• Kultur
  • Serie »Becoming Elizabeth«

Geschichte als Ränkespiel

Die Serie »Becoming Elizabeth« erzählt von Intrigen, Missbrauch und Manipulation im dynastischen Europa des 16. Jahrhunderts

Die junge Prinzessin Elizabeth (Alicia von Rittberg) mit ihrem Onkel Thomas Seymour (Tom Cullen)
Die junge Prinzessin Elizabeth (Alicia von Rittberg) mit ihrem Onkel Thomas Seymour (Tom Cullen)

Unlängst feierte die britische Königin, Queen Elizabeth II., ihr 75-jähriges Thronjubiläum. Ihre Namensvetterin Elizabeth I., die letzte Herrscherin aus dem walisischen Adelsgeschlecht Tudor, saß im 16. Jahrhundert auch schon ziemlich lange auf dem englischen Thron, nämlich ganze 45 Jahre. Ihre Regentenzeit, das sogenannte Elisabethanische Zeitalter, gilt als prägend für die britische Geschichte. Dabei war die Thronfolge nach dem Tod ihres Vaters Heinrich VIII. alles andere als klar geregelt. Heinrich VIII. hatte aus insgesamt sechs Ehen drei Kinder von drei unterschiedlichen Frauen zurückgelassen. Innerhalb von zehn Jahren saßen vier Herrscherinnen und Herrscher auf dem englischen Thron. Mit dem Tod von Heinrich VIII., der zwei seiner Frauen – auch die Mutter von Elizabeth I. – hinrichten lassen und mit dem Katholizismus gebrochen hatte, da der Papst seine Scheidungen nicht anerkannt hatte, beginnt die Serie »Becoming Elizabeth«, die auf der Steaming-Plattform Starzplay zu sehen ist. Die drei Nachkommen des Monarchen werden nachts zusammengerufen: Der neunjährige protestantische Edward (Oliver Zetterström), der unmittelbar danach König wird, die katholische Mary (Romola Garai), die später den spanischen König Philipp II. heiratet, wodurch England für wenige Jahre Teil des spanischen Imperiums wird, und die 13jährige Elizabeth (Alicia von Rittberg). Sie stehen in einem düsteren Gemäuer vor dem Zimmer des verstorbenen Herrschers. Die konfliktreiche Konstellation dieser drei zusammengekommenen Halbgeschwister wird im Lauf der folgenden Jahre die machtpolitischen Verhältnisse des Landes bestimmen.

Drehbuchautorin und Regisseurin der aufwändig inszenierten achtteiligen Serie ist die 30jährige englische Dramatikerin Anya Reiss, die schon seit über zehn Jahren als Nachwuchstalent erfolgreich in Londons Theaterszene tätig ist und seit einiger Zeit auch Serienskripte für die Fernsehsender BBC und Channel 4 schreibt. »Becoming Elizabeth« erzählt von den Jahren vor Elizabeths Thronbesteigung. Während ihr Bruder Edward als König unter dem Einfluss des Duke of Somerset steht, der faktisch das Land regiert, lebt Elizabeth mit ihrer Stiefmutter Catherine Parr (Jessica Raine) und ihrem Onkel Thomas Seymour (Tom Cullen) zusammen. Letzterer macht der jugendlichen Elizabeth Avancen, obwohl er ihre Stiefmutter heiratet. Die katholische Mary wiederum setzt sich zum Unmut ihres Bruders für die Rechte der Katholiken ein und sucht Kontakt zu Spanien, der damaligen globalen Supermacht. Das Drama der stets um einige Ecken miteinander verwandten oder verschwägerten, dabei aber heillos zerstrittenen Adeligen am königlichen Hof und in den Residenzen ist geprägt von sexuellem Begehren, dem Missbrauch junger Menschen, autoritärem Gehabe, strategischem Kalkül und rücksichtslosen machtpolitischen Interessen. Keine noch so schräge Seifenoper könnte es mit den realen Verhältnissen des dynastischen Europas in der frühen Neuzeit aufnehmen.

Diese skurrilen Verstrickungen bringt »Becoming Elizabeth« pointiert und ohne moralischen Zeigefinger zur Aufführung. Die durchaus kurzweilige Serie, deren Dramatik an die Stücke William Shakespeares erinnert, eröffnet von verbotenen Romanzen über politische Intrigen bis hin zu den moralischen Verwerfungen einzelner Figuren ein ganzes Panorama spektakulärer Skandale. Sie zeigt dabei auch ungeschönt Manipulationstaktiken und -prozesse, die das politische Geschehen jener Zeit an den Höfen nicht nur Englands, sondern ganz Europas prägten. So beschäftigten sich ganze Heerscharen Rechtsgelehrter mit den juristischen Schlupflöchern, die politischen Einfluss, militärische Interventionen und den Anspruch auf dynastische Titel ermöglichen konnten. Frauen mussten in dieser Zeit vor allem heiraten und schwanger werden, um die dynastische Nachkommenschaft zu sichern. Die Serie zeigt, wie hinter der Beeinflussung von Kindern und Jugendlichen sowie der strukturellen Gewalt gegenüber Frauen die Interessen der großen Weltpolitik stehen. Das höfische Leben wird also mit seinen ganzen vermeintlich privaten Räumen zur Bühne politischer und historischer Ränkespiele. Das ist nicht nur aufschlussreich inszenierte Geschichte, sondern auch spannende Unterhaltung – nicht zuletzt dank beeindruckender schauspielerischer Leistungen.

»Becoming Elizabeth«, seit dem 12. Juni auf Starzplay, wöchentlich eine neue Folge

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal