Sommer, Sonne, Schwimmbad!

Wie es ist, an einem Sommermorgen in einem Berliner Freibad schwimmen zu gehen

Um ins Sommerbad Humboldthain zu gelangen, muss man erst die Drehkreuze passieren.
Um ins Sommerbad Humboldthain zu gelangen, muss man erst die Drehkreuze passieren.

Es ist fünf vor zehn, ein Donnerstag im Juni. Das Wochenende soll das erste richtig heiße des Jahres werden, jetzt sind 22 Grad.

Vor dem Sommerbad Humboldthain stehen fünf Frauen und ein Mann einzeln herum, eine weitere schließt ihr Fahrrad an, gesellt sich dazu. Ich zögere. Dies ist keine Schlange, niemand scheint gewillt, sich anzustellen.

Das Eingangsschiebegitter ist bis auf einen kleinen Spalt geschlossen. Keiner schaut aufs Handy, die meisten Blicke sind versonnen auf das glatte Blau des Schwimmbeckens im Hintergrund gerichtet.

Ich zeige meine Bäderjahreskarte der am nächsten stehenden Frau: »Haben Sie auch, oder?« Die Frau präsentiert mir ihre, die sie in der linken Hand gehalten hat. Das Gleiche tun die drei anderen Frauen, alle lächeln wir uns an.

»Man möchte schieben helfen«, meint eine und nickt mit dem Kinn in Richtung Schiebegitter. Jetzt drücken sich eine Frau und ein Mann der Bäderbetriebe durch den Spalt hinaus, beginnen, die beiden Teile des Tors nach rechts und links aufzuschieben und zu verhaken.

Rechts klemmt es. Die Frau drückt und schimpft, das Gitter rutscht immer wieder auseinander. Endlich bleibt es an einem Widerstand hängen.

Nun werden Absperrgitter, die Ein- und Ausgang im Wartebereich trennen sollen, aus dem Bad getragen und ineinander gehängt. Es geht sehr langsam, mehrere Hände zucken hilfsbereit bei uns Wartenden.

Als nächstes tragen die beiden Bademeister einen Tisch in die Sonne, darauf eine Plastikbox, die hin und her rutscht und vor dem Absturz gerettet werden muss, denn der Tisch neigt sich gefährlich gen Absperrgitter.

»Jeden Morgen das Gleiche…«, murmelt die Frau neben mir. Endlich ist die Tür freigegeben und unser Grüppchen geht schnellen Schrittes auf die Einlasssensoren mit den Drehkreuzen zu.

»Sind die denn schon an?«, frage ich die Frau, die schieben helfen wollte. Sie zeigt oben auf den schuhkartongroßen Kasten: »Wenn es da grün leuchtet, geht’s los!« Sie hält ihre Dauerkarte an die Scheibe mit der Kamera, es leuchtet grün und das Drehkreuz öffnet sich. Auch nebenan ist die erste durch.

Ich halte meinen Strichcode vor meine schwarze Scheibe, nichts passiert. Der Mann ruft über zwei Frauen hinweg: »Mit Abstand, etwas weiter weghalten!« Ich wedele mit der Karte herum, von rechts nach links, nah ran und weiter weg. Dabei gerate ich irgendwie in die richtige Position, es wird grün.

Schnellen Schrittes ab zur Umkleide, die schon von der ersten Frau im Bikini verlassen wird. Ich erhasche mit neidischem Seitenblick, wie sie zackig durch die Wasserschleuse watet, die Badelatschen abstreift und die Leiter ergreift.

Ich habe meinen Badeanzug bereits untergezogen, die Sonnenbrille und die Uhr im Gehen abgenommen und in der Handtasche verstaut, raus aus Hose und Oberteil, Schwimmbrille und Handtuch geschnappt, den Rest eingeschlossen und los.

Die Bademeisterin sitzt schon auf ihrem Hochsitz, ein Rasensprenger knattert Fontänen über Gras und Gehweg, wo sich Pfützen bilden. Eine Wespe erkundet die Wasserschleuse. Ich dusche mit dem Handtuch in der abgespreizten Hand und habe noch fünf Meter bis zur Leiter. Jauchzen steigt die Kehle hoch.

Das Wasser ist kalt, die Sonne scheint, ein Rabe auf einem Baum in der Nähe krächzt und ich bin die Dritte im noch beinahe unbewegten Becken. Zehn Uhr und sieben Minuten, los gehts.

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