Pizzakartons im Volkspark Rehberge

Berliner Bezirk stöhnt unter den Kosten der Müllentsorgung in seinen Grünanlagen

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.
Stadträtin Neumann lässt sich im Volkspark Rehberge fotografieren. Die alten offenen Müllkörbe will sie nach und nach ersetzen.
Stadträtin Neumann lässt sich im Volkspark Rehberge fotografieren. Die alten offenen Müllkörbe will sie nach und nach ersetzen.

Die junge Frau lässt ihren American Bullterrier im Berliner Volkspark Rehberge frei laufen. Das kräftige Tier mit dem gewaltigen Gebiss sieht so aus, wie man sich einen Kampfhund vorstellt. Allerdings ist es gut erzogen, wirkt kein bisschen aggressiv und pariert auf jedes Kommando. Eine grüne Marke weist aus: Die Hundehalterin ist ausgebildet, das Tier benötigt keinen Maulkorb. Dennoch gilt für Hunde in sämtlichen Berliner Grünanlagen die Leinenpflicht. Als drei Mitarbeiter des Ordnungsamts in Zivil auf die junge Frau zugehen, nimmt diese den Hund auch gleich an die Leine. Aber es ist zu spät. Sie wird belehrt, muss ihre Personalien angeben und mit einem Bußgeld von 35 bis 55 Euro rechnen.

Aber wegen der Leinenpflicht sind die Mitarbeiter in Zivil und einige Kollegen in Uniformen, die sich im Hintergrund halten, am Samstag nicht auf Streife. Heute werden sie von der Umweltstadträtin im Bezirk Mitte, Almut Neumann (Grüne), begleitet und der geht es um den zunehmenden Müll in den Grünanlagen.

700 Tonnen fielen im Jahr 2016 an. Im vergangenen Jahr waren es schon 988 Tonnen. 200 000 Euro kostete allein die Entsorgung. Den Personalaufwand des Grünflächenamtes und zusätzlich angeheuerte Firmen eingerechnet, kommen sogar drei Millionen Euro zusammen. Geld und Zeit, die Neumann lieber in die Pflege der Grünanlagen investieren würde als in die Beseitigung der Müllberge, die vor allem montags zu beseitigen sind. Denn an den Wochenenden, an denen die Parks am meisten frequentiert sind und an denen der meiste Müll anfällt, kommt niemand, um die Mülleimer zu leeren. Der Personalrat verweigere die Sonntagsarbeit der Kollegen, erklärt die Umweltstadträtin. »Das ist auch verständlich. Wir haben ja Gärtner eingestellt und keine Müllmänner.«

Neumann würde es begrüßen, wenn sich die Berliner Stadtreinigung (BSR) der Sache annimmt, die aus ausgewählten Parks bereits jetzt den Müll abholt. Gespräche mit dem Senat, dies auszuweiten, laufen bereits. Die Stadträtin ist da recht zuversichtlich.

Aber so oder so liegt ihr daran, den anfallenden Verpackungsmüll zu reduzieren. Es hat sich nämlich eingebürgert, nicht nur ausgetrunkene Bier-, Wein und Schnapsflaschen zurückzulassen, sondern auch Pizzakartons, Salatschalen und andere Einwegverpackungen. Die Papierkörbe quellen über, Vögel zerren den Müll auf der Suche nach Nahrung heraus und verteilen ihn über die Wiesen. Doch nicht immer sind Vögel für die Verschmutzung verantwortlich. Es gibt auch achtlose Parkbesucher, die zu bequem sind, wenigstens bis zum nächsten Mülleimer zu laufen und den Müll in die Büsche oder auf den Boden werfen. Es herrschte lange das Vorurteil, die Touristen seien die Schuldigen. Doch während der Corona-Pandemie zählte die Hauptstadt deutlich weniger Gäste »und der Müll ist nicht weniger geworden«, weiß Stadträtin Neumann. »Gut wäre es, wenn der Müll erst gar nicht entsteht und die Menschen, die unsere Parks nutzen, auf Mehrwegverpackungen umsteigen oder ihren Müll wieder mitnehmen.«

Ein Ärgernis sind auch die weggeworfenen Zigarettenkippen. Vom Regen ausgespült, verunreinigen sie das Grundwasser. Und im Park kann es schnell passieren, dass ein Kleinkind so einen Stummel in den Mund nimmt. Nikotin sei der zweithäufigste Grund für Vergiftungsfälle bei Kindern, bedauert Neumann. Tatsächlich werden viele Kippen einfach irgendwo ausgetreten oder aber vor den Mülleimern hingeworfen, wenn die eingebauten Aschenbecher voll sind. Die Stadträtin verteilt bei der Streife am Samstag kleine Döschen für die Kippen, geht damit auch auf einen jungen Mann zu, der sich gerade eine Zigarette dreht. Der greift dankbar zu. Er hat selbst schon so einen behelfsmäßigen Aschenbecher, ihn aber heute zu Hause vergessen, sagt er.

Für die Uneinsichtigen ist das Ordnungsamt da. Aber der große Bezirk Mitte hat nur 50 Kollegen für den Außendienst. Mehr als sechs pro Schicht bekommt er nicht auf die Straße. Da kann sich jeder ausrechnen, wie gering die Chancen sind, als Übeltäter erwischt zu werden. 100 Kollegen wären besser. »Dann hätten wir eine schlagkräftige Truppe«, meint Neumann. Sie bedankt sich bei der Streife, die es nicht leicht habe. Längst nicht alle Leute, die von ihnen auf einen Verstoß gegen die Regeln angesprochen werden, nehmen das ruhig hin, erzählen die Männer und Frauen. Der eine diskutiert ewig herum, der nächste wird beleidigend und zuweilen werden den Kollegen sogar Schläge angedroht, selbst den durchtranierten Männern mit den muskelbepackten Oberarmen. »Mancher will sein Limit austesten«, kommentiert einer dieser Kollegen.

Fazit der Streife durch den Volkspark Rehberge: Viele Zigarettenkippen, zwei Dutzend Schnapsfläschchen mitten auf einer großen Wiese, leere Tetrapaks und Plastiktüten in einem Gebüsch und ein Beutel voll Glasflaschen. Insgesamt sieht es weniger schlimm aus als befürchtet, vielleicht, weil es am Freitagabend geregnet hat und weniger Jugendliche hier gefeiert haben als üblich. Sonst werden in einer Ecke des Volksparks sogar immer wieder alte Waschmaschinen, Kühlschränke und sogar Autowracks illegal abgestellt. Und dabei ist der Volkspark Rehberge nicht einmal das Sorgenkind im Bezirk. In Mitte bereiten der Monbijoupark, der Park am Weinbergsweg und der James-Simon-Park viel mehr Probleme.

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