Gelesen – dabei gewesen

Neuerscheinungen, annotiert: Westfälische Forschung über Wiglaf Doste und gesammelte »Stern«-Interviews von Arno Luik

Kalbern und Dölmern: Wiglaf Droste (1961–2019)
Kalbern und Dölmern: Wiglaf Droste (1961–2019)

Wiglaf Droste

Vor drei Jahren starb Wiglaf Droste, der große Sohn Ostwestfalens, der unter anderem das dortige Idiom ins Feuilletonistisch-Literarische gehoben hat. »Wenn Kinder in Ostwestfalen spielen, heißt das kalbern, da ist das Herumalbern schon mit drin. Machen sie Quatsch, dölmern sie und sind analog Dölmer; toben und balgen sie, dann heißt es bald: Hört auf zu ramentern!«, schrieb er 2003 über »Tünseliges Ostwestfalen« – ein Text, der nun in dem Fachzeitschrift »Literatur in Westfalen – Beiträge zur Forschung« wieder abgedruckt ist, in der Nummer 18, die Droste zum Schwerpunkt hat.

Droste kam »schwafelfrei zur Sache«, schreibt da Fritz Eckenga und Ambros Waibel erklärt ihn zu einem der ganz wenigen, wenn nicht gar zum »einzigen linken Großautor, der, um dem begrenzten Umfeld der ›Szene‹ zu entkommen, sich nicht zum billigen Geld hin und nach rechts orientierte. Im Gegenteil. Er wurde radikaler, auch trauriger, verspielter, verwunschener und nun ja, auch schlicht älter.« Für seinen Verleger Klaus Bittermann war er der »Hunter S. Thompson Deutschlands« und von »verantwortungsloser Fröhlichkeit«, für Walter Gööden »ein Unikum im Kulturbetrieb«, für seinen Freund Friedrich Küppersbusch »der Tucholsky unserer Tage«, und für Hans Zippert ließ er »wirklich nichts und niemand ungeschoren davonkommen«.

Man hat ihn ja immer wieder als Satiriker eingeordnet, auch wenn er diesen Begriff nicht gemocht hat, aber trotzdem sehr stolz war, als man ihm 2018 den »Göttinger Elch« verlieh, den höchsten deutschen Satirepreis. Da kamen seine Eltern, Redakteure und Jugendfreunde, er sang für sie von der Bühne »Knockin’ on Heaven’s Door« von Bob Dylan – und die Anwesenden wussten, dass dies ein Abschied war, ein Jahr bevor er sich sich endgültig zu Tode trank.

In einem hier abgedruckten Gespräch mit Gisela Steinhauer, das 2006 im WDR-Radio gesendet wurde, sagte er, dass er sich noch nicht daran gewöhnt habe, »dass die Welt sich oft weigert, sich mir von ihrer schönsten Seite zu zeigen«. Auf die Frage, was für ihn Humor sei, antwortete er: »Humor ist nicht Witze machen. Humor ist eine Haltung zur Welt. Das heißt erst mal damit fertig zu werden, dass man das Ideal, das man hat, selten bekommt – und dass man dem auch nur selten selbst entspricht.«

Literatur in Westfalen. Beiträge zu Forschung 18. Aisthesis-Verlag, 356S., br., 29,80€.

Interviews

Nach der Reportage ist das Interview die schwierigste journalistische Form: Man muss ein interessantes Gespräch führen, das abtippen und komponieren (und sich in Deutschland, anders als in den englischsprachigen Ländern, meistens noch autorisieren lassen). Das alles dauert mal locker drei Arbeitstage. Viele moderne Journalisten machen es sich einfacher und schicken ein paar Fragen per E-Mail, die dann beantwortet werden sollen. Aber wenn es kein Gespräch war, merkt man es und ist verstimmt. Die wenigsten Interviewten können solche E-Mail-Antworten geben, dass es wirkt wie das gesprochene Wort, das ja anscheinend immer weniger gelten soll.

Der Journalist Arno Luik hat jetzt eine Auswahl seiner Interviews, die er meistens für den »Stern« geführt hat, veröffentlicht. Das ist noch alte Schule, Dialog und Auseinandersetzung. Angela Merkel erzählt da, als sie noch keine Kanzlerin ist, dass sie beim Mauerfall in der Sauna war (im Berliner Thälmann-Park), und Sahra Wagenknecht hat beim Mauerfall Kants »Kritik der reinen Vernunft« gelesen. Und der Schlagersänger Roland Kaiser meint: »In Frankreich heißt das, was ich mache, Chanson. Die Themen, die ich in meinen Liedern anspreche, das sind Themen der Weltliteratur.«

Arno Luik: »Als die Mauer fiel, war ich in der Sauna«. Gespräche über den Wahnsinn unserer Zeit. Westend, 288S., geb., 24.

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