Kartoffeln pflanzen

Russlands Wirtschaft steckt in der Krise, für die Bevölkerung wird das Leben härter

Der Rückzug von McDonald's steht symbolisch für die neue Realität in Russland
Der Rückzug von McDonald's steht symbolisch für die neue Realität in Russland

In den Kinos laufen Straßenfeger aus den 60ern, auf den Straßen sollen bald wieder Autos der Marke Moskwitsch fahren und die Lebensmittel werden von Kühlschränken aus Saratow kalt gehalten. Außer Coca-Cola. Denn das in Zuckerwasser gegossene Versprechen von Kapitalismus und Freiheit ist aus den Regalen der Läden verschwunden. Liest man die Nachrichten über Russland nach dem 24. Februar, kann man den Eindruck bekommen, Präsident Wladimir Putin hat mit seinem Einmarsch in die Ukraine den Staat wiederauferstehen lassen, dessen Verschwinden er einst als größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnete.

Die Menschen in Russland sind an wirtschaftliches Leid gewöhnt. Die Geschichte ihres Landes seit der Auflösung der Sowjetunion ist auch eine Geschichte der Wirtschaftskrisen. Die aktuelle, ausgelöst durch den Überfall auf das Nachbarland, hat vieles zerstört, was in den vergangenen Jahren mühsam aufgebaut wurde. Wer konnte, brachte noch am Abend des Kriegsausbruchs sein Geld in Sicherheit und buchte ein Ticket raus, zumeist nach Georgien. Wie viele Menschen Russland seit Ende Februar verlassen haben, weiß niemand genau. Wer blieb, erlebte eine Rekordtalfahrt des Rubel und stellte sich schnell die Frage, was man sich zulegen sollte, bevor man für sein Geld nichts mehr bekommt. Ein Bekannter aus Moskau erzählt, er habe noch schnell Baumaterialien besorgt, um seine Datscha in der Nähe der russischen Hauptstadt in diesem Sommer fertigzustellen. Andere Freunde konnten auf die Frage, wie sie ihr Geld angelegt haben, nur lachen und wollten wissen, von welchem Geld die Rede sein soll.

Wirtschaft bricht ein

Am Dienstag veröffentlichte der Internationale Währungsfonds (IWF) seinen Ausblick auf Russlands Wirtschaft. Den Finanzexperten zufolge geht das Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr um 6,5 Prozent zurück, 2023 soll es um weitere 3,5 Prozent sinken. Russlands Zentralbank sagte ein paar Tage zuvor einen Rückgang zwischen vier und sechs Prozent voraus, erst für 2024 erwartet man in Moskau sogar wieder ein leichtes Wachstum von 1,5 bis 2,5 Prozent. Im Juni waren sowohl der IWF als auch die russische Zentralbank von einem noch stärkerem Rückgang ausgegangen. Russlands Zentralbank zeigt sich deshalb in einer Mitteilung erfreut über die Entwicklung, hält zugleich aber fest: »Die äußeren Bedingungen bleiben für die russische Wirtschaft schwierig und beschränken die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit bedeutend.« Gemeint sind damit die in ihrer Masse einmaligen Sanktionen des Westens gegen Russland, die das Land vom internationalen Markt abschotten und die Regierung in die Knie zwingen sollen. Denn Russlands Wirtschaft ist fast ausschließlich auf den Export von Energie und Rohstoffen ausgelegt. Und die gehen überwiegend in den Westen. Unmittelbar nach Kriegsbeginn kamen in Moskau Überlegungen auf, Gas und Öl einfach an andere Länder wie etwa China oder Indien zu verkaufen. Bereits nach dem Kohleausstieg Deutschlands baute Russland seine Transportinfrastruktur Richtung Pazifik massiv aus.

Aus russischer Sicht ist es fast egal, wem man Gas und Öl verkauft. Der Fokus auf Europa liegt weniger an den politischen Interessen des Kreml, als am Preis, den die Europäer zahlen. Abgesehen davon, dass China seine Energiequellen diversifizieren will, weiß man in Moskau auch, dass Peking mittlerweile in einer derart starken Position ist, den Preis ordentlich zu drücken. Indien zahlt sogar noch weniger als China für russische Rohstoffe und greift beherzt zu. »Warum sollte ich nein sagen, wenn mir Energieressourcen vergünstigt angeboten werden? Unser Volk braucht sie schließlich«, sagte die indische Finanzministerin Nirmala Sitharaman Mitte April bei einer Dienstreise in die USA. 5,1 Milliarden US-Dollar überwies Indien für Energie in den ersten drei Monaten des Krieges, das ist das fünf Mal mehr als im selben Zeitraum 2021. Nach China verkaufte Moskau Rohstoffe im Wert von 18,9 Milliarden US-Dollar. Auf 13 Milliarden US-Dollar beliefen sich die Mehreinnahmen aus den beiden Ländern.

»Befreundete Länder« sollen helfen

Die Mehreinnahmen in Asien können die Verluste im Inland indes nicht auffangen. Über 1000 ausländische Unternehmen haben seit Kriegsbeginn ihr Russlandgeschäft eingefroren und suchen nach einem Käufer. Monatelang bot sich in den Straßen und Einkaufszentren ein trauriges Bild: Filialen ausländischer Marken blieben geschlossen und vertrösteten ihre Kunden. Der Russische Rat der Shoppingcenter schaute sich deshalb im März in »befreundeten Ländern« wie der Türkei, Indien, dem Iran sowie China nach Unternehmen um, die »in Design und Qualität« den westlichen gleichwertig sind. Dort, wo es keine gleichwertigen Waren gibt, soll der Parallelimport die Nachfrage befriedigen. Bereits im März wurde die Einfuhr von Waren ohne die Erlaubnis des Rechteinhabers diskutiert. Das Wirtschaftsministerium erstellte darauf hin eine Liste mit den erlaubten Waren. Die umfasst hauptsächlich Autos und Ersatzteile sowie Luxusgüter. Ende Juli sprach Vizepremier und Handelsminister Denis Manturow davon, den Parallelimport bald wieder einzustellen, wenn russische Unternehmen in der Lage sind, äquivalente Waren zu produzieren. Wann das sein soll, ist absolut unklar. Die Sanktionen haben den Menschen in Russland vor Augen geführt, dass die einheimische Wirtschaft nur sehr wenig produzieren kann und das dazu noch auf technisch niedrigem Niveau.

Immerhin ist der Rubel wieder aufgewertet und damit die Preise gedrückt. Auch die befürchtete Massenarbeitslosigkeit ist bisher ausgeblieben. Dennoch war nach Angaben des Statistikamtes Rosstat die Verbraucherstimmung im zweiten Quartal so schlecht wie seit acht Jahren nicht mehr. Bei einer vorausgesagten Inflation von zwölf bis 15 Prozent fehlt vielen Russen schlicht das Geld. Laut Prognosen werden die Reallöhne in diesem Jahr um drei bis fünf Prozent sinken. Wer kann, bringt sein Erspartes im Ausland unter und versucht, sich selbst zu versorgen. Im April reichten die Arbeitnehmer massenhaft Urlaubsanträge ein, um Kartoffeln pflanzen zu können.

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