Zornig unter Staub und Sand: Annemiek van Vleuten

Tom auf Tour: Die Leiden einer Favoritin bei der Frankreich-Rundfahrt

  • Von Tom Mustroph, Bar-sur-Aube
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Leiden einer Favoritin: Annemiek van Vleuten bei der Tour de France.
Die Leiden einer Favoritin: Annemiek van Vleuten bei der Tour de France.

Mit einer dicken Schicht aus Sand und Staub war Annemiek van Vleuten bedeckt nach der 4. Etappe dieser Tour de France der Frauen. Es ging über vier Schottersektionen. Tour-Chefin Marion Rousse wollte offenbar zeigen, dass auch Frankreich über nichtasphaltierte Straßen verfügt, die sich zu einem Rennen nach dem Muster der Strade Bianche eignen.

Van Vleuten hat die Strade Bianche zwar schon zweimal gewonnen. Es gibt das Frauenrennen dieses Neoklassikers bereits seit 2015. Von einer Strade-Etappe im Rahmen einer Tour war sie aber wenig begeistert. Unter der Sand- und Dreckschicht, die sich auf ihrem Gesicht und auf dem blauen Movistar-Trikot abgelegt hatte, brodelte sogar ein regelrechter Zornvulkan. »Ich liebe die Strade Bianche. Ich finde auch ein Rennen in der Region hier gut«, sagte sie und verwies auf die Champagne, deren Weinberge sich links und rechts der Strecke erhoben. »Aber so ein Parcours wie heute gehört einfach nicht in ein Etappenrennen. Gut, es gibt tolle Bilder. Aber muss das der Hauptgrund sein? Der Stress vor allem für die Klassementfahrerinnen ist enorm. Mit einem Sturz, mit einem Defekt kann gleich alles vorbei sein«, meinte sie zu »nd«. Sie selbst, die große Favoritin dieser Tour, hatte einen Platten. »Zum Glück kam gleich hinter mir eine Teamkollegin, deren Rad ich nehmen konnte. Ansonsten wäre alles gleich vorbei gewesen. Auch Ashleigh Moolman hatte einen Defekt, Elisa Longo Borghini ebenfalls«, spielte sie auf die ebenso kritischen Situationen wichtiger Konkurrentinnen an.

Annemiek Van Vleuten hatte einen schweren Start in diese Frankreich-Rundfahrt. »Natürlich ist es schön, dass wir endlich unsere eigene Tour de France haben und nicht nur die Männer. Aber ehrlich gesagt hatte ich die letzten Tage vor allem mit mir selbst zu tun. Es ging mir so dreckig. Ich hatte Magenprobleme mit allem, was dazugehört. Die Beine waren total leer. Das einzige, was ich nicht hatte, war Fieber«, erzählt sie. Bereits auf der 2. Etappe verlor die Weltmeisterin und Olympiasiegerin aus den Niederlanden etwa eine halbe Minute auf die Konkurrenz, auf der dritten kamen noch einmal 15 Sekunden hinzu. »Da war ich froh, dass ich den Rückstand überhaupt noch in Grenzen halten konnte«, sagt sie. Erst nach der 4. Etappe, ausgerechnet der, die über Sand und Schotter führte, konnte sie wieder lachen. Denn da kam sie im Feld der Favoritinnen an. Eine Minute Rückstand hatte sie danach auf Longo Borghini vom Trek-Rennstall und Kasia Niewiadoma vom einzigen deutschen Team Canyon SRAM. Die Italienerin und die Polin schälen sich als Favoritinnen für den zweiten Teil dieser Tour de France heraus.

Van Vleuten hat den Gesamtsieg aber selbstverständlich noch nicht aufgegeben. »Ich werde kämpfen«, versprach sie – und erstmals seit Tagen rumorte beim Sprechen nicht auch ihr Magen. Das Gelbe Trikot ist das Ziel der mittlerweile 39-jährigen Radsportlerin. Es würde eine enorme Karriere krönen. Seit 2008 fährt sie Rennen auf höchstem Niveau. Vorher spielte sie Fußball, stieg nach einer Knieverletzung aber aufs Rad um und kam über den Gewinn der niederländischen Studentenmeisterschaft im Straßenradsport zu den Profis. Dort gibt sie seit 2010 den Ton mit an. Sie gewann, was es zu gewinnen gab, Eintagesklassiker wie die Flandernrundfahrt und Lüttich–Bastogne–Lüttich, Etappenrennen wie den Giro d’Italia und die Valencia-Rundfahrt. Und auch bei den an die Grand Tours der Männer angekoppelten Ceratizit Challenge by la Vuelta und La Course by le Tour de France war sie bereits Siegerin. Fehlt ihr nur noch das Gelbe Trikot der Tour de France. Der Weg dorthin gestaltet sich momentan aber dornenreicher als angenommen.

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