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Fehlschlag Sex

Let’s talk about: »Liebe, einfach außerirdisch« von René Pollesch am Deutschen Theater Berlin

  • Von Charlotte Szász
  • Lesedauer: 4 Min.
Uneindeutigen Signalen auf der Spur: Kotbong Yang, Sophie Rois und Trystan Pütter in »Liebe, einfach außerirdisch«
Uneindeutigen Signalen auf der Spur: Kotbong Yang, Sophie Rois und Trystan Pütter in »Liebe, einfach außerirdisch«

Die Idee ist eigentlich ganz witzig: Eine Außerirdische landet auf der Erde, um eine Mission zu erfüllen, wird aber wie magisch angezogen von Sex. Davon stand nämlich nichts in ihrem Handbuch für Aliens. Noch größer als ihr Verlangen, einen Mann ins Bett zu kriegen, ist ihr Wissensdrang zu verstehen, wie Sex eigentlich geht.

Begleitet wird Nina von ihrer Kollegin Frau Knoop, gespielt von Kotbong Yang. Frau Knoop ist in die Haut der Putzfrau von Mr. Albright geschlüpft, so wie Nina in die Haut einer Frau. Mr. Albright, der manchmal »geliebter Unterdrücker«, manchmal Steve genannt wird, ist das männliche Objekt des Begehrens von Nina. Er besitzt eine Möglichkeit zur Übertragung eines Radarsignals. Diese Übertragung wollen Nina und Frau Knoop verhindern, aber erstmal herausfinden, was dieses Signal eigentlich ist.

Nina, gespielt von Sophie Rois, fragt immer wieder verzweifelt: »Sex, was ist das?« Sie merkt, dass es gar nicht so einfach ist, jemanden zu verführen, wenn man nur ein Handbuch für Außerirdische befolgt. Denn niemand weiß eigentlich, was Sex ist. Nina erfährt an ihrem »Über-Ich, das sie mit unmöglichen Forderungen nach Genuss bombardiert und schadenfroh ihr Scheitern beobachtet«, was es heißt, ein Mensch zu sein.

So stiefelt Nina, mal getrieben von der Lust, mal frustriert von den »öden, kalten, mechanischen Bewegungen« des Sexaktes im roten Paillettenkleid über die Bühne. Ihren grünen Lidschatten kann man noch in der letzten Reihe des Parketts gut erkennen.

Und so nimmt die neue, knapp 90-minütige Komödie von René Pollesch am Deutschen Theater Berlin mit dem romantischen Titel »Liebe, einfach außerirdisch« ihren Lauf. Die Inszenierung wurde schon im Januar unter dem Titel »So billige Träume. Und so gut« angekündigt, dann um ein halbes Jahr verschoben und hatte schließlich am vergangenen Freitag Premiere. Pollesch ist seit dieser Spielzeit Intendant an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, inszeniert aber auch am Deutschen Theater in Berlin, was ihm zuletzt heftige Kritik einbrachte.

Die irdische Mission verschiebt sich vom Radarsignal zum »phantasmatischen Schirm«, den Nina braucht, um Mr. Albright ins Bett zu kriegen. Frau Knoop erklärt Nina, dass Menschen »hier einen phantasmatischen Schirm« benötigen, »der das Traumatische aus dem Sexualakt filtert«. Und so manövrieren sie sich in eine verkeilte Situation, in der sich Lust am Sex verknotet mit seiner fehlgehenden Umsetzung. Frau Knoop stellt fest: »Unsere Mission ist ein Fehlschlag.«

Die Signalübertragung ist genauso phallisch-sexuell konnotiert wie alles andere. Die Idee wirkt wie ein Zeitungscartoon als Theaterstück. Obwohl die Sprache des Textes wie gewohnt witzig und clever ist, fehlt es etwas an Handlung und Tiefgang. Gerade weil man sich für die Idee, dass niemand so richtig weiß, was Sex ist, und alle es irgendwie machen, etwas mehr Raum für Entwicklung gewünscht hätte.

Die Gespräche bleiben auf einer sehr oberflächlich pseudopsychoanalytischen Ebene hängen. Das Stück übersetzt die Erkenntnisse der Psychoanalyse in ein Sprachspiel der geistreichen Verdrehungen. Da es gewollt wenig Handlung gibt, hätte es sprachlich aber ruhig etwas anspruchsvoller sein können. Das ganze Spiel ist durch den doppelten Mangel eine Spur unterspannt und wirkt etwas faul in der Ausarbeitung.

Nina und Mr. Albright verbindet eine rein sexuelle Anziehung, wohingegen er mit Frau Knoop die durchaus spannenderen Gespräche führt. Rois wirkt sehr jung und frisch, viel dynamischer als Yang, die zeitweise sehr leise spricht. Im Laufe der Inszenierung gewinnt Yangs Figur als einzige noch an Tiefe, wohingegen Rois’ Nina etwas hängenbleibt. Trystan Pütter, der den Mr. Albright gibt, spielt gut, kommt aber ebenfalls nicht gegen Rois an.

Am Ende ist Nina so frustriert von der Bedeutungslosigkeit des menschlichen Sex, dass sie beim nächsten Mal als Hirsch wiederkommt. Tiere haben einfacher Sex. Sie sind nicht so verkopft wie Menschen. Wenn die Spielerinnen auch nicht die Signalübertragung finden, dann stoßen sie doch zu der Erkenntnis vor, dass im Sex immer etwas fehlt, und zwar das, wovon wir denken, dass es Sex wäre. Menschen sind dabei leider die einzigen Tiere, die sich darüber bewusst werden können. Das ist eben das, was das menschliche Tier vom Menschen unterscheidet. Der Mangel an Sex im Sex macht uns zum Menschen.

Das Stück liefert einen sehr unterhaltsamen Abend, vor allem wegen Sophie Rois, der aber im Schnitt eher unbefriedigend denn erkenntnisreich ist. Vielleicht ist aber eben auch das gewollt – denn Lust empfinden wir Menschen ja sowieso nur sehr selten.

Nächste Vorstellungen: 7., 9. und 10. Juli
www.deutschestheater.de

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