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»Die Deutschen haben uns ein Drama vererbt«

Prinzessin Marilyn Douala Manga Bell über Folgen und Aufarbeitung des Kolonialismus in Deutschland und Kamerun

  • Von Paul Dziedzic
  • Lesedauer: 7 Min.
Marilyn Donala Marya Bell aus dem Kamerun besucht im Treptow-Museum die Dokumentation über die Deutsche Kolonial-Ausstellung im Treptower Park von 1896.
Marilyn Donala Marya Bell aus dem Kamerun besucht im Treptow-Museum die Dokumentation über die Deutsche Kolonial-Ausstellung im Treptower Park von 1896.

Sie kommen gerade von der Ausstellung »Zurückgeschaut«, bei der es um die Erste Deutsche Kolonialausstellung von 1896 in Berlin-Treptow geht. Was sind Ihre Eindrücke?

Prinzessin Marilyn Douala Manga Bell: Ich war beeindruckt davon, wie über die Geschichte der Beziehungen zwischen Deutschland und Afrika gesprochen wurde – auch über die Gewalt in der deutschen Kolonialzeit. In Kamerun haben wir wenige Informationen darüber.

Jean-Pierre Félix-Eyoum: Du sprichst natürlich positiv darüber, weil du diplomatisch sein musst. Ich finde es auch notwendig anzuerkennen, was die Deutschen heute tun, aber man darf nicht vergessen, dass sich hier noch vor einigen Jahren viele absolut weigerten, sich mit dem Kolonialismus auseinanderzusetzen.

Douala Manga Bell: Genau aus diesem Grund finde ich die Erinnerungsarbeit, die hier geleistet wird, so gut. Durch die Bemühungen zu forschen und der Öffentlichkeit die Ergebnisse zugänglich zu machen und sich auch mit der Gewalt auseinanderzusetzen, entdecken wir, die wir außerhalb Deutschlands leben, diese Geschichte, wenn wir hierher kommen. Ja, es gibt noch Hindernisse, aber es passiert etwas. Derzeit gibt es Forderungen und Verhandlungen, und deshalb muss man die Dinge positiv sehen und anerkennen, dass beide Seiten vorankommen.

Félix-Eyoum: Klar, da stimme ich zu!

Aber finden Sie es nicht schade, dass man diese Ausstellungen und Archive nur hier und nicht in Kamerun oder anderen Ländern sehen kann?

Douala Manga Bell: Derzeit – und da spreche ich von Kamerun, nicht ganz Afrika – gibt es wenige Schritte, diese Vergangenheit zu erforschen. In den Geschichtsbüchern und in den Schulbüchern gibt es hier und da ein paar Zeilen über die deutsche Zeit. Ich persönlich halte es aber für unerlässlich, dass wir Kameruner die deutsche Zeit näher untersuchen, denn sie ist entscheidend dafür zu verstehen, wer wir heute sind. Im deutschen Kolonialismus entstand unsere heutige Staatsform und wir gerieten in das europäische Wirtschaftssystem. Und es waren die Deutschen, die die Grenzen Kameruns geschaffen haben.

Gibt es in Duala Erinnerungsarbeit, die sich mit dieser Zeit beschäftigt?

Douala Manga Bell: Es gibt Menschen, die sich für Vermittlung und Dokumentation engagieren. Zu erwähnen sind da der Verein Afric Avenir von Prinz Kum’a Ndumbe III und meine Initiative, Doual’art. Die Dokumentation hier in Deutschland ist wichtig für uns, auch weil das Wissen über den Einfluss Deutschlands, vor allem auf die politische Kultur Kameruns, verloren geht.

Was meinen Sie damit genau?

Douala Manga Bell: Was die ersten Kolonisten, die Deutschen, uns aufzwangen, war, dass wir uns als minderwertige und »unreife« Menschen sahen. Wir haben eine Regierung, die immer noch das Gleiche tut. Die politische Kultur ist immer von der Gewalt geprägt, die Machthaber einem Volk auferlegen, das praktisch keine Rechte hat. Die Deutschen haben uns ein zentrales Drama vererbt, nämlich die Privatisierung des Bodens. Wir hatten eine gemeinschaftliche Verwaltung des Landes, die wir verloren haben. Heute bringen sich die vielen Gemeinschaften des vielfältigen Kameruns gegenseitig um wegen des Zugangs zu diesem Privateigentum. Damals hat man uns glauben lassen, dass das Leben nur im Ausland besser sein kann. Manche glaubten – und glauben es noch heute – dass man den Ozean überqueren muss, um diese bessere Welt zu erreichen. All die Fragen von Migration, über die wir heute sprechen, sind in dieser Zeit entstanden.

Wenn es diese kolonialen Kontinuitäten gibt, welche Chancen bietet Erinnerungsarbeit in Kamerun?

