Woher der Schwarze Tod kam

Genetiker verfolgen den Erreger der mittelalterlichen Pest bis in die Umgebung des zentralasiatischen Tienschan-Gebirges

  • Von Steffen Schmidt
  • Lesedauer: 5 Min.
Ausgrabungen im Jahre 1886 am Rande des Tienschan-Gebirges im heutigen Kirgisistan
Ausgrabungen im Jahre 1886 am Rande des Tienschan-Gebirges im heutigen Kirgisistan

Fernreisen, Handel und die Ausbreitung von Seuchen bilden nicht erst in Zeiten von Covid-19 oder der Affenpocken eine unheilige Allianz. Als im 14. Jahrhundert in Europa die Pest ausbrach, hatten Handelsschiffe aus dem Schwarzen Meer mit ihren Schiffsratten auch den Erreger, das Stäbchenbazillus Yersinia pestis, mitgebracht. Innerhalb weniger Jahre – zwischen 1347 und 1353 – raffte die Seuche ein Viertel bis ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahin. Die Seuche kam noch bis Ende des 18. Jahrhunderts im Abstand von mehreren Jahrzehnten lokal begrenzt zurück.

Ausgrabungen im Jahre 1886 am Rande des Tienschan-Gebirges im heutigen Kirgisistan
Ausgrabungen im Jahre 1886 am Rande des Tienschan-Gebirges im heutigen Kirgisistan

Die Reise des Erregers vom Schwarzen Meer bis in die Handelsstädte Italiens ist gut belegt. Historische Aufzeichnungen belegen, dass die Beulenpest in Kaffa (heute Feodossija) auf der Halbinsel Krim bei der Belagerung der genuesischen Kolonie durch eine mongolische Armee im Jahr 1346 ausbrach. Es gibt sogar Berichte, die man als frühen Fall eines Biowaffeneinsatzes interpretieren kann: Danach sollen die mongolischen Truppen Pestleichen in die belagerte Stadt geschleudert haben. Wie die Seuche von dort per Schiff nach Westeuropa kam ist bekannt, weniger Klarheit gab es über die Ursprünge des Erregers dieser zweiten bekannten Pest-Pandemie. Nun haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der Universität Tübingen und der University of Stirling in Großbritannien anhand von Genanalysen von Überbleibseln der Y. pestis-Bazillen aus alten Grabstätten von Pestopfern den Weg des Erregers bis nach Zentralasien zurückzuverfolgen können.

Asien, speziell China, galt schon lange als möglicher Ausgangspunkt des Seuchenzugs der Pest. Doch archäologische Funde aus Zentralasien legten einen anderen Ausganspunkt nahe. Der britische Historiker Philip Slavin von der Uni Stirling berichtet: »Wir untersuchten Proben von zwei Friedhöfen in der Nähe des Issyk-Kul-Sees im heutigen Nordkirgisistan, nachdem wir dort in den Jahren 1338 und 1339 einen enormen Anstieg der Zahl der Bestattungen festgestellt hatten.« Diese Grabstätten waren bereits in den späten 1880er Jahren von russischen Archäologen ausgegraben worden. Die Inschriften auf den Grabsteinen deuten darauf hin, dass diese Menschen einer unbekannten Epidemie zum Opfer gefallen sind. Seit ihrer Entdeckung sorgten die in Syrisch-Aramäischer Sprache beschrifteten Grabsteine hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Schwarzen Tod in Europa in Fachkreisen für Kontroversen.

Für Slavin war klar, ohne genetische Analysen keine Gewissheit, war doch in den mittelalterlichen Sprachen »Pestilenz« Synonym für alle möglichen tödlichen Seuchen. Das Forscherteam fand heraus, dass im 19. Jahrhundert etwa dreißig Skelette aus den Gräbern entnommen wurden. Die Wissenschaftler konnten mithilfe der Tagebücher der damaligen Expedition die Skelette den jeweiligen Grabinschriften zuordnen und DNA aus den Zähnen entnehmen. Hier kam das Knowhow der Leipziger und Tübinger Genetiker zum Zuge, die mit der Extraktion und Analyse alter DNA große Erfahrungen haben. Tatsächlich konnten die Genetiker um Maria Spyrou von der Uni Tübingen und Johannes Krause vom Leipziger Max-Planck-Institut im Gewebe von sieben Personen DNA des Pestbakteriums Yersinia pestis nachweisen. Diese Personen waren laut Grabsteininschrift im Jahre 1338 verstorben.

Könnten die Forschenden den Ursprüngen des Schwarzen Todes auf die Spur gekommen sein? Bisher wurde der Ausbruch des Schwarzen Todes mit einer massiven Diversifizierung der Peststämme in Verbindung gebracht, einem so genannten »Urknall der Pestdiversität«. Der Zeitpunkt dieses Ereignisses konnte jedoch nicht genau bestimmt werden – man ordnete ihn bisher zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert ein. Das Forschungsteam hat nun vollständige alte Pestgenome aus den Fundorten in Kirgisistan zusammengesetzt und untersucht, wie sie mit diesem Urknall-Ereignis zusammenhängen könnten. »Wir fanden heraus, dass sich die alten Stämme aus Kirgisistan genau am Knotenpunkt dieses massiven Diversifizierungsereignisses befinden. Es ist uns also tatsächlich gelungen, den Ursprungsstamm des Schwarzen Todes und seinen genauen Ausbruchszeitpunkt – das Jahr 1338 – zu bestimmen«, sagt Maria Spyrou.

Doch woher kam dieser Erregerstamm? Entwickelte er sich lokal oder wurde er in die Region eingeschleppt und breitete sich dann aus? Immerhin lag der Bestattungsort an der seit der Antike genutzten Seidenstraße, einem Karavanenweg von China bis in den Nahen Osten. Und die Grabbeigaben belegen, dass die Toten Händler waren.

Bekannt ist, dass die Pest ihren Ursprung nicht in Menschen hat; das Bakterium Y. pestis überlebt in wilden Nagetierpopulationen auf der ganzen Welt – in so genannten Pestreservoirs. Der alte zentralasiatische Stamm, der die Epidemie von 1338 bis 1339 am Issyk-Kul-See verursachte, muss also aus einem solchen Reservoir stammen. »Moderne, mit dem alten Stamm am engsten verwandte Stämme finden wir heute in Pestreservoirs rund um das Tienschan-Gebirge, also ganz in der Nähe des Fundortes dieses alten Stammes. Der Vorfahre des Schwarzen Todes scheint also in Zentralasien entstanden zu sein«, erklärt der Leipziger Paläogenetiker Krause. Warum der Erreger gerade dort und zu diesem Zeitpunkt auf Menschen übergesprungen ist, darauf gibt die Studie im Fachblatt »Nature« allerdings auch keine Antwort. Das Wissenschaftsjournal »Science« lässt den norwegischen Populationsbiologen Nils Christian-Stenseth spekulieren, dass plötzliche Klimaänderungen zu einem Anstieg der Nagetierpopulationen geführt haben könnten. Mehr Nagetiere und mehr Flöhe, die auf ihnen leben, bedeuten auch mehr Gelegenheit für eine Anpassung des Erregers an neue Wirte, meint der Norweger, der für Zentralasien einen Zusammenhang zwischen Pestausbrüchen und feuchtwarmem Wetter gefunden hat.

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