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Zurück geht nicht

Weg mit der kapitalistischen Maskerade: In »Die Arbeit der Vögel« sucht Marica Bodrožić den »Fluchtweg der Freiheit« auf den Spuren von Walter Benjamin

Gedenkstätte für Walter Benjamin in Portbou in Spanien
Gedenkstätte für Walter Benjamin in Portbou in Spanien

Nach ihrer poetischen Lockdown-Reflexion »Pantherzeit« schickt Marica Bodrožić ihr Erzähl-Ich auf die Spuren von Menschen wie Hannah Arendt oder Walter Benjamin, die als Geächtete und von den Nazis Verfolgte gezwungen waren, durch die Pyrenäen zu wandern. Während sie diesem »Fluchtweg in die Freiheit«, den der französische Staat mittlerweile zu einem Wanderweg, dem »Chemin Walter Benjamin« machte, nachfolgt, überlässt sie sich ganz ihren Gedanken. Dass ihr dabei das Herz ganz auf der Zunge liegt, ist wichtig, denn die »empfundene Sprache« des Menschen ist für sie sein Menschlichstes.

Und dann wächst in ihrem Bauch auch neues Leben, eine weitere Herausforderung. Dem beschwerlichen Aufstieg im kalten Februar hält, beziehungsweise spricht sie als »Wärmeformel« ein »Nach-Innen-Sprechen« entgegen, wohlwissend, dass es kein Zurück geben wird, keine Wahlmöglichkeit der Umkehr, so wie es für Benjamin und andere Menschen auf der Flucht nur das Weitergehen gab. Als staatenlose, verstoßene, vogelfreie Menschen waren sie abhängig von Hoffnung, Durchhaltevermögen und der Hilfe Einzelner.

Diese Gedanken rufen Erinnerungen an Lisa Fittko wach, die als Fluchthelferin durch die Pyrenäen führte, oder an Aristides de Sousa Mendes, der als Generalkonsul in Bordeaux Tausenden Menschen ein Visum ermöglichte. In ihrem »Gedankenkoffer« führt die Erzählerin auch Sätze mit, deren Sinn sich ihr auf dem Weg in neuem Licht zeigen. Sie entdeckt eine »geistige Flora und Fauna«, in der Lebende und Tote »einen zeitlos wirksamen Ereignisraum« herstellen, »ein auratisches, lebendiges und in fortwährender Bewegung neu entstehendes Lebensgefüge«. So wie sie sich meditativ der Freiheit ihrer Gedanken hingibt, die sie sprachlich neu zu erschließen und zu verknüpfen sucht, kreisen ihre Denkbewegungen auch um das Eingesperrtsein, um Dichter wie Ossip Mandelstam, dessen »Unbeugsamkeit« »nicht ermordet werden« konnte.

Dieses Unbeugsame und Widerständige erscheint ihr als Potenzial, um sich von dem Ballast der selbstauferlegten oder kapitalistisch erzeugten Maskerade zu befreien. »Es müsste eine alltagstaugliche Herzenseinübung geben, eine Art Lebensfach, so wie es ein Schulfach gibt, das uns neu darauf ausrichtet, wie wir Gedanken und Bilder den akribischen Spezialisten entwinden und wieder so sehen lernen können, wie es uns am Anfang des Lebens zuteil geworden ist: überlappend, unlogisch, wildwild […]«.

Ihr Voran entpuppt sich also als Zurück in die wilde, nicht der Expertenlogik unterworfene Kindheit. Hier und an anderen Stellen mögen Verbindungen zu Worten, Gedanken und Motiven Walter Benjamins bestehen, doch nicht immer lässt sich dieser wild aufgeworfenen Unlogik folgen, zumal der Denk- und Sprachweg, der hier beschritten wird, sich eigenwillig und eigenwillig sprunghaft gestaltet. Was die Erzählung zu häufig voraussetzt, ist eine quasi magische und fruchtbare Überkreuzung von Positionen und Perspektiven. So imaginiert sich die Erzählerin an einer Stelle, »zwei Menschen als kleine Erdenplanenten (…), die sich aufeinander zubewegen«, wobei aus dieser Logik folgt, dass »das, was in dieser Bewegung zwischen ihnen geschieht, die Schnittmenge [ist], aus der sie beide neu hervortreten können, aus der sie andere Impulse und ein neues Denken wie Früchte ernten können«. Ein Aufeinandertreffen kann jedoch auch weitaus härter ausfallen, ein Weg kann ein Scheideweg sein, was für den einen Poesie ist, ist für den anderen Esoterik.

Was sie von Benjamin als »Traumstenogramm« entnimmt und was in ihrer Auslegung ein Rätsel, eine Offenheit, ein Pendeln zwischen Traum und Wirklichkeit darstellt, kann nur für den Einzelnen funktionieren. Die seltsame Mischung aus Gedankenfreiheit und Pilgerwegerfahrung beansprucht eine Empfindsamkeit, die sich mit Kritik an ihr nicht verträgt, gleichzeitig ruft sie dazu auf, es ihr gleichzutun. Wie sinnvoll es aber ist, den Tourismus für einen Walter-Benjamin-Wanderweg anzuregen, ohne Walter-Benjamin-Tourismus zu wollen, sei dahingestellt.

Genauso fehlt es an einer wirklichen Erklärung, warum es ihr ein Bedürfnis ist, sich auf diesen Wanderweg zu begeben, um über Freiheit, Atem, Flucht, Demaskierung und Widerstand nachzudenken. Denn nicht nur spricht sie auf diese Weise innere Bedürfnisse von Mensch und Tier an, sie bereitet auch den Boden für Freiheiten des Missverstehens vor, in einer Zeit, die Menschen allzu häufig aus inneren Bedürfnissen auf die Straßen des Protestes führt. Auch wenn dringend angemerkt werden muss, dass Bodrožić bereits Jahre vor Beginn der Pandemie auf den Spuren Benjamins wandelte, ist es trotzdem irreführend.

Ihre »Seelenstenogramme« sind dann überzeugender, weil greifbarer und weniger weitschweifig, wenn sie sich nicht dem Treiben um des Treibens willen hingibt, wenn ihre Gedanken nicht bloß mit den Vögeln kreisen und einen konkreten Gedanken, eine Betrachtung Benjamins, eine Lektüre Kofmans, eine historische Tatsache oder Erinnerungen an die eigene Kindheit, an ihre Eltern oder Menschen wie Sabina Spielrein, Daniil Charms oder Lisa Fittko aufgreifen. Letztendlich bleibt es schwierig, all den im Text geäußerten Wünschen, Hoffnungen und Forderungen zu folgen, da sie als Teil eines beschwerlichen Denkweges konzipiert sind. Wer sie wirklich verstehen will, muss sich wohl selbst auf Wanderschaft in die Pyrenäen begeben, den Boden und den steinigen Aufstieg spüren, die Natur wahrnehmen und, wie es Nietzsche in den »Liedern des Prinzen Vogelfrei« formuliert hat: »Nur Schritt für Schritt – das ist kein Leben, / Stets Bein vor Bein macht deutsch und schwer. / Ich hiess den Wind mich aufwärts heben, / Ich lernte mit den Vögeln Schweben, – / Nach Süden flog ich über’s Meer.«

Marica Bodrožić: Die Arbeit der Vögel. Seelenstenogramme. Luchterhand, 352 S., geb., 22 €

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