Unzufrieden mit der Gegenwart

Ein neues Album nach 20 Jahren: Soft Cell sind wieder da

Zurück, als wäre nichts passiert: Soft Cell
Zurück, als wäre nichts passiert: Soft Cell

Der überragende Titel auf dem neuen Soft-Cell-Album ist »Heart like Chernobyl«. Eigentlich ist fast jeder Titel auf diesem Album überragend, aber dieser ganz besonders. »Oh dear, I feel like North Korea in the Winter«, singt Marc Almond. Und allein schon der Einstieg mit dem tantenhaften »Oh dear …« ist Gold. Aber dass man sich fühlen kann wie Nordkorea im Winter, ist ein klarer Anwärter auf den Titel »Metapher des Jahres«. Warum sich Almond so fühlt? Die Nachrichten sind schuld: »Another horror every day«. Es ist kaum zu glauben, aber dieses Lied haben Soft Cell am 24. Februar veröffentlicht, am Tag des Kriegsbeginns in der Ukraine. Die zweite Strophe setzt noch mal einen drauf. Zuerst wird das Massengrab Mittelmeer behandelt: »People escaping the war in boats«, singt Marc Almond und ist angewidert von seiner eigenen Abgestumpftheit angesichts des unendlichen Leids, das vielen Geflüchteten widerfährt. »When I’m faced with people dying / No emotion, it’s like watching a soap«.

Und dann rechnen Soft Cell auch noch mit dem Christentum ab, denn »Jesus was a naive romancer«. Bob Dylan mag ein halbstündiges New-Age-Lied über die 60er gemacht haben, aber es ist »Heart like Chernobyl«, das tief in die Seele Mitteleuropas schaut. »Unsere Herzen«, sagt Almond in einem Interview, »haben sich in nukleares Brachland verwandelt.« Welche zentrale Stelle der Song auf dem Album einnimmt, ist auch auf dem Cover klar ersichtlich. Es zeigt das Riesenrad des verlassenen Vergnügungsparks in der ukrainischen Geisterstadt Prypjat. Die Stadt wurde 1986 nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl geräumt. Der Vergnügungspark hatte damals kurz vor der Eröffnung gestanden.

Marc Almond und Dave Ball kehren nach 20 Jahren mit einem neuen Album zurück. Von der Attitüde her könnten sie sich problemlos mit den Sleaford Mods zusammentun. Im Titelsong stellt sich Almond der kolonialen Vergangenheit des britischen Imperiums: »England was built on sorrow and pain / Slavery and ill-gotten gain«. Soft Cell sind ganz offensichtlich unzufrieden mit der Gegenwart. Das kommt auch im Song »Bruises On My Illusions« zum Ausdruck. Wer sich die Illusion macht, die Welt könnte ein besserer Ort werden, der kann sich schon den einen oder anderen blauen Fleck holen. Desillusionierung ist das große Thema des Albums. In dem Song »Polaroid« etwa geht es um eine enttäuschende Begegnung mit Andy Warhol in Los Angeles Anfang der 80er Jahre, aus dem Dave Ball und Marc Almond ein wunderschönes kleines Drama basteln.

»Lass uns wieder old-school-mäßig vorgehen und zu analoger elektronischer Musik zurückkehren, die weiträumig ist und nicht so steril klingt«, beschreibt Almond im Interview mit dem »BR« das Konzept des Albums. Dave Ball ist es gelungen, den typischen Soft-Cell-Sound zu rekreieren. Als hätte es Techno oder Eurodance nie gegeben, tuckern und blubbern die Roland- und Korg-Synthies. Wohltuend ist die sanft programmierte Drum-Machine. Almond hat das Operettenhafte seiner Soloarbeiten in diesen Sound integriert. Aus dem Rahmen fällt die Arbeit mit den Pet Shop Boys. »Purple Zone« erinnert an die Pet-Shop-Boys-Version des Elvis-Hits »Always On My Mind«. Trotzdem schön.

Der Song »Nostalgia Machine« ist ein netter End-70er-Discosong im Stil von »Relight my Fire«. Aber der Titel beschreibt auch sehr gut, was das Album für seine Hörer*innen sein könnte. Der Begriff Nostalgie leitet sich bekanntlich aus dem lateinischen Wort für Heimweh ab. Und viele werden beim Sound dieses Albums Heimweh nach den 80ern haben. Vielleicht gibt diese nostalgische Maschinenmusik ihren verlorenen Illusionen in Almonds Texten ein Zuhause in der Gegenwart. Wie jedes gute Protestalbum könnte man von diesem Zuhause aus entschlossen und getröstet in die Zukunft blicken. »Wir fragen uns: ›Wohin geht die Reise?‹«, meint Almond. »Wo finden wir unser neues Eden – diesen Ort, an dem wir glücklich sein können? Wir leben in einer wirklich seltsamen Zeit.«

Soft Cell: »Happiness Not Included« (BMG)

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