stuhls. Wie beim Weben zieht der Handwerker mit einer Nadel Faser für Faser in die geometrische Struktur zwischen dem hölzernen Rahmen. Eine Kundin hält beim Stöbern inne und schaut dem stillen Mann auf die geschickten Finger. Verwundert schüttelt sie den Kopf. Immer dichter und stabiler wird das elastische Gebilde. Das feine Gittermuster, das dabei entsteht, ähnelt dem auf Tomas’ Hemd. Ein leichter Wind weht durch die Tür. Es riecht nach Meer und Stroh.

Läden aus Urgroßelterns Zeiten wie die Mimbrería Vidal wirken zwischen den modernen, eleganten Modeboutiquen und Designerstores von Palmas Innenstadt fast museal. Doch genauso wie das Mittelmeer gleich vor der Tür, die südländischen Pflanzen in den Parks und von offenen Lokalen dicht gesäumten Straßen sowie die prächtigen Fassaden ihrer Häuser, Kirchen und Paläste, sind es diese altmodischen, liebenswürdig schrulligen Geschäfte, die mit ihrer Einzigartigkeit den besonderen Charme der Insel-City prägen. So auch die Alpargatería La Concepción.

Bauernschuhe für Prinzessinnen

Kinderschuhchen, Sandaletten, hohe Schuhe, Espandrilles… Das Reich der Señora Hernández – ein winziger Verkaufsraum – ist vollgestopft mit bunter Fußbekleidung. Was nicht in die Regale passte, hat die Dame mit den schwarzen, straff nach hinten gebundenen Haaren davor gestapelt.

Weiter oben hängt die Ware einfach an der Wand. »Das sind menorquinische Avarques«, sagt die 57-Jährige im Pullover und zeigt Schuhe, die von hinten wie Sandalen, von vorn wie Pantoffeln aussehen. Manche sind auch offen, so dass die Zehen herausschauen können. »Sie sind leicht und luftig und bieten dennoch Halt«, bringt sie den Vorteil auf den Punkt.

Die Geschichte der kultigen Treter reicht zurück bis zur Antike. Denn was die berühmten balearischen Steinschleuderer, die als Söldner für die Römer kämpften, an ihren Füßen trugen, könne man als Vorläufer der Avarques bezeichnen. Später leisteten die halbgeschlossenen Sandalen auch gute Dienste bei der Feldarbeit. Im 20. Jahrhundert wurden ihre Sohlen aus ausgedienten Autoreifen hergestellt.

Von Gummi sind sie heute immer noch. Die Oberteile, ebenfalls wie anno dazumal, von weichem Kalbsleder. »Gleich geblieben ist ebenso die manuelle Verarbeitung, bei der am Ende nicht geklebt, sondern genäht wird«, erklärt die Händlerin und lässt die Schuhe wieder in einem Schachtelturm verschwinden.

Den Laden kennt sie seit ihrer Kindheit. Nach der Schule begann sie, hier zu arbeiten. Vor 13 Jahren übernahm sie ihn. Eine der treuesten Kundinnen ist Spaniens Exkönigin Sofia. »Jeden Sommer kauft sie Avarques für die Enkel«, verrät Visitación. Ein Schwarzweißfoto mit Widmung der Monarchin steht gut sichtbar hinterm Ladentisch.

Ein kulinarisches Theater

Nur ein paar Gehminuten weiter, an der Plaça Weyler beim Teatre Principal, behauptet sich ein weiteres Relikt der guten alten Handwerkszeit: die Konditorei Fornet de la Soca. Wie ein Vorhang umspielen schnörkelige Pflanzenranken das Schaufenster, von einem gleichfalls grünen Minidrachen überflügelt. Darunter prangt in großen Lettern der ursprüngliche Name des Geschäfts: »Forn des Teatres« sowie der des damaligen Inhabers Jaume Alemany. Dieser hatte 1916 das Haus im Jugendstil erneuern lassen. Dass er die die Außenansicht der »Theater-Bäckerei« dabei selbst wie eine Bühne inszenierte, war gewiss kein Zufall.

Die dramatische Fassade lockt noch immer Neugierige an. In Erwartung lukullischer Spektakel schauen sie durchs Fenster. Dahinter werfen sich perfekt gestylte »Darsteller« verführerisch in Pose: ganze Formationen runder und ovaler Küchlein, ei- und buttergoldgelb glänzend. Dahinter drängen sich Pasteten – mit schweren Früchtehüten wie korpulente Diven aufgedonnert, eskortiert von zarten Törtchen und groben, sandwichgroßen Doppelkeksen, aus deren Mitte dunkelrote Marmelade quillt.

