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  • KZ-Gedenkstätte Buchenwald

Neue Bäume zur Erinnerung

Großes Entsetzen nach Anschlägen auf NS-Gedenkstätte in Thüringen

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.
Bei Schöndorf wurden Bäume beschädigt, die an Opfer des NS-Konzentrationslagers Buchenwald erinnern
Bei Schöndorf wurden Bäume beschädigt, die an Opfer des NS-Konzentrationslagers Buchenwald erinnern

Schöndorf mit seinen knapp 4200 Einwohner*innen ist ein eher ruhiger Ortsteil im Norden von Weimar. Wer hierher kommt, sucht ländliche Ruhe, Wanderwege laden zu Spaziergängen durch die Natur ein. Aufmerksamen Tourist*innen entgeht allerdings nicht das dunkle Kapitel dieser Region mitten in Thüringen. Nur wenige Kilometer entfernt, auf der anderen Seite des Ettersbergs liegt die KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Zwischen beiden Orten verläuft eine Route, auf der Anfang April 1945 die sogenannten Todesmärsche stattfanden. Kurz vor der Befreiung des Lagers durch US-amerikanische Truppen hatten die Nazis das KZ geräumt und tausende Häftlinge auf den Marsch in andere Lager getrieben. Viele überlebten die Strapazen nicht. Seit 1999 erinnern entlang der Todesmarschrouten gepflanzte Bäume an die etwa 1600 Kinder, die das KZ Buchenwald nicht überlebten. Gedacht wird durch das Projekt »1000 Buchen« des Lebenshilfswerks Weimar/Apolda auch der Opfer des NS-Euthanasieprogramms. Gestiftet werden die Bäume von Pat*innen.

Stilles Erinnern, welches innerhalb weniger Tage gleich zwei Mal gestört wurde. Zuletzt hatten am Wochenende Unbekannte zwei Erinnerungsbäume am Rande eines Feldes bei Schöndorf umgeknickt und an drei weiteren Bäumen die Rinde entfernt. Willkürlicher Vandalismus ist unwahrscheinlich, der Gedenkweg ist durch Hinweisschilder markiert. Die zuständige Staatsanwaltschaft Erfurt ermittelt wegen gemeinschädlicher Sachbeschädigung.

Bereits am Mittwoch vergangener Woche hatte der Vize-Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, Philipp Neumann-Thein, bei einem Rundgang einen Anschlag auf sieben Bäume festgestellt, die nahe des Erinnerungsortes entlang der Trasse der ehemaligen Buchenwaldbahn standen. Auch diese Bäume waren abgeknickt oder abgesägt worden. Zu jedem gehörte eine Tafel, die an verschiedene Opfergruppen oder einzelne Häftlinge des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald erinnert. Neumann-Thein berichtet, nur zwei Tage zuvor seien die Bäume noch in Ordnung gewesen. Entdeckt hatte er die Tat am Jahrestag des Stauffenberg-Attentats auf Adolf Hitler 1944. Naheliegend ist ebenso ein Zusammenhang mit einem anderen historischen Termin: Am 15. Juli 1937 wurden die ersten Häftlinge in Buchenwald inhaftiert, bis April 1945 waren es insgesamt etwa 280 000 Menschen, von denen 56 000 starben.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) kündigt als Reaktion auf die Anschläge an, seinen Sommerurlaub in Südtirol zu unterbrechen und am Sonntag an einer Gedenkveranstaltung für deportierte jüdische Jugendliche in Weimar teilzunehmen. Auch werde er sich an der Neupflanzung der Bäume beteiligen. Die Reaktionen auf die Angriffe fallen in Thüringen deutlich aus. Für Hinweise setzt die Stadt Weimar eine Belohnung von 10 000 Euro aus. Überraschend kommt dieser Schritt nicht, hatte es doch bereits 2019 und 2020 ähnliche Anschläge auf die Gedenkbäume gegeben. »Das ist kein Streich, das ist ein Verbrechen«, erklärt Weimars Oberbürgermeister Peter Kleine (parteilos).

Konsequente Reaktionen der Strafverfolgungsbehörden, aber auch der Zivilgesellschaft fordert Katharina König-Preuss, Sprecherin für Antifaschismus in der Thüringer Linksfraktion. Die Abgeordnete erinnert daran, wie oft es in der Vergangenheit zu Angriffen auf die Gedenkstätte Buchenwald kam. »Allein die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Thüringen dokumentierte 85 antisemitische Anfeindungen gegen die Gedenkstätte im letzten Jahr«, so Preuss.

Ann-Sophie Bohm, Landessprecherin der Thüringer Grünen und Fraktionsvorsitzende im Stadtrat von Weimar, zeigte sich ebenfalls betroffen, da es in der Stadt »eine besorgniserregende Serie von rechtsradikalen Anschlägen« gab. Neben den Gedenkbäumen wurde 2021 auch eine an verschiedenen öffentlichen Plätzen in der Stadt gezeigte Ausstellung zu den Themen Diversität, Rassismus und Diskriminierung wiederholt zerstört. Ebenso wurden in den letzten Jahren mehrere Stolpersteine beschädigt und das Café Spunk angegriffen, dessen Betreiberin sich gegen rechtes Gedankengut positioniert.

Keine Reaktion erfolgte bisher seitens der Thüringer AfD, weder der Landesverband noch die Fraktion im Erfurter Landtag veröffentlichten eine Erklärung zu den Anschlägen. Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, überrascht das nicht: »Solche Attacken sind auch ein Resultat der erinnerungspolitischen Wende, zu der Rechtsextreme in der AfD immer wieder aufrufen.«

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