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Körperformen und klare Linien

Im Berliner Georg Kolbe Museum scheinen Skulpturen, Vegetation und Architektur miteinander zu interagieren

Hier harter Steinguss, dort zarte Pflanzen: Ausstellungsansicht im Georg Kolbe Museum
Hier harter Steinguss, dort zarte Pflanzen: Ausstellungsansicht im Georg Kolbe Museum

Bau, Kunst und Vegetation – dieser Dreiklang steht im Zentrum der Ausstellung »Künstliche Biotope. Lehmbruck, Kolbe, Mies van der Rohe & Anne Duk Hee Jordan« im Georg Kolbe Museum in Berlin-Charlottenburg. Das frühere Atelierhaus des Bildhauers Georg Kolbe ist selbst schon ein Schnittpunkt von gebautem Ambiente, gewachsenem Grün und bildhauerischem Werk. Denn sowohl den Garten als auch das Gebäude selbst füllen viele Plastiken Kolbes. Die aktuelle Sonderausstellung fügt den Wechselbeziehungen zwischen ihnen noch etwas hinzu.

Es gibt dabei zweimal jeweils zwei künstlerische Werke, die miteinander zu interagieren scheinen. Zum einen werden Skulpturen des 1881 geborenen Bildhauers Wilhelm Lehmbruck mit installativen Arbeiten der zeitgenössischen Künstlerin Anne Duk Hee Jordan konfrontiert. Die Pflanzen, die Teil von Duk Hee Jordans Installationen sind, scheinen zu den filigranen Figuren Lehmbrucks geradezu hinzustreben. Das Grün sprießt aus Löchern eines weißen Materials. Ein Wasserstrahl endet in einem kleinen Brunnen. Permanente Bewegung zeichnet die Installation aus – ganz so wie in einem Garten, in dem Efeu, Gräser und Sträucher sich aufgestellten Skulpturen und Plastiken nähern. Durch bewegte Spiegel in der Installation fällt konzentriertes Licht auf die Pflanzen. Das mag ihren Photosynthesekreislauf anregen und weiteres Wachstum stimulieren. Die langsam rotierenden Spiegel wirken aber auch als Bildfänger. Sie rücken sowohl den Himmel als auch die umstehenden Skulpturen ins Blickfeld. So verschwimmen die Grenzen zwischen drinnen und draußen, zwischen wachsendem Organischen und fertig gestaltetem Anorganischen.

Das andere Dialogpaar der Ausstellung besteht aus Arbeiten Kolbes und des Architekten Ludwig Mies van der Rohe. Die beiden Zeitgenossen, Kolbe wurde 1877 neun Jahre vor Mies van der Rohe geboren, arbeiteten zu Lebzeiten sogar direkt miteinander. Kolbes Frauenfigur »Morgen« zierte etwa den Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe. Dieser kann wegen seiner farbigen Materialien als opulentes Gegenstück zur kürzlich renovierten Neuen Nationalgalerie in Berlin, ebenfalls von Mies van der Rohe entworfen, gelten. Der Barcelona-Pavillon entstand aus Anlass der Weltausstellung 1929. Kolbes aufrechte Plastik mit den dennoch fließenden Körperformen stand in dem Bau in einem reizvollen Kontrast zu den sachlich klaren Formen der Architektur. Sie verlieh, wie zeitgenössische Beobachter schwärmten, dem Raum Spannung und ließ seine Klarheit hervortreten. Im Georg Kolbe Museum wurde die räumliche Situation des Barcelona-Pavillons mit Mitteln der Fotografie und einem Abguss der Figur nachgebildet. Eindrucksvoll ist das die ganze Wand bedeckende Foto, das über der Treppe hängt und den Pavillon mit der Skulptur zeigt.

Auch bei der Berliner Bauausstellung 1931 kooperierten der Architekt und der Bildhauer. Kolbes Skulptur »Große Laufende« stand an einem Wasserbecken in einer Erdgeschosswohnung und diente als Bezugspunkt im Raum. Mies van der Rohes Verwendung der Plastik ging über eine bloße Ausstattung des Raumes weit hinaus. Vielmehr ging es darum, Bezüge zwischen den Linien und Formen im Raum herzustellen und so eine Dynamik zu entfachen. Auch hier ging es um Fließendes und Wachsendes – ganz so wie in Duk Hee Jordans Auseinandersetzung mit Lehmbrucks Arbeiten.

Fotos von Mies-van-der-Rohe-Bauten sowie Aufnahmen vom Kolbe-Raum im 1931 abgebrannten Münchner Glaspalast – einem der ersten Bauwerke aus Stahl und Glas in Europa – ergänzen die Ausstellung. Auch Auszüge aus einem Essay von Kolbe zum Verhältnis von Architektur und Bildhauerei werden präsentiert. Der liest sich in Teilen, als sei er heute geschrieben worden. Kolbe wehrt sich darin gegen den Missbrauch von Plastik und Skulptur als »Dekorationselement der Architektur«. Er würdigt die Schule der Sachlichkeit in der Architektur, auch wenn sich diese in erster Linie aus ökonomischer Sparsamkeit herausgebildet habe. Abfällig urteilt er über Dekorationselemente, die Stukkateure, »selbst die besseren«, massenhaft aus Großlagern bezogen. Dagegen präferiert er Spannungsbezüge zwischen weitgehend leeren Wänden und einzelnen bedacht platzierten Objekten. »Ist hier und da eine leere Wand, so ist sie gewollt. Nicht jedes weiße Blatt muss beschrieben sein. Neues Bauen und Plastik vertragen sich vortrefflich«, argumentiert er – und führt als Beweis gerade seine Zusammenarbeit mit Mies van der Rohe an. In Bezug auf die Einfügung seiner Arbeiten in Räume von Mies van der Rohe heißt es in dem Essay: »Beste Ergänzung – also gegenseitige Bereicherung. Ich verlange vom Baumeister nicht Wandfläche, sondern Raum.«

In der Vierfach-Ausstellung im Kolbe Museum lassen sich diese Raumbezüge zwischen Bildhauerei und Architektur eindrücklich nachvollziehen. Dass Skulpturen auch mit vegetativer Installationskunst auf überraschende Weise zusammenwirken können, zeigt die Zusammenführung der Arbeiten von Lehmbruck und Duk Hee Jordan.

»Künstliche Biotope. Lehmbruck, Kolbe, Mies van der Rohe & Anne Duk Hee Jordan«, bis 28. August, Georg Kolbe Museum, Berlin

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