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Violettes Wien

Die Austria feiert die Stadtmeisterschaft, in Florisdorf ist es freundlich familiär

  • Von Frank Willmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Violetter Feiertag in Wien: Die Austria beging einen erfolgreichen Saisonabschluss.
Violetter Feiertag in Wien: Die Austria beging einen erfolgreichen Saisonabschluss.

Als ich jüngst in Berlin von meinen Wiener Expeditionsplänen berichtete, kam aus der Schar meiner Bewunderer nur müdes Lächeln und Mitleid: Austrias Heimspiele sind stimmungstechnisch noch öder als die von Bayern München, ich solle zu Rapid, Vienna oder dem Wiener SC gehen. Rapid war mir zu grün, Vienna spielte auswärts und beim Wiener SC geht’s mehr ums Selbstfeiern. Warum nicht mal zur Austria, die im letzten Jahrtausend europäische Glanztaten vollbrachte?

Ab mit dem Zug nach Wien, im Böhmischen Prater eine Bierstadl-Stelze verdrückt und durch die Löwygrube ins Stadion. Vor ein paar Monden schien die Austria insolvent und wurde als Absteiger Nummer eins gehandelt. Heuer kratzte sie an der Teilnahme zum Europapokal und sorgte für mächtige Euphorie im Lager der Violetten. Tatsächlich war das Spiel gegen Sturm Graz mit über 14 000 Menschen fast ausverkauft, bereits vorm Stadion roch man die Vorfreude.

Weil auch der Grazer Auswärtsblock mit sangesfreudiger Jugend gefüllt war, ergab sich ein wundervolles Stadionerlebnis mit vielen Toren und knorker Fanfolklore. Pyro und Rauchtöpfe werden in Österreichs Liga toleriert, solange keiner seine Feuerwerkskörper auf den Rasen wirft. Das ist sehr löblich und muss unbedingt in der BRD kopiert werden. Das muntere Einräuchern auf den Rängen, garniert von Falcos »Rock me Amadeus« als Einlaufmusike, motivierte die BesucherInnen zu einem Singsang, der weit bis nach Spielende die Enten im nahen Dorfteich aufschreckte. Sehr ergreifend die 82. Minute, als auf der Anzeigetafel an Ivica Osim erinnert wurde. Der Grazer Trainer starb am 1. Mai, der gleichzeitig 113. Geburtstag des Klubs und Osims 81. Geburtstag war. Das gesamte Stadion stand auf und klatschte Beifall.

Dudinnen und Dudes, die Stimmung war überragend, auch weil beide Teams munter drauflosballerten und sechs Tore lieferten. Austria gewann 4:2. Und weil nebenher Rapid bei einer Dorfmannschaft (die einem Katzenklohersteller gehörte, sowas gibt’s nur in Österreich) abschmierte, durften die Violetten gar die Stadtmeisterschaft feiern. In Austrias Fankurve zeigten befreundete Essener Fans von Rot-Weiss mehrfach Flagge und informierten die Wiener über ihren Aufstieg in Deutschlands dritte Liga. Austria vs. Graz bot das Niveau einer guten Zweitligapartie.

Während ich mich bereits innerlich auf das beste Schnitzelbrötchen der zweiten Liga anderntags beim Florisdorfer AC vorbereitete, begleitete Austrias Freudenchor mich zur U-Bahn. Dort trafen Grazer und Wiener Fanatiker friedlich aufeinander, ohne dass diese Begegnung zu unnötigen Differenzen führte.

Am Sonntag folgte FAC auf FAK. Die zweite Liga Österreichs bewies gehobenes Regionalliganiveau, wenigstens am Tag der Expedition. Der Florisdorfer AC aus Wien gewann gegen die 2. Mannschaft des Linzer ASK vor 900 Zuschauern. Die Frühabendveranstaltung verwöhnte mich mit vier Toren, die FACer gewannen 3:1. Informationsgewinn: Die 2. Mannschaften der österreichischen Bundesligavereine dürfen nicht als solche auftreten, sondern tragen putzige Namen wie FC Juniors OÖ im Falle der Linzer.

Das Angebot an Nahrungsmitteln im Stadion war sehr oldscool. Ja, ich aß ein Schnitzel, eingeweicht in Majo und Ketchup halbwegs genießbar. Die Stimmung im Rund nenne ich freundlich, familiär verschnarcht. Ab und an sangen zwei Dutzend Unentwegte im Fanblock hinterm Tor. Der FAC wurde Vizemeister und scheiterte knapp am Aufstieg in die höchste Spielklasse. Kommende Saison spielt mit dem First Vienna FC ein weiterer Wiener Klub in der 2. Liga, dieses Derby lohnt sich dann allemal.

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