Das »chilenische Tschernobyl« wird geschlossen

Kupferschmelze Ventanas verseuchte über Jahrzehnte Mensch und Umwelt – und sorgte für Jobs

  • Von Benjamin Beutler
  • Lesedauer: 4 Min.
Chiles neuer Präsident Gabriel Boric findet: »Umweltschutz ist eine moralische Pflicht.«
Chiles neuer Präsident Gabriel Boric findet: »Umweltschutz ist eine moralische Pflicht.«

Es war ein umweltpolitischer Paukenschlag, als Chiles frischgebackener Präsident Gabriel Boric kürzlich mit folgenden Worten vor die Presse trat: »Umweltschutz ist eine moralische Pflicht.« Innerhalb von fünf Jahren werde die größte und zugleich schmutzigste Kupferhütte Ventanas schließen müssen, verkündete der Shooting-Star der neuen Linken im Palacio de la Moneda in der Hauptstadt Santiago de Chile per Liveschaltung im Fernsehen. Zu groß seien die Schäden an Umwelt und Mensch in der Region Valparaíso. Der weltweit größte Kupferproduzent, das staatliche chilenische Unternehmen Codelco, werde in Zukunft grüner. »Es wird keine Umweltopfer-Zonen mehr geben«, machte der 36-Jährige seinen neuen Kurs klar.

Die riesige Gießerei im Industriegebiet Quintero-Puchuncaví an der zentralchilenischen Pazifikküste wurde von der Umweltorganisation Greenpeace das »chilenische Tschernobyl« getauft. Die Böden ringum sind kontaminiert, giftige Schadstoffwolken aus den gewaltigen Schornsteinen und »saurer Regen« gehen über Dörfern und Städten nieder. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht haben dürfte, waren neue Messrekorde des gesundheitsschädlichen Schwefeldioxids in den Anrainer-Gemeinden Quintero, Puchuncaví und Concón. Wegen des stechend riechenden Gases mussten Anfang Juni 115 Menschen, vor allem Kinder, mit Atemnot und Schleimhautvergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Schulen in der Region wurden geschlossen. Bereits 2018 waren nach einem Unfall fast 600 Menschen, die Blut erbrachen sowie über Kopfschmerzen, Schwindel und Lähmungen klagten, medizinisch behandelt worden.

Die fast 60 Jahre alte Anlage müsse stillgelegt werden, so der Beschluss der Linksregierung und des Unternehmens Codelco. »An die Arbeiter und Familien: Wir werden euch nicht alleine lassen«, twitterte Präsident Boric kurz nach Verkündung des Ventanas-Ausstiegs in Richtung der mächtigen Gewerkschaft der Kupferindustrie (FTC). Durch die Schließung werde »kein Arbeiter und keine Arbeiterin von Codelco arbeitslos«. Mit der Arbeitsplatzgarantie will Boric einem Widerstand entgegenwirken, der bereits vorherige Anläufe, die Anlage zu schließen, in den Jahren 2011, 2015 und 2019 scheitern ließ.

Auch jetzt kritisierte die FTC, in der sich 27 Gewerkschaften zusammengeschlossen haben, in einer Reaktion, die Werksschließung sei »willkürlich«. Die Vertretung von rund 50 000 Angestellten bei Codelco und privaten Zulieferfirmen rief sogleich einen »nationalen Streik« aus. Nach drei Protesttagen vereinbarten Regierung und FTC die Bildung einer gemeinsamen Kommission, die das lange Ende von Ventanas begleiten soll. Schließung, Rückbau und Renaturalisierung könnten bis zu zehn Jahre dauern, heißt es. 251 Millionen US-Dollar Steuergeld müssten aufgebracht werden, rechnete der Leiter des Präsidialamtes, Giorgio Jackson, vor. Allein für die Frühverrentung von Mitarbeitern würden 30 Millionen US-Dollar benötigt.

Die Ventanas-Gießerei ist Symbol der boomenden Kupferindustrie in Chile. Allein der Bergbau sorgt für ein Zehntel der Wirtschaftsleistung des südamerikanischen Landes. Die Industrieanlage steht allerdings auch für den hohen Preis, den Mensch und Umwelt dafür zahlen. Fertiggestellt im Jahr 1964, wird hier ein Großteil von Chiles Kupfer-Exporten hergestellt. Die Ventanas-Hütte sei bislang »nie einer Umweltbewertung unterzogen worden, da ihre Installation vor dem Bestehen des Umweltgesetzes in Chile erfolgte«, erklärt die heimische Umweltstiftung Terram, die die Schließungsankündigung begrüßte. Umweltprüfungen seien nur teilweise erfolgt, bisherige technische Verbesserungen Stückwerk geblieben.

Kupfer wird aus Chile per Schiff an die Autoindustrie und Elektronikfirmen in aller Welt geliefert. Zuvor das geförderte Kupferkonzentrat bei 750 Grad Celsius eingeschmolzen und unter Zugabe von Koks und Kohle zu Kupferstein gewandelt, das bis zu 80 Prozent Reinheitsgrad hat. Nach weiteren Reinigungsprozessen werden 99-prozentige Kupferanoden gegossen, die abschließend durch Elektrolyse zu fast reinen Kupferkathoden umgewandelt werden. Die entstehenden Abgase sind mit Stäuben angereichert, die giftige Metalle wie Blei, Zink und Arsen enthalten. Ventanas-Arbeiter, die wegen Schadstoffbelastung frühzeitig sterben oder schwer erkranken, werden wegen ihrer schrecklichen Hautekzeme in Chile als »grüne Männer« bezeichnet. Hunderte Fälle sind bisher bekannt. Wegen des hohen Einsatzes fossiler Brennstoffe schadet die Kupferherstellung auch dem Klima. Der hohe Flächenverbrauch durch Tagebaue und die Bodenbelastung mit Schwermetallen wie dem potenziell krebserregenden Cadmium schlagen zusätzlich auf die miserable Umweltbilanz durch. Chile ist auch wichtigster Lieferant für Deutschland, dem hinter China, Japan und Südkorea weltweit viertgrößten Kupferkäufer.

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