Problematisch, aber mit Potential

Geht man bei Germany's Next Topmodel nicht auf die geäußerte Kritik ein, verbleibt das Format in einer beknackten Parallelwelt

Die diesjährige Staffel von Heidi Klums "Germany's Next Topmodel" stand unter dem Motto Diversität. Gewonnen hat eine junge, blonde, weiße Frau.
Die diesjährige Staffel von Heidi Klums "Germany's Next Topmodel" stand unter dem Motto Diversität. Gewonnen hat eine junge, blonde, weiße Frau.

Es ist eine Sendung, an der sich vermeintlich nicht die Geister scheiden: »Germany‹s Next Topmodel« (GNTM), das bekannte Pro7-Format, das seit 2006 ausgestrahlt wird und regelmäßig Kritiker*innen auf den Plan ruft. Dabei könnte alles so schön sein – wenn die Sendung sich zukünftig komplett an Zahn der Zeit anpassen würde, anstatt immer wieder miese Fehler von vorgestern zu wiederholen.

Doch der Reihe nach: Just lief wieder das Finale der aktuellen Staffel GNTM und seit einigen Wochen brodelt es in der Kritiker*innen-Küche. Falls sie Germany‹s Next Topmodel noch nie gesehen haben – kein Problem, der Plot ist schnell erklärt: Frauen treten gegeneinander an, um Deutschlands nächstes Top-Model zu werden. Es gibt Fotoshoots, Styling-Termine und natürlich jede Menge Zickenkrieg. Am Ende gewinnt nur ein Model. Heidi Klum ist latent peinlich, aber gut gelaunt und hat den Frauen gegenüber einen sehr harschen Ton drauf, damit auch alle verstehen: Das einzige Topmodel hier ist natürlich immer noch sie. In der letzten Folge der letzten Staffel sang Klum dann auch noch ein unfassbar schräges Cover von Rod Stewart, und ihr Ehemann Tom Kaulitz begleitete sie dazu am Piano. Ein Fremdschäm-Moment der Extraklasse war geboren – dazu verdammt, in den sozialen Medien als fürchterliches Meme unsterblich zu werden.

Es könnte also alles ein bisschen peinlich, aber trotzdem schön und vor allem unterhaltsam sein. Aber natürlich glitzert nicht alles in der Topmodel-Anwärterinnen-Welt: Ehemalige Teilnehmer*innen berichten von Mobbing, Manipulationen und Körperverletzungen wegen unterlassener Hilfeleistungen und kritisieren neben dem Haussender Pro7 insbesondere Heidi Klum. Das Boulevard-Feuilleton stellte sich daraufhin bereits die Frage, ob man GNTM noch gucken dürfe. Und sogar der bekannte YouTuber Rezo, der sonst dafür bekannt ist, mit seiner Reichweite größere Kaliber (Parteien und Co.) anzugreifen, fühlte sich dazu berufen, so etwas wie ein neues GNTM-»Zerstörungsvideo« in die Weiten des Internets zu schicken. Rezo, an dem anscheinend seit Jahren sämtliche Kritik an der Sendung komplett am Hintern vorbei gegangen ist, konnte seine Empörung nicht im Zaum halten. Er komme »nicht auf sein Scheissleben klar, dass diese Sendung noch nicht abgesetzt wurde!«

Und ja: Die Sendung ist in die Jahre gekommen und in vielerlei Hinsicht natürlich problematisch. Zwar hat sich GNTM in den vergangenen Jahren teils positiv entwickelt – etwa was die Diversität der Kandidat*innen betrifft. Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass Teile des Formats wie ein merkwürdiges Artefakt vergangener Zeiten erscheinen. Heidi Klum schwingt zu dieser Ewiggestrigkeit stolz das Zepter. Und trotzdem: Ich glaube nicht, dass GNTM die schlimmste und rückständigste Fernsehsendung aller Zeiten ist. Ich glaube sogar, dass das Format trotz aller fiesen Macken schon immer mehr progressives Potential hat und hatte, als man ihm unterstellt.

TV-Sendungen leben unbestritten von der ideologischen und ökonomischen Ausbeutung ihrer Inhalte – »Germany‹s Next Topmodel« genauso wie »Aktenzeichen XY … ungelöst«. Es ist dennoch interessant, dass vor allem ein Format wie GNTM, das vor allem Frauen anschauen, so viel Fett wegbekommt. Die Autorin Deborah Antmann lobte vor einigen Jahren, dass GNTM eins der wenigen Formate ist, in denen Frauen im Fokus stehen – und zwar alle Frauen, auch trans Frauen und viele Frauen mit Migrationshintergrund. Sie äußerte auch ihre ambivalenten Gefühle zu dem Umstand, dass vor allem Frauen immer für ihre Karrierewünsche in derartigen Unterhaltungsformaten kritisiert werden. Und sie hat recht: Anstatt auf Formaten, die sich explizit an Frauen richten, nur herumzuhacken, sollte man regelmäßig den Sender darauf hinweisen, dass es besser geht.

Die mutigen Teilnehmerinnen, die jetzt über ihre schlechten Erfahrungen sprechen, machen damit einen Anfang. Anstatt gegen sie vorzugehen, könnte Pro7 von den Rückmeldungen einiges lernen. Sonst verbleibt Klums »Germany‹s Next Topmodel« in einer beknackten Parallelwelt, in der vor langer Zeit noch Nulldiäten und der Impetus das Feld beherrschte, Models müssten sich latent schlecht fühlen und für den Job leiden.

Dass es auch anders geht, beweisen die Teile der Modewelt, die sich an Vielfalt, Body Positivity und Anti-Photoshop-Ästhetik orientieren. Hier schien GNTM auch teilweise seine Hausaufgaben gemacht zu haben. Und wenn man es mal hinbekommen würde, die Teilnehmerinnen der Sendung halbwegs anständig, vielleicht sogar GUT zu behandeln, dann könnten wir ein sehr nettes Fernsehformat bekommen, das dieselben positiven Vibes verbreitet wie das unproblematischste TV-Event der Welt: »Das große Backen« auf VOX.

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