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Die Wandlung der Martina Voss-Tecklenburg

Die Bundestrainerin hat sich weiterentwickelt – und mit ihr das ganze Team

  • Von Frank Hellmann, London
  • Lesedauer: 4 Min.
Fußballlehrerin Martina Voss-Tecklenburg (r.) motiviert die deutschen Fußballerinnen vor dem Spiel.
Fußballlehrerin Martina Voss-Tecklenburg (r.) motiviert die deutschen Fußballerinnen vor dem Spiel.

Erst kürzlich, das erzählt Martina Voss-Tecklenburg fast am Ende des Gesprächs, war sie wieder unendlich stolz. Auf sechs Nationalspielerinnen, die spontan zum Zeugwart Steve Smith gingen, der einen Berg schmutziger Wäsche vor sich liegen hatte. Der gewichtige US-Amerikaner gilt als die gute Seele der deutschen Delegation. Gemeinsam war der riesige Haufen in Windeseile wegsortiert. Es sind kleine Dinge, die bei Fußball-Turnieren etwas Großes wachsen lassen. Und wenn alle gemeinsam anpacken, dann werden die deutschen Fußballerinnen auch das Viertelfinale bei der EM an diesem Donnerstag gegen Österreich meistern. Davon ist die Bundestrainerin überzeugt, die erstmals abseits der offiziellen Pflichttermine in England ausführlich über ihre Arbeit und ihre Person gesprochen hat. Der Wandlungsprozess ist offenkundig.

Die 54-Jährige ist jetzt viel mehr Anker als bei der WM 2019, wo das Aus im Viertelfinale gegen Schweden kam. Im langen Vorlauf zu jenem K.-o.-Duell verzettelte sich damals auch Voss-Tecklenburg, die eine überraschende Aufstellung wählte. Die Kenntnis der Stärken und Schwächen jeder Einzelnen, gerade in Drucksituationen, sei damals noch nicht vorhanden gewesen. »Wir waren 2019 in vielen Bereichen noch nicht so weit«, gesteht sie. Experimente wie damals wird es nicht mehr geben. Der Respekt vor den Österreicherinnen ist groß, doch sie sagt auch: »Wenn wir scheitern, scheitern wir an uns. Aber das kann ich mir im Moment nicht vorstellen.«

Es ist kein Geheimnis, dass auch Voss-Tecklenburg und ihr Trainerteam in Frankreich noch nicht titelreif waren. Es hakte auch zwischenmenschlich. Die vom DFB ausgewählte, inzwischen eng an sie gebundene Assistentin Britta Carlson, der aus der Zeit von Horst Hrubesch übernommene Thomas Nörenberg, der aus der Schweiz mitgenommene Patrik Grolimund – alle brachten unterschiedliche Charaktere, Ansichten und Herangehensweisen mit. Beim ersten Lehrgang im Winter 2019 in Marbella, hätten alle wild durcheinander etwas hineingerufen. Heute schmunzelt die Bundestrainerin drüber. Aber: Das konnte nicht gut gehen. Der Findungsprozess war mühsam – und Voss-Tecklenburg eine Treiberin. Ihr Ziel: Belastbare Beziehungen schaffen. Ihr Credo: »Wir brauchen erst Klarheit bei uns, bevor wir Klarheit bei den Spielerinnen verlangen.«

Es gibt viele Indizien, die darauf hindeuten, dass die deutschen Fußballerinnen diesmal nicht über die Hürde zum Halbfinale stolpern. Und dass der Weg auch in Milton Keynes, wo es am kommenden Mittwoch zum Halbfinale gegen Frankreich oder die Niederlande kommen könnte, auch noch nicht zu Ende sein muss. In einem Jahr beginnt die WM 2023 in Australien und Neuseeland. Ein riesiges Turnier, erstmals 32 Teilnehmer, mit riesigen Entfernungen und Herausforderungen. Den DFB-Frauen gehört auch nächsten Sommer die große Bühne. Und so sagt die Trainerin: »Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen.« Da, wo ihr Team jetzt stehe, »das ist nicht außergewöhnlich, das ist der Anspruch«.

Steigerungspotenzial sieht Voss-Tecklenburg immer. »Wenn wir das nächste Mal gegen Spanien spielen, möchte ich nicht nur 30 Prozent Ballbesitz haben«, sagt die Fußballlehrerin. Das von ihr mitentworfene Playbook, das beim DFB bis runter zu den U15-Juniorinnen greift, umfasst 100 Seiten – vom Spielaufbau über Pressingverhalten bis zum Angriffsspiel. Aber sie hat auch Zeit gebraucht, um ihre Rolle als DFB-Trainerin für sich zu fassen. »In der Schweiz war ich mit meinem Co-Trainer lange ganz allein.« Ihr kam das eigentlich vom Typ entgegen: »Ich wollte am liebsten von vorne bis hinten als Trainerin alles alleine machen.« Heute kann sie delegieren. Sehr viel sogar.

Und sie hat es sich auch abgewöhnt, mit erhobenem Zeigefinger herumzulaufen. Als 125-fache Nationalspielerin hatte sie es zwar nicht anders kennengelernt, dass einfach gemacht wird, was vorgegeben wird. Heutzutage aber wollen die Spielerinnen mehr Feedback haben. Der Perspektivwechsel, erklärt sie, schaffe Vertrauen. Nur überall kann sie sich nicht ändern. Mag sie gerade entspannt rüberkommen, ihre Emotionen werden stets Teil von ihr bleiben. Doch sie arbeitet daran. Wenn sie am Spielfeldrand schreie, sei das keine konstruktive Hilfe, »die Anweisungen müssen klar und sauber sein«. Auch da wähnt sich eine fast rastlose Persönlichkeit weiter.

Aber eine lebensbejahende Powerfrau vom Niederrhein muss auch mal runterfahren. Nach dem Aufstehen gegen 6.45 Uhr geht sie im Teamhotel gleich morgens eine halbe Stunde Schwimmen, »dann ist der Pool noch ganz leer«.

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