Nackt vor der Katze

Wie es ist, wenn einem die eigenen Haustiere mit Moral kommen

Deine Katze jedes Kilo am Bauch zu viel im Blick.
Deine Katze jedes Kilo am Bauch zu viel im Blick.

In »Das Tier, das ich also bin« beschreibt Jacques Derrida eine außeralltägliche Szene aus seinem Alltag: Nackt im Badezimmer stehend, sich die Zähne putzend, bemerkt er plötzlich, wie sein Kater ihn durch den Türspalt aufmerksam mustert – wie er seinen Körper richtiggehend wahrnimmt, potenziell beurteilend, potenziell bewertend. Er fängt spontan an, sich zu schämen, verhüllt sich hektisch und schließt die Tür. Das Verhältnis zu seinem Haustier, das ihn schon vorher unzählbare Male nackt gesehen hatte, war nie wieder ganz unbefangen – er hatte etwas Menschliches in dem Blick des Tieres erkannt, was er ihm nun für immer als potenzielle Qualität unterstellte.

Wichtig ist bei dieser Geschichte wohl, dass es sich bei dem Kater eben nicht um einen Menschen handelte: Das Wesen konnte die Scham (beziehungsweise die Blamage) seines »Besitzers« als solche erkennen, ohne selbst jemals in den unangenehmen Genuss einer solchen Blamage zu kommen. Denn: Tiere können nicht nackt sein, denn sie sind niemals angezogen.

Über das Verhältnis von domestizierten Tieren, Haustieren, zu Menschen ist viel geschrieben worden – und tatsächlich ist der Diskurs unendlich. Auf die Dreißig zugehend stelle ich fest, dass die Menschen in meinem Bekanntenkreis nicht nur anfangen, Kinder zu bekommen – sie fangen ebenfalls an, sich Haustiere anzuschaffen. Und es ist auch, wie alle wissen, tatsächlich so, dass die Besitzer*innen ihren Schützlingen häufig besonders ähnlich sehen – oder andersherum. Jean Baudrillard schreibt in »Das System der Dinge«, dass Haustiere sich kategorial irgendwo zwischen Lebewesen und Gegenstand bewegen – aber ich halte diese These tendenziell für veraltet. Eine meiner Freund*innen zum Beispiel, nahm sich zur »Eingwöhnungsphase« ihres neu angeschafften Pudels sogar eine Woche lang Urlaub. Dass Menschen in Berlin ihre Hunde wie eigene Kinder behandeln, könnte allerdings auch damit zu tun haben, dass sich das, zum Beispiel in den USA gängige Prinzip des Dog Sitting noch nicht durchgesetzt hat.

In Amerika ist dieser Berufsstand dagegen gang und gäbe. Man sieht im Stadtraum junge Menschen mit bis zu zwölf verschiedenen kleinen oder bis zu sieben verschiedenen größeren Hunden durch die Straßen gehen. Es ist ein vertrauensvoller Beruf, höher angesehen als Babysitting und wird aber dennoch häufig als erster Nebenjob neben der High School oder dem College ausgeübt. Die Dog Sitter sehen häufig vergnügt aus, denn die meisten, die sich für diesen Beruf entscheiden, lieben Hunde und genießen es, Zeit mit ihnen zu verbringen.

Wenn man sich allerdings für den Kontakt mit anderen Menschen interessiert, ist der Beruf eher ungünstig. Es ist fast unmöglich, ein Gespräch mit einer Hundesitter*in zu führen, denn alle aus menschlichen Mündern kommenden Worte werden durch das, den menschlichen Stimmen überlegenen, Bellen und Knurren der sieben bis zehn Hunde, die um die Sitter herum versammelt sind, übertönt.

Ein New Yorker Freund von mir hatte jahrelang einen Crush auf eine Hundesitterin, die auf mehrere Hunde aus seinem Haus aufpasste. Sie lächelte ihm immer freundlich zu, wenn sie sich im Hausflur begegneten, trotzdem schaffte er es nie, sie anzusprechen: Er kam, akustisch, einfach nicht zu ihr durch.

Besonders einsam sind Dog Sitter in Kalifornien. Dort gibt es so genannte Dog Sitter Parks: Kleine Käfige, in denen sich etwa sechs Quadratmeter angelegter Rasen befinden und eine Bank (für nur eine Person) – daneben ein Mülleimer mit integriertem Plastiktütenspender. Stundenlang sitzen die Dog Sitter*innen nebeneinander in ihren abgetrennten Käfigen, schauen den Hunden (ähnlicher Art und Größe) beim Spielen zu und stehen nur auf, um jene Plastiktüten zu benutzen. Stück für Stück füllt sich der Mülleimer neben ihnen. Alle Versuche, ein Gespräch mit der jeweiligen Dog Sitterin neben ihnen zu beginnen, ist zwecklos.

Ich selbst wäre tatsächlich keine qualifizierte Hundesitterin, denn ich ekele mich leider ein bißchen vor Hunden – und sehr vor dem Umgang mit ihren Fäkalien. Als ich ein einziges Mal eine dieser gut verknoteten, mit frischen Fäkalien gefüllten, Plastiktüten in die Hand bekam (die Hundebesitzerin händigte sie mir aus, weil ich direkt neben dem Mülleimer stand) ließ ich die Tüte sofort wieder (auf den Hund) fallen: Ich erschrak spontan über die Wärme der Körpertemperatur des Tieres – der Hund ebenso über seine eigene, er sprang spontan in die Höhe: Der Beutel fiel von seinem Rücken und zerplatzte.

39 Grad Celsius ist die normale Körpertemperatur von Hunden – zwei Grad höher als die Körpertemperatur von Menschen.

Jacques Lacan, der dritte Franzose in diesem Text (Excusez moi!) beschreibt den Unterschied zwischen domestizierten und wilden Tieren damit, dass sich domestizierte Tiere (ebenso wie Menschen) überfressen, dass sie keinen Instinkt für das gesunde Ende ihres Appetits haben, sondern von einem Begehren zu Konsumieren überfallen werden, das sich dem Bereich der archaischen Notwendigkeit entzieht. Haustiere sind, Lacan zufolge, also kategorial sogar eher Menschen als Tiere.

Dass Katzen sich auch menschlich verhalten können, erlebte ich selbst nur ein einziges Mal – es war ein Moment, der dem Erschrecken des nackten Derridas im Badezimmer nicht unähnlich war. Ich war von meiner Nachbarin gebeten worden, gegen eine Bezahlung in Form mehrerer Weinflaschen, eine Woche lang ihre zwei »Norwegischen Waldkatzen« zu versorgen. Einen Tag bevor sie zurückkommen sollte, entschieden mein Freund und ich, ungefragterweise eine Nacht in ihrem Bett zu verbringen. Es kam uns ein bisschen verboten und dadurch aufregend vor. Als wir anfingen, miteinander zu schlafen, wurde ich plötzlich auf laute Geräusche aufmerksam. Ich drehte mich um und sah, dass die beiden »Norwegischen Waldkatzen« auf dem Boden neben uns angefangen hatten, es uns gleichzutun – oder zumindest aggressiv miteinander zu schmusen. Sie hatten uns gespiegelt. Wir erschraken uns sehr, zogen uns schnell an und gingen zurück in meine Wohnung, wo wir uns noch ein bisschen über den gruseligen Vorfall unterhielten und dann einschliefen. Haustiere sind also, wie man sieht, nicht besonders libidofördernd.

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