Werbung

»Der Missbrauch in der katholischen Kirche ist nicht zu Ende«

Gutachten zum Bistum Münster gibt Überblick zu Übergriffen seit 1945

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 5 Min.
Münsters Bischof Felix Genn wurde nach Betroffenen und Medien über die Missvrauchsstudie informiert. Er kündigte Konsequenzen an.
Münsters Bischof Felix Genn wurde nach Betroffenen und Medien über die Missvrauchsstudie informiert. Er kündigte Konsequenzen an.

Viel ist in den vergangenen Jahren über Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Geistliche geschrieben worden. Auch manches Gutachten wurde erstellt. Etwa in den Bistümern Köln und München. Nun hat das Bistum Münster nachgezogen. Am Montag wurde dort ebenfalls eine Studie veröffentlicht. Die Untersuchung aus Münster unterscheidet sich allerdings von den Veröffentlichungen aus anderen Bistümern. Sie stammt von einem Team aus Historikern und Sozialanthropologen um Prof. Dr. Thomas Großbölting, der an der renommierten Forschungsstelle für Zeitgeschichte der Universität Hamburg forscht. Großbölting und seinem Team wurden die Archive des Bistums geöffnet. Bei der Präsentation der Studie am Montag lobte der Wissenschaftler die Zusammenarbeit mit dem Bistum.

Noch etwas unterscheidet die Studie aus Münster, etwa vom Gutachten aus Köln. Dort hatte der Erzbischof Kardinal Woelki das Gutachten erst einmal unter Verschluss gehalten. Das Münsteraner Gutachten wurde, obwohl vom Bistum finanziert, als erstes Betroffenen vorgestellt, dann den Medien präsentiert und erst in einem dritten Schritt an Bischof Felix Genn übergeben. Wie wichtig ein klarer Ablauf den Forschern ist, war auch daran zu merken, dass Großbölting bei der Präsentation einen Vorfall erwähnte, der leicht als Bagatelle abgetan werden kann. Eine zu früh ausgelieferte Buchversion der Studie gelangte zu jemandem im Umfeld des Bistums, der Fotos von Inhaltsverzeichnis und Personenregister an zwei Kirchenmitarbeiter verschickte. Diese meldeten sich bei den Forschern und löschten die Bilder umgehend. Ein Beispiel dafür, wie sensibel die Kommunikation über Missbrauch in der Kirche ist.

Die von den Wissenschaftlern präsentierten Zahlen machen das Ausmaß des Missbrauchs deutlich. 196 Geistliche, die weit überwiegende Zahl sind Priester, sind in der Zeit von 1945 bis 2020 zu Tätern geworden. Das sind fast 4,5 Prozent der Priester, die in diesem Zeitraum im Bistum Münster tätig waren. Die Forscher kommen dabei auf 610 Betroffene, betonen allerdings, dass sie nur ein erweitertes Hellfeld untersucht haben. Das Dunkelfeld könne bis zu zehnmal höher sein, so ihre Einschätzung. Drei Viertel der Missbrauchsopfer waren männlich, ein Altersschwerpunkt liegt bei den 10- bis 14-Jährigen. Angebahnt wurde ein Großteil der Taten in der kirchlichen Jugendarbeit oder bei der Seelsorge, etwa bei Beichten. Etwa 40 Prozent der Priester missbrauchten mehr als ein Kind. Nur 15 der 196 Geistlichen wurden von ordentlichen Gerichten verurteilt. Über 90 Prozent wurden nie belangt. Noch gravierender: In 145 Missbrauchsfällen wussten die Münsteraner Bischöfe früh Bescheid. Schwerwiegende Folgen hatte das für die Priester nur selten. Es habe eine »Neigung zur mündlichen Absprache« gegeben, stellten die Wissenschaftler fest. Geistliche, die zu Tätern wurden, seien ermahnt, versetzt oder in den Urlaub geschickt worden. Suspendierungen habe es nur selten gegeben.

Die Wissenschaftler attestieren allen Bischöfen in Münster, sich mitschuldig gemacht zu haben. Sie seien ihrer zentralen Verantwortung nicht gerecht geworden. Ihr Fokus habe darauf gelegen, Skandale zu vermeiden, man habe »keine schmutzige Wäsche waschen« wollen. Mehrfach hätten sich Priester »dem Zugriff der Justiz mit Wissen des Bischofs entziehen« können. Und auch nach dem Bekanntwerden von Missbrauchstaten, sogar nach Verurteilungen, seien Pfarrer wieder seelsorgerisch tätig geworden.

Bei ihrer Kritik nehmen die Forscher auch Münsters aktuellen Bischof Felix Genn nicht aus. Genn ist seit 2009 im Amt. In seinen ersten Jahren sei er Tätern, die »Reue zeigen«, nicht mit der »kirchenrechtlich gebotenen Strenge« begegnet, so der Historiker Klaus Große Kracht. Zwei Fälle seien nicht, wie eigentlich vorgeschrieben, an den Vatikan gemeldet worden. Inzwischen befolge der Bischof aber das Kirchenrecht und mache sich für eine Aufarbeitung stark. Ganz ohne Konflikte und Verletzungen passiert das allerdings noch immer nicht. Im Umgang mit Betroffenen komme es weiterhin zu Kommunikationsschwierigkeiten und Retraumatisierungen.

Genn selbst ergriff am Montag, nachdem ihm die Studie übergeben worden war, kurz das Wort. Er erklärte, dass er nicht erwarten könne, »dass Betroffene sexuellen Missbrauchs eine Bitte um Entschuldigung durch mich annehmen«. Mit dem Eingeständnis von Fehlern und »ehrlicher Reue« müsse »eine wirkliche Umkehr verbunden sein«. Genn versprach, weitere Konsequenzen im Umgang mit sexuellem Missbrauch ziehen zu wollen. Daran wolle er sich messen lassen. Am kommenden Freitag will er erste Maßnahmen vorstellen.

Matthias Katsch von der Betroffeneninitiative »Eckiger Tisch« fühlt sich durch die Ergebnisse der Studie aus Münster in seiner Auffassung bestätigt, dass es nicht sein könne, dass die »Täterorganisation« katholische Kirche mit »freiwilligen Gutachten« die Aufarbeitung in der Hand behalte. In Münster sei das zwar »nach dem ersten Eindruck gelungen«, in anderen Bistümern sei die Kirche aber weit davon entfernt. Auch für ihr »Wegsehen und Vertuschen« müsse die Kirche endlich »angemessenen Schadensersatz leisten«, so Katsch. Der Betroffenenvertreter ist nicht der einzige, der positiv auf die Studie aus Münster reagiert. Allgemein wird sie für ihren historisch-sozialanthropologischen Ansatz gelobt. Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) erneuerte ein Angebot, die Kirche bei der Aufarbeitung zu unterstützen. Mitglieder des Zentralkomitees deutscher Katholiken bezeichneten die Studie als eine Möglichkeit zum Beginn der Aufklärung, die erst möglich sei, wenn »die Bereitschaft zu einer kritischen Innen-Revision da ist«.

Ob das so ist, kann durchaus in Frage gestellt werden. Die Wissenschaftler ziehen jedenfalls ein ernüchtertes Fazit. Der Aufklärungswille sei von außen, durch Betroffenengruppen und die Öffentlichkeit an die Kirche herangetragen worden. Es handele sich um einen »erzwungenen Lernprozess«. Die Kirche stehe weiter vor großen Herausforderungen. Probleme und ihre Ursachen würden nicht angesprochen. Sexualisierter Missbrauch und Machtmissbrauch seien »noch lange nicht zu Ende«.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal