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Wie naiv seid ihr denn?

Wer gegen Waffenlieferungen an die Ukraine ist, bewegt sich außerhalb des Meinungskorridors. Höchste Zeit für eine neue Friedensethik

Wer der Aufrüstungsspirale nicht weiter folgen, steht ziemlich alleine da angesichts zahlreicher Befürworten von Waffenlieferungen.
Wer der Aufrüstungsspirale nicht weiter folgen, steht ziemlich alleine da angesichts zahlreicher Befürworten von Waffenlieferungen.

Das Wesen des Guten ist: Leben erhalten, Leben fördern, Leben auf seinen höchsten Wert bringen. Das Wesen des Bösen ist: Leben vernichten, Leben schädigen, Leben in seiner Entwicklung hemmen. Das Grundprinzip der Ethik ist also Ehrfurcht vor dem Leben.« Wie naiv klingen solche lakonischen Sätze? Wie träumerisch muten sie in einer Zeit an, die zuvorderst von Waffengewalt bestimmt ist? Niemand Geringeres als der Friedensnobelpreisträger und Philanthrop Albert Schweitzer hat sie in einem seiner Essays niedergeschrieben. Und auch wenn vielen diese Überlegungen als anachronistisch, gar gegenüber einem um seine Souveränität kämpfenden Volk als privilegiert erscheinen mögen, gibt es doch auch derzeit einige Stimmen, die – begleitet von heftigen Shitstorms – einen ähnlich pazifistischen Impetus verfolgen.

So argumentierten gegen die Verengung des geltenden Meinungskorridors zum Ukraine-Konflikt zuletzt insbesondere die Intellektuellen Ulrike Guérot und Richard David Precht. Erstere hatte in Tweets gefragt, wie die Verabsolutierung des Lebens zulasten der Freiheit in der Corona-Pandemie nun umgekehrt werden konnte, zumal es im Krieg mit Russland einzig und allein noch um ein Freiheitsnarrativ ginge. Der Philosoph dachte hingegen schon früh in seinem Podcast mit Markus Lanz darüber nach, ob eine Kapitulation der Ukraine nicht ohnehin unausweichlich sei, ein frühes Aufgeben demnach zumindest zahlreiche Menschen retten würde. »Müssen also allein Waffenlieferungen bei derart vielen Unbekannten als das beste Mittel gelten?«, fragte er neulich noch in einem Interview mit einer österreichischen Wochenzeitung.

Zwischen Skepsis und offensiver Ablehnung pendeln die kritischen Reaktionen auf derlei Überlegungen. Sie fußen auf einer umfassenden Enttäuschung. Denn lange glaubten viele noch an die internationale Herrschaft des Rechts. Zumindest in diesem Punkt war sich zuletzt die Ethik nach Jahrhunderten zurückliegender Kriege einig. Um blutige Auseinandersetzungen zu verhindern, schworen Denker wie Immanuel Kant auf die Gründung supranationaler Institutionengefüge. Doch wie stark wirken solcherlei auf Dialog und gegenseitiger Abhängigkeit basierende Gebilde nach dem Vorbild der Uno, wenn ihnen die Vollzugskraft fehlt? Putins Feldzug veranschaulicht für die meisten schmerzlich, dass es keine Weltpolizei gibt und die abendländische Geschichte des Völkerrechts an ihr Ende gekommen zu sein scheint. Desillusioniert sieht sich daher der Westen von Beginn der russischen Invasion an in der Rolle, dem Aggressor mit dessen eigenen Mitteln zu begegnen. Die Wehretats werden aufgestockt. Polen beispielsweise, ein militärisch bislang unterschätzter Player, fährt massiv die Produktion von Piorun-Raketen hoch. Die Hauptfragen lauten in den einschlägigen Debatten nur noch: Wer liefert wann wie viele Haubitzen und andere Waffen an die Ukraine? Alles andere tritt in den Hintergrund – mit der durchaus plausiblen Begründung, dass jeder in seiner Souveränität gefährdete Staat sich verteidigen können muss.

Was in der Diskussion zu kurz kommt, ist die Einsicht, dass mit der Aufrüstung der demokratischen Nationen mithin schon eine Strategie Putins aufgegangen ist, fußt doch dessen Weltbild vor allem auf einem maskulinen Kräftemessen. Der Antidiplomat kennt nur das Prinzip der Balance, der Aufteilung des Planeten in Einflusssphären, mithin des Gleichstands der abschreckenden Mittel. Indem der Westen in die Spirale des Wettrüstens einsteigt, folgt er implizit dem Imperativ des russischen Potentaten: Lasst die Gewalt die Sache regeln!

Die vermeintliche Stärkedemonstration des Westens erweist sich bei näherem Hinsehen durchaus auch als Ausweis der Ohnmacht. Die Reduzierung des Diskurses auf »pro oder contra Ukraine« zeugt nicht nur von einer banalen Kommunikationskultur. Sie lässt sich vielmehr als Tod des Ethischen deuten. Sie entlarvt die fehlende Werteorientierung des Westens, der sich indessen allein in der Rolle der Mitverantwortung sieht, ohne über eine Selbstverantwortung zu verfügen. Er hat, um es zugespitzt zu sagen, das Vertrauen in seine eigene intellektuelle Standhaftigkeit verloren, indem er ein zumindest nicht unproblematisches Narrativ der abstrakten Demokratieverteidigung auf Kosten vieler Existenzen gebraucht. Jeder Tag Krieg mit mehr Waffen und Gegenwehr beraubt Kinder, Frauen und Männer ihrer Chance auf eine Zukunft. Müssen wir demnach nicht viel mehr über die Bedeutung der Unversehrtheit des Einzelnen reden, statt unsere Aufmerksamkeit vor allem auf den Systemwettbewerb zwischen Demokratie und Autokratie zu richten?

Sicher ist: Selbst in der gebotenen Unterstützung der Ukrainer bedarf es einer neuen Offenheit für ethische Abwägungen und Zukunftsdebatten. Wir sollten jetzt darüber sprechen, warum eine Rechtsarchitektur diesen Krieg nicht verhindern konnte und wie eine wirksame Prävention zur Eindämmung von Konflikten aussehen müsste. Andernfalls drohen wir zu Getriebenen zu werden.

Man muss sich nur Friedrich Schillers zeitloses Opus magnum »Wallenstein« vergegenwärtigen, um die Folgen einer rein reaktiven Politik zu studieren. Gewahr werden wir darin dem titelgebenden Feldherrn auf dem Gipfel seiner Macht. Zerrissen zwischen der Kaisertreue und einem potenziellen Ausbau der eigenen Macht verharrt der Herzog in seiner Unentschlossenheit. Und zwar so lange, bis er vom Schicksal eingeholt und von seinen engsten Vertrauten gemeuchelt wird. Dass der Held untergeht, hängt zum einen mit mangelndem inneren Überzeugungswillen, zum anderen mit seinen Scheuklappen gegenüber äußeren Warnungen zusammen. Neudeutsch würde man sagen, er sei in seiner Bubble gefangen. Das Trauerspiel versteht sich somit schlussendlich als ein Lehrstück für eine selbstsichere und antizipative Kunst der Staatslenkung.

Eine an der Wehrhaftigkeit orientierte Ethik muss nicht zuallererst bei der Art des Regierens ansetzen, sie kann sich auch auf der Ebene individuellen Ungehorsams manifestieren. Viele Friedensphilosophen, deren Stimmen im chorischen Ruf nach mehr Waffengewalt derzeit kaum Gehör finden, propagierten den passiven Widerstand, häufig mit Erfolg. Die Geschichte des zivilen Ungehorsams reicht bis in die Antike zurück. Wohl waren die vielfältigen Aktionen deswegen so erfolgreich, weil sie die Aggressoren mit ihnen unbekannten Instrumenten unter Druck zu setzen wussten. Operierten diese nämlich zumeist allein mit dem harten Schwert, setzten die rebellischen Geister auf Kreativität. Dadurch ließen sich Kriegsstrategien unterwandern und Solidarisierungsbewegungen hervorrufen. Truppen- und Waffenstärke galten dann nicht mehr als die ausschlaggebenden Argumente für die Beantwortung der Frage nach Sieg oder Niederlage.

Es versteht sich von selbst, den Ukrainern keine Ratschläge aus einer privilegierten Position heraus zu erteilen. Doch um in diesem Krieg gegenüber allen beteiligten Parteien angemessen zu agieren, sollte man zuvorderst selbst eine ehrliche und profunde Haltung entwickeln. Dafür scheint eine neue Bereitschaft zur ethischen Auseinandersetzung geboten, die Friedenstheoretiker einbezieht. Alles andere liefe letztlich auf eine Politik der Angst hinaus, die sich verzweifelt um eine (brüchige) Stabilität bemüht. Denn wie schrieb doch der große Theologe Dietrich Bonhoeffer einst: »Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden.« Mut sollten wir daher nicht nur den anderen zusprechen, wir sollten ihn von uns selbst einfordern.

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