Douala Manga Bell: Ich würde mir wünschen, dass wir in Kamerun eine gemeinsame Sprache finden, dass wir verstehen, unser Ausgangspunkt als Gemeinschaft ist die deutsche Kolonialzeit. Es ist die Ära, in der wir auf den falschen Pfad gelangten, zum einen wegen der Gewalt der Kolonialisten, zum anderen weil wir das neue Leben akzeptierten und aufgaben, wer wir waren. Wir können die vorkoloniale Zeit nicht zurückbringen. Deshalb interessiert mich mehr die Frage, was es heute bedeutet, kamerunisch zu sein. In meiner Erinnerungsarbeit stehen vor allem die jungen Generationen im Vordergrund. In Duala gibt es viele alte Kolonialgebäude. Wir zeigen ihnen die Spuren der Kämpfe und des Widerstands, von denen diese Kolonialgebäude zeugen. Ich finde es immer wieder beeindruckend zu sehen, wie sich die Perspektive der jungen Menschen verändert. Sie sind sich auf einmal bewusst, dass sie Teil der Geschichte sind. Sie gehen aufrecht aus unseren Ausstellungen heraus, mit größerer Neugier auf die Welt. Das macht mich sehr stolz.

Der Name Rudolf Duala Manga Bell wird in Deutschland langsam bekannter. Sehen Sie sich auf dem gleichen Pfad wie er?

Douala Manga Bell: Das sehe ich schon: Immer mehr Kameruner erkennen sich in dieser Geschichte wieder. Sie kannten Rudolf Duala Manga Bell bisher als Helden, aber jetzt
sehen sie sich selbst in dieser Geschichte. Duala Manga hat es geschafft, ein Gemeinschaftsgefühl von der Küste bis ins Landesinnere zu schaffen, und das in einer Zeit, in der es nur wenige Straßen und keine Flugzeuge gab. Heute geht es dem Land nicht gut, und es ist wichtig, dass die Menschen den Schmerz und die Gewalt in Worte fassen können, indem sie seine Arbeit fortführen.

Was können die jungen Menschen über das Leben von Rudolf Duala Manga Bell lernen?

Douala Manga Bell: Dass er aus einer Familie von Visionären stammt. Duala Manga Bells Großvater, der König Ndumbé Lobé, wusste, dass es unvermeidlich war, dass eine fremde Macht sich dort niederlassen würde. So schrecklich es auch ist, die Souveränität aufzugeben – er handelte die Bedingungen dafür aus. Er schickte seinen Enkel Duala Manga nach Deutschland, damit er diese Welt versteht, immer mit dem Ziel, sich nicht von anderen beherrschen zu lassen. Wir mussten die Kultur und die Art und Weise, wie die Deutschen wirtschaften, beherrschen lernen. Aber die Machtverhältnisse waren so gelagert, dass das scheiterte. In der Arbeit, die ich mache, zeige ich den jungen Menschen aber nicht nur die Fakten der Geschichte, sondern auch die lokalen Strategien und Widerstände. Das führt dazu, dass die Kinder nach den Gesprächen wissen, dass es diese Klugheit gab und dass es das Machtbestreben des Kolonialismus war, das diese Klugheit zerstörte.

Sie stehen an der Spitze einer Petition, um Rudolf Duala Manga Bell in Deutschland zu rehabilitieren. Wie wichtig ist Ihnen diese Initiative?

Douala Manga Bell: Sehr wichtig, weil wir jetzt den Rhythmus und den Gesprächspartner wechseln. Unterhielten wir uns vorher mit der Gesellschaft, wenden wir uns nun der Politik zu, von der wir erwarten, dass sie eine Entscheidung trifft und sich der Verantwortung für die Taten ihres Vorgängers annimmt.

Félix-Eyoum: Wir, die Initiatoren, dachten, dass die Petition mehr Bedeutung erlangen würde, wenn die Prinzessin sie übergeben würde.

Sind Sie im Kontakt mit der Bundes-
regierung?

Douala Manga Bell: Wie es der Zufall so will, hatte ich vom Goethe-Institut eine Auszeichnung bekommen. Und über Umwege kam es dazu, dass das Institut die Regierung kontaktierte. Wichtig zu betonen ist, dass es bei der Petition nicht um Reparationen geht. Einige beziehen sich ja positiv darauf, dass es eine Wiedergutmachung geben muss, und andere denken, »da kann man Geld verdienen«. Wir bewegen uns nicht auf dieser Ebene. Wir wollen den Menschen, die einen gerechten Kampf geführt haben, ihre Würde zurückgeben. Und noch etwas: Wenn wir heute über Rudolf Duala Manga Bell reden, dann sind es die Verdienste von Jean-Pierre Félix-Eyoum, weil er schon lange dazu arbeitet.
Félix-Eyoum: Aber nein!

Douala Manga Bell: Doch! Du hast mir vorhin ein Kompliment gemacht, dann kann ich dir eins zurück geben (lacht). Wie lange arbeitest du schon daran?
Félix-Eyoum: Seit ungefähr 1990.

Douala Manga Bell: Seit über 30 Jahren! Vieles von dem, was wir heute wissen, stammt von all der Arbeit, die er gemacht hat.

Was ist das erste, was Sie tun, wenn Sie wieder zu Hause sind?

Douala Manga Bell: Ich bereite die Gedenkfeier für Duala Manga Bell am 8. August vor. In dem Zusammenhang wurde ich gebeten, eine Expertengruppe zusammenzustellen, damit wir in den Diskussionen um die Rehabilitation vorankommen.

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