Es öffnet sich die Tür. Ein Aromen-Potpourri von frisch Gebackenem, Zitrone, Mandeln, warmer Sahne mischt sich in die milde Mailuft und lockt ins Ladeninnere. Hinter der Glasfront einer 100-jährigen Vitrine, mit grazilen goldlackierten Zweigen aus Metall verziert, warten noch mehr Leckerbissen auf den großen Auftritt – teils im feinen Porzellan, teils auf nacktem Holz.

Ein schlanker Mann mit kahlgeschorenem Charakterkopf und weißen Bäckersachen bringt einen Mandelkuchen aus der Backstube im Keller. Weil er es ist, der hier Regie führt, erscheint Tomeu Arbona eher selten im Rampenlicht sprich hinterm Ladentisch. »Ein Gató d’ amettla«, kommentiert er feierlich und setzt sein neuestes Werk auf eine Etagere.

Neben die Kaufmannswaage stellt Tomeu eine Platte mit Cocarrois – Pasteten mit Gemüse, Pinienkernen und Rosinen. »Herzhafte Backwaren sind für Mallorca genauso typisch wie die Liaison von Salzigem und Süßem«, erklärt Tomeu. Zu verdanken habe das die Inselküche den Arabern, die hier im Mittelalter herrschten. Man findet ihre Spuren zum Beispiel auch bei einem süßen Weihnachtseintopf mit Puten- und Ferkelfleisch, zu dem Ensaïmadas – puderbezuckerte Schmalzteigschnecken – gegessen werden.

Tomeu liebt das gute Essen seiner Heimat – so sehr, dass er dafür seinen Job als Psychotherapeut an den Nagel hängte und als Bäcker und Konditor komplett von vorn begann. »Das frühe Aufstehen war dabei die größte Herausforderung«, scherzt der 56-Jährige. Erst 2010 hatte er seine zweite Karriere mit einem alten Pizzaofen in der Nachbarschaft begonnen. Seit vier Jahren gehört ihm die historische Konditorei am Theater.

Sein handwerkliches Engagement sieht der Autodidakt Tomeu Arbona vor allem als kulturelle Aufgabe. »Ich will zeigen, dass kulinarische Traditionen Teil unserer Identität sind – genauso wie die Produkte, die wir verarbeiten und essen wie auch die Landschaften, in denen sie wachsen«, erklärt er. Und weil es ihm am Herzen liegt, nützliches, verlorengegangenes Wissen wieder bekanntzumachen, bäckt der leidenschaftliche Handwerker so, wie man auf Mallorca teils schon vor Hunderten von Jahren buk.

Wie etwas Lebendiges, das Liebe braucht, hebt der Bäcker und Konditor einen großen Gugelhupf auf eine kupferne antike Ständerschale. Hinter der hundertjährigen Vitrine gleicht der noch warme runde braune Kuchen einem Schatz aus der Vergangenheit.

»Ich bin stets auf der Suche nach vergessenen Rezepten, grabe sie in Familiennachlässen, Bibliotheken oder Klosterarchiven aus und rekonstruiere sie«, beschreibt Tomeu seine Arbeit. Sich selbst bezeichnet der ambitionierte Genusskünstler als »gastronomischen Archäologen«.

Allein von dem balearischen Nationalgebäck, der Ensaïmada, kennt man dank seiner Nachforschungen heute wieder mehr als ein Dutzend Varianten, darunter eine, die wie der Schweizer Hefezopf viersträngig geflochten wird. Stets mehrere »Rekonstruktionen« aus diesem Repertoire kann man im Fornet de la Soca bestaunen und verkosten.

Da die Theater-Konditorei zu klein ist, um Tische und Stühle darin aufzustellen, lässt sich das große kulinarische Finale leider nur außer Haus in Szene setzen. Doch die Bar Central gleich nebenan ist ein prima Platz für private »Schlemmer-Kammerspiele«.

Ob zum Probieren oder nur zum Schauen und Genießen, ob handwerkliche Kleidung oder Lebensmittel: Wer solche Art von schlichten Kostbarkeiten mag, wird beim Spaziergang durch die Ladengassen Palmas mit Garantie zum glücklichen Entdecker.

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