Moskau allein im All

Russland will raus aus der ISS und eine eigene Raumstation bauen

Ein russischer Kosmonaut bei Außenarbeiten an der ISS
Ein russischer Kosmonaut bei Außenarbeiten an der ISS

In ein paar Jahren soll die internationale Zusammenarbeit im Weltraum Geschichte sein. Mit der Ankündigung, 2024 aus der Internationalen Raumstation ISS auszusteigen, sorgte die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos am Dienstag für Verwirrung bei den westlichen Partnern. Noch am selben Tag präsentierte Roskosmos bei Telegram die Pläne für eine neue russische Raumstation, die ab 2028 gebaut werden soll. Russische Orbit-Dienststation heißt das Projekt ganz nüchtern, viel eingängiger ist dagegen die Abkürzung ROSS.

Russland zieht mit der Ankündigung einen Schlussstrich unter das Kapitel ISS, das in den vergangenen Jahren in Moskau wegen hoher Kosten und den erkaltenden Beziehungen zu den USA und der Europäischen Union für wenig Freude gesorgt hat. Pläne für die ROSS gab es bereits 2016, im vergangenen Jahr kündigte der damalige Roskosmos-Chef Dmitri Rogosin den Ausstieg für 2025 an, der nun ein Jahr früher erfolgen soll. Der immer schlechter werdende technische Zustand des russischen Moduls und die Sanktionen nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine beschleunigten die Pläne.

Am 1. März twitterte Rogosin, dass die Gelder, die bisher in gemeinsame Projekte mit Europäern und Amerikanern flossen, nun dafür verwendet werden, sich unabhängig zu machen. Am selben Tag erklärte er, dass die Sanktionen eine Fortführung der ISS in Frage stellen. Auch wenn von westlicher Seite immer wieder betont wurde, dass die Sanktionen auf der Erde die Zusammenarbeit im Weltraum nicht beeinflussen werden, machte Rogosin deren Aufhebung immer wieder zur Bedingung für eine gemeinsame Zukunft. Im Mai sprach Rogosin plötzlich davon, wegen der ISS keinen Streit haben zu wollen.

Neuer Chef soll Russlands Raumfahrt retten

Wie groß Rogosins Einfluss zu diesem Zeitpunkt noch war, ist schwer zu sagen. Doch auch dem Kreml wurde immer klarer, dass Rogosin nicht mehr der richtige für den Job ist. 2018 wurde Rogosin bei Roskosmos installiert, um das Staatsunternehmen finanziell zu konsolidieren – und scheiterte an dieser Aufgabe. Statt die russische Raumfahrt zu modernisieren, lieferte sich Rogosin Twitter-Duelle mit Elon Musk und veröffentlichte selbstgeschriebene Weltraumlieder auf der Homepage von Roskosmos. Am 15. Juli wurde Rogosin schließlich gegen Juri Borissow ausgetauscht, der als Vizepremier zuvor für Waffenlieferungen zuständig war. Mit diesem Schritt wollte der Kreml die Führung von Roskosmos festigen, ist der Politikwissenschaftler Pawel Lusin überzeugt. In einer Analyse für das russische Exilmedium »Meduza« nennt er Borissow einen Technokraten, der für sein Wissen und seine Fähigkeiten und weniger für seine Loyalität geschätzt wird. Zudem genießt Borissow auch bei den Silowiki, also den Militärs und Geheimdienstlern, Vertrauen.

Gleich nach seinem Amtsantritt wurde Borissow deutlich: Russlands Raumfahrt ist in einer schwierigen Situation, sagte er der Nachrichtenagentur Interfax. »Ich sehe meine Hauptaufgabe darin, die Latte nicht fallen zu lassen, sondern höher zu legen und in erster Linie die russische Wirtschaft mit den benötigten kosmischen Dienstleistungen zu versorgen.« Gemeint sind damit das russische Navigationssystem Glonass, Nachrichtentechnik und Datenübermittlung.

Roskosmos baut auch Raketen für Atomwaffen

Letztendlich wurde Borissow als Roskosmos-Chef eingesetzt, um die einst stolze russische Raumfahrt vor dem kompletten Zerfall zu bewahren, mutmaßt Lusin in seiner Analyse. Der Erfolg des Technokraten ist nicht gewiss. Es ist durchaus möglich, dass Borissow den Scherbenhaufen, den ihm Rogosin hinterlassen hat, nicht los wird und Russlands Raumfahrt den technischen Rückstand nicht mehr aufholt. Aber der Kreml vertraut ihm, den »strukturellen Umbau der Wirtschaft«, wie die Wirtschaftstransformation seit Kriegsbeginn heißt, anzugehen. Denn Roskosmos baut auch die Trägerraketen für Russlands Atomwaffen und moderne Hyperschallraketen. Die können zwar »den halben Kontinent auslöschen«, wie Rogosin im Mai tönte, stehen aber kaum zur Verfügung, wie beim Krieg in der Ukraine deutlich wird. Zudem sind die meisten Systeme veraltet.

Gegenüber den ausländischen Partnern werde man seine Pflichten bis 2024 »selbstverständlich erfüllen«, sagte Borissow bei seinem ersten Arbeitstreffen mit Präsident Wladimir Putin. »Aber die Entscheidung über den Ausstieg aus dieser Station nach 2024 ist gefallen.« Bis die ROSS wirklich ihre Runden um die Erde dreht, werden noch einige Jahre vergehen. Wie die Zeit bis zum Baubeginn 2028 überbrückt werden soll, sagt Roskosmos nicht offen und verweist lediglich auf eine engere Zusammenarbeit mit den Chinesen. Die Träume bleiben in Moskau aber groß. Zukünftig wolle man zum Mond, sagte der Generalkonstrukteur der Raumstation Wladimir Solowjow im Interview mit der Zeitschrift »Russkij kosmos«. Die ROSS sei die ideale Zwischenstation für die Kosmonauten auf dem Weg zum Erdtrabanten oder sogar noch weiter zum Mars.